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Aus der Stadt „Wir haben zu spät auf den Salafismus reagiert“
Hannover Aus der Stadt „Wir haben zu spät auf den Salafismus reagiert“
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20:36 06.04.2016
„Viele haben Angst, dass es ihr Kind treffen kann“: Moderator Heiko Randermann spricht mit Michael Kiefer , Wilhelm Bredthauer und Avni Altiner. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Wie kann es dazu kommen, dass junge Menschen im Namen der Religion zu Attentätern werden? In Hannover hat im Februar der Fall Safia S. viele Menschen geschockt: Die 15-Jährige stach am Hauptbahnhof mit einem Messer auf einen Bundespolizisten ein. Der 34-Jährige wurde schwer verletzt. Wenig später erhärtete sich der Verdacht, dass die Tat ein islamistischer Terrorakt gewesen sein könnte. Der Fall wirft Fragen auf. Wie konnte sich das Mädchen von der Propaganda von Salafisten anstecken lassen? Und welche Möglichkeiten haben die Schulen und Behörden, früher einzugreifen? Um diese Themen ging es am Dienstagabend beim HAZ-Forum im Anzeiger-Hochhaus. HAZ-Redakteur Heiko Randermann moderierte die Diskussion.

Staatsvertrag mit Muslimen

Auch der Staatsvertrag, den das Land Niedersachsen mit den Muslimen abschließen will, war Thema beim Forum. Der Schura-Vorsitzende Avni Altiner meinte, dass diese Verträge auch dazu beitragen könnten, radikalen Muslimen das Wasser abzugraben. Aber es gab dazu auch kritische Gegenstimmen aus dem Publikum.

Eine Zuhörerin lehnte jede Form von Kooperation zwischen Staat und Religionsgemeinschaften ab: „Religion ist Privatsache“, es solle daher ebenso wenig Staatsverträge mit Muslimen wie mit christlichen Kirchen oder Juden geben. Doch auch das blieb nicht unwidersprochen: Ohne die Staatsverträge gebe es kein jüdisches Leben in Deutschland, da nach dem Mord an 6,5 Millionen Juden im NS-Regime die Gemeinden nicht groß genug seien, um ohne staatliche Hilfe Synagogen bauen zu können.
Auch der Islamwissenschaftler Michael Kiefer unterstützte den Staatsvertrag: „Es geht auch um das Signal, das von ihm ausgeht. Es ist ein Akt der Anerkennung.“ Auch Schulleiter Wilhelm Bredthauer plädierte für den Staatsvertrag, um jungen Leuten zu zeigen, dass ihre Religionen gleichwertig seien.

Ein in der Öffentlichkeit umstrittener Punkt sind die sogenannten Gebetsräume, die Schulen laut Vertrag einrichten können sollen. Der Begriff sei missverständlich, meint Altiner. Es handele sich um „Räume der Stille“, die es auch in jedem Krankenhaus gebe. Das sei besser, als wenn Schüler zum Beten „in die Besenkammer“ gehen müssten. ran

Im Fall Safia S. gab es konkrete Anzeichen. Inzwischen ermittelt deswegen der Generalbundesanwalt. Zum Zeitpunkt der Messerattacke sollen die Behörden bereits von einer Veränderung in ihrem Verhalten gewusst haben.
Fälle wie den der 15-Jährigen kennt Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück. „Es gibt nach wie vor viele junge Menschen, die ausreisen, um sich dem IS anzuschließen“, sagte er. Die von den Terroristen Angeworbenen kämen aus allen Gesellschaftsschichten. Ein erheblicher Teil der radikalisierten Islamisten sei erst spät zum Islam konvertiert, berichtete Kiefer. Sie gehörten vorher anderen Religionen an oder waren gar nicht gläubig.

Beim HAZ-Forum geht es um die Frage, wie aus Schülern Unterstützer des „Islamischen Staats“ werden, und welche Rolle dabei Eltern, Lehrer und die Verfassungsschützer spielen.

Dass es sich bei Safia um ein Mädchen handelt, überrascht den Islam-Kenner nicht. Die Salafisten wendeten sich auch ganz gezielt an junge Frauen. Dass diese wie in diesem Fall für einen bewaffneten Angriff „eingesetzt“ werden, sei hingegen eher ungewöhnlich. Den Frauen kämen üblicherweise eher „zivile Aufgaben“ zu, berichtete Kiefer.

Auch über das Motiv der jungen Leute sei relativ viel bekannt. Die meisten strebten nach Selbsterhöhung und Macht. „Es geht um einen Endkampf mit den Ungläubigen.“ Gerade junge Leute, die in ihrer Persönlichkeit noch nicht stabil sind, seien für Propaganda anfällig. Diese Entwicklung habe vor einigen Jahren begonnen und sei anfangs von der Politik unterschätzt worden, sagte der Islam-Experte. Der IS sei 2014 sehr schnell gewachsen. Zu diesem Zeitpunkt stieg auch die Zahl der Ausreisenden stark an, die sich der Terrororganisation anschließen wollten. Danach habe es ein Jahr gedauert, bis die Sicherheitsbehörden reagierten. Trotzdem meint Kiefer rückblickend: „Wir hätten nicht viel verhindern können.“ Die Ausreise in die Türkei und weiter in IS-Gebiete sei damals zu einfach gewesen. Das habe sich geändert. Zudem sei der IS aufgrund militärischer Misserfolge unter anderem in Syrien derzeit auf dem Rückzug.

Weitere Infos

Ein eher düsteres Bild zeichnete dagegen Polizeipräsident Volker Kluwe, der als Gast im Publikum saß. Er sah gerade in den militärischen Niederlagen eine Gefahr. „Je mehr der sogenannte IS auf dem Rückzug ist, desto mehr werden sie Jugendliche dazu bringen, Anschläge hier bei den ,Ungläubigen‘ zu verüben“, sagte er. Nicht erst seit der Absage des Länderspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen die Niederlande im November bestehe auch in Hannover eine „abstrakte Gefahr“.

Sorge vor Anschlägen haben auch die Muslime in Deutschland, betonte Avni Altiner von deren Landesverband Schura. „Wir haben als Gesellschaft zu spät auf das Phänomen Salafismus reagiert“, sagte er. Das Gleiche gelte aber auch für andere Taten – wie die Morde des rechtsextremen NSU. In den muslimischen Gemeinschaften machten sich die Menschen Gedanken über die Radikalisierung der jungen Menschen, berichtete Altiner. Die radikalen Inhalte übernähmen diese meist nicht in den Moscheen, sondern im Internet. „Viele haben Angst, dass es ihr Kind treffen kann“, sagte Altiner. Wilhelm Bredthauer, Leiter der Goetheschule, sagte, entscheidend im Umgang mit jungen Leuten sei Prävention. Denn mit wem sie im Internet Kontakt hätten, sei später kaum zu kontrollieren.

Wer auffällig wird, muss zum Schulleiter

Radikalisierung von Jugendlichen ist ein Thema an den Schulen. „Ja, im Politikunterricht“, sagte Schulleiter Wilhelm Bredthauer von der Goetheschule. Wie es dagegen im Alltag – also auf dem Pausenhof – aussieht, ist für Lehrer schwer zu überblicken. Die Ausübung des Glaubens sei zu Recht Privatsache. „Schule hat die Aufgabe, religiöse Ansichten zu entwickeln, aber es müssen die eigenen sein.“ Anders sieht es aus, wenn sich ein Schüler betont auffällig verhält, indem er etwa plötzlich anfängt, seine Religion besonders offensiv auszuleben. Oder indem er ständig gegen Regeln, in diesem Fall die Schulordnung, verstößt. Wer das tut, wird ins Büro des Schulleiters zitiert. „Vorher vergewissern wir uns genau, ob an den Vorwürfen wirklich etwas dran ist“, betonte Bredthauer. Denn: Es könne für die Entwicklung von Jugendlichen fatal sein, wenn sie fälschlicherweise beschuldigt werden.

Ohne Kontrolle geht es also nicht. Doch die ist in Zeiten der modernen Kommunikation oft schwierig, räumte Bredthauer ein. Der Austausch unter Jugendlichen findet überwiegend in sozialen Medien wie Facebook und Whatsapp statt. Deshalb schätzt der Schulleiter, dass „Eltern und Lehrer nicht mal 30 Prozent von allen Kontakten unter den Schülern wissen“. Deshalb sei Prävention das Wichtigste, damit Schüler nicht an die Falschen geraten. Toleranz gegenüber allen Religionen sei das Ziel: „In der Schule muss das Zusammenleben so laufen, dass die jungen Menschen innerlich stark werden.“ kon

Judit Marach (22), Südstadt: „Ich bin gegen eine Gesinnungskontrolle. Aber ich sehe die Gefahr, dass sich junge Leute in der Schule radikalisieren.“ Quelle: Schaarschmidt
Monty Ott (24), Südstadt: „Schulen sind Orte, in denen es oft um Gruppendynamik geht. Dort besteht die Gefahr, dass sich bestimmte Einstellungen verhärten.“ Quelle: Schaarschmidt
Gisela Bredthauer (63), Steinhude: „Jugendliche zu überwachen ist weder möglich noch sinnvoll. Eine Schule soll ja kein Gefängnis sein.“ Quelle: Schaarschmidt
Gerd Bücker (62), Linden: „Ständige Überwachung darf es nicht geben. Ich setze auf die Präventionsarbeit von Beratungsstellen.“ Quelle: Schaarschmidt

Von Gerko Naumann

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