Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Darum kehren Flüchtlinge in die Heimat zurück
Hannover Aus der Stadt Darum kehren Flüchtlinge in die Heimat zurück
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 03.12.2016
Von Jutta Rinas
Das Raphaelswerk beraet u.a. Asylbewerber bzw. Fluechtlinge, die aus Deutschland freiwillig ausreisen wollen. Im Bild: Angelika Wagner beraet Abdulaziz Sadeqi, der nach Afghanistan zurück möchte. Es dolmetscht Abdul Bazir. Quelle: Katrin Kutter
Anzeige
Hannover

Es waren nur wenige Sätze in einer E-Mail. Der Inhalt aber war an Dramatik kaum zu überbieten. „Es geht um den Bewohner eines Flüchtlingswohnheims, dessen Frau in der Heimat plötzlich verschwunden ist“, lautete die Nachricht des Roten Kreuzes der Region Hannover. „Das Kind, ein Jahr alt, wird von der Nachbarin versorgt. Diese hat gesagt, wenn der Vater nicht zurückkommt, wird sie das Kind aussetzen.“

Der Vater, um den es ging, war Syrer. Er war ohne Familie nach Hannover gekommen - und hatte sie bislang nicht nachholen können. Einen Tag später sitzt er im Büro von Angelika Wagner im Raphaelswerk Hannover, in einem kleinen Raum mit einer Weltkarte an der Wand. Die 53-Jährige ist eine von drei Rückkehrberaterinnen in der Beratungsstelle der Caritas. Klassische Auswanderer gehören dort zur Klientel, deutsche Rückkehrer, binationale Familien. Immer häufiger sind es aber auch Flüchtlinge, die zurück wollen oder müssen - und Hilfe suchen. Die Zahl der freiwilligen Rückkehrer ist in diesem Jahr förmlich explodiert. Während 2015 noch 356 Geflüchtete aus der Region diesen Weg wählten, waren es von Anfang 2016 bis jetzt schon 817. Die Entwicklung folgt zudem einem bundesweiten Trend. 2014 lag die Zahl der freiwilligen Rückkehrer laut Bundesinnenministerium bundesweit noch bei 13 574. Ein Jahr später hatte sie sich auf 37 220 erhöht. 2016 lag sie bis Mitte November bei 50470 - und das Bundesinnenministerium rechnet bis Ende 2016 noch mit erheblichem Anstieg. Die Gründe sind vor allem in der verschärften Asylpolitik zu suchen. Der von der Bundesregierung beschränkte Familiennachzug spielt eine Rolle, vor allem aber die fehlende Bleibeperspektive für Geflüchtete, deren Asylantrag abgelehnt wird. Sie kommen, wenn sie freiwillig ausreisen, einer Abschiebung zuvor.

Am häufigsten gehen derzeit die sogenannten Balkanflüchtlinge. Auch an diesem Tag im Raphaelswerk bilden sie die Mehrheit: Menschen aus Bosnien, Albanien, Tunesien oder Montenegro drängen sich in dem in sonnigem Gelb gehaltenen Warteraum, dem man so gar nicht ansieht, dass für die meisten Menschen hier nach einer beschwerlichen Reise voller Hoffnungen auf ein besseres Leben Endstation ist. Sätze wie „Herzlich willkommen - wer immer du bist“ sieht man auf Karten an der Wand, aber auch Kinderzeichnungen, die lächelnde Strichmännchen und solche mit toten Augen zeigen. Warum flüchten Menschen aus den als sicher geltenden Herkunftsländern überhaupt nach Deutschland - trotz geringer Chancen auf Asyl. Gerade aus den Balkanstaaten seien in den vergangenen Monaten viele alleinreisende, junge Männer gekommen, sagt Sabina Hoffmann, beim Raphaelswerk zuständig für diese Länder. „Geh nach Deutschland, da kannst du alles machen“, werde ihnen zu Hause erzählt. Sie kämen oft ohne Vorstellung von der tatsächlichen Situation, in der Hoffnung, schnell einen Job zu finden. Allein die Enge in den Unterkünften triebe manche wieder nach Hause. Heimweh oder ein plötzlich erkranktes Familienmitglied zu Hause seien weitere Gründe für eine Rückkehr.

Die meisten jedoch gehen, weil ihr Asylantrag abgelehnt worden ist. Sie gehen freiwillig, weil nach dem Ablehnungsbescheid sonst großer Druck entsteht. „Die Antragssteller werden aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb einer Woche nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen“ - das sei der Satz gewesen, der sie am meisten geschockt habe, erzählt eine fünfköpfige albanische Familie, die an diesem Tag bei Sabina Hoffmann sitzt. Mehrere Wochen, bei Familien manchmal mehrere Monate gewährt die Ausländerbehörde, wenn Rückkehrer erklären, dass sie freiwillig ausreisen. Wer „freiwillig“ zurückgeht, erkauft sich also vor allem Zeit. Zeit, mit Angehörigen in der Heimat Kontakt aufzunehmen. Manchmal einfach nur Zeit, das Leben in Deutschland in ein paar Koffer zu packen. „Wer zurückfliegt, dessen Gepäck darf höchstens 23 Kilo wiegen“, sagt Hoffmann, bei Busfahrten seien in der Regel nicht mehr als zwei Koffer erlaubt. Es bleibt auch Zeit zu versuchen, in der alten Heimat eine neue Perspektive zu finden. Nicht alle Rückkehrer nutzen die Hilfe des Raphaelswerkes. Manchmal besorge sie nur eine Fahrkarte, sagt Hoffmann. „Das war’s.“

Manchmal erlebt Hoffmann aber auch kleine Wunder. Wie im Fall der albanischen Familie und ihres Helfers, des Wunstorfer Rentners Wolfgang Kerwel. Zufällig sieht der 69-Jährige eines Tages den ältesten Sohn der Flüchtlingsfamilie auf dem Wunstorfer Bahnhof im Regen stehen und bietet ihm eine Jacke an. Es ist der Beginn einer „tiefen Freundschaft“. Das Asylverfahren, auch den Widerspruch gegen die Ablehnung, steht Kerwel mit der Familie durch. In ihrer Heimat sind sie als Angehörige eines politisch Verfolgten in Sippenhaft genommen worden: bedroht, verprügelt. Dennoch scheitern sie mit ihrem Antrag auf Asyl. Der Vater hat zu Hause keine Aussicht auf Arbeit. Da hat Kerwel die rettende Idee: In Albaniens Hauptstadt Tirana gebe es fast nur billige Kleidung aus China, erzählt er: Secondhandläden mit guter deutscher Ware gebe es nicht. Ein Secondhandladen in Tirana, das wird die Perspektive „seiner“ Flüchtlingsfamilie. Die Ware stiften Kerwel und Freunde. Selbst ein Ladenlokal in relativ guter Lage ist schnell gefunden. Einrichtungsgegenstände werden von einem Bekannten, der regelmäßig zwischen Deutschland und Albanien pendelt, transportiert. Die Familie ist, das spürt man, trotz allem in Bezug auf ihre Rückkehr jetzt voller Zuversicht.

Abdulaziz Sadeqi dagegen wirkt müde, deprimiert. Auch er will zurück - obwohl sein Asylverfahren nicht abgeschlossen ist. Als Afghane, als Vater eines Sohnes zudem, der im Bürgerkrieg getötet wurde, hat sein Antrag Aussicht auf Erfolg. Aber er wartet schon so lange, sagt er im Büro von Rückkehrberaterin Wagner. Zudem hat er sich Hilfe für seine Nieren- und Herzprobleme erhofft: „Nichts passiert.“ Frau und sieben Kinder sollen in Hannover bleiben, sagt der 70-Jährige. Alle seien gut versorgt: mit Schule, Ausbildung, Universität. Er aber hat das Gefühl, er muss dorthin zurück, wo er sein ganzes Leben verbracht hat. Hat er keine Angst vor dem Krieg? „In Afghanistan ist seit 30 Jahren Krieg“, sagt er schlicht. Angelika Wagner versucht, ihm an diesem Tag seine Perspektiven aufzuzeigen: in Deutschland und in Afghanistan. „Wir wickeln nicht nur Rückreisen ab“, sagt sie: „Wir beraten ergebnisoffen. Bis zuletzt.“

So ist es auch im Fall jenes syrischen Vaters. Für seine Rückkehr gäbe es nicht einmal finanzielle Hilfen aus Förderprogrammen. Der Bund will nicht unterstützen, dass Flüchtlinge sich in Lebensgefahr begeben. Zudem sei es schwierig, so schnell eine zumindest halbwegs sichere Flugroute zu finden. „Eine Garantie, dass man in einem Kriegsgebiet heil zu Hause ankommt“, sagt Angelika Wagner, „gibt es sowieso nicht.“ Also sucht die Rückkehrberaterin in der Heimat des Vaters nach Hilfe und findet tatsächlich die Großeltern. Vier Tage später bekommt sie aus dem Wohnheim des Flüchtlings die Nachricht, die Oma habe sich auf den Weg gemacht. Die Mutter lebe wohl auch, in welchem Zustand sie sei, wisse der Vater nicht. Er wolle dennoch zurückkehren: „Lieber mit der Familie sein und eventuell sterben, als hier zu leben und sich ständig zu sorgen.“ Was tatsächlich geschieht, weiß Angelika Wagner nicht. Sie sieht ihn nie wieder: „Wir erleben die Leute manchmal nur in einem kurzen, dramatischen Moment ihres Lebens“, sagt sie: „Auch das ist Teil unseres Jobs.“

Die Auswanderungsberatungsstelle

Auch im Raphaelswerk Hannover ist die gestiegene Zahl der Rückkehrer deutlich zu merken: Es gebe einen „enormen Zuwachs“, sagt Leiterin Magdalena Kruse. Während bis 2013 noch durchschnittlich zwischen 30 und 50 Flüchtlinge über die Beratungsstelle in ihre Heimat zurück reisten, seien es 2014 75 und 2015 schon 284 Flüchtlinge gewesen. Bis November dieses Jahres habe sich die Zahl noch einmal annähernd verdreifacht: 712 Flüchtlinge seien bis zu diesem Zeitpunkt in ihre Heimat zurückgekehrt.

Die meisten Rückkehrer stammen derzeit aus Montenegro, Albanien, Serbien und dem Kosovo. Der Irak und Georgien stünden, so Kruse, auch vorne auf der Liste der Rückkehrerländer. Aber es gebe auch Anfragen aus Afghanistan und Syrien.

Das Raphaelswerk ist eine Auswanderungsberatungsstelle, die hauptsächlich Asylbewerber und Flüchtlinge aus Hannover und der Region berät. Ein Schwerpunkt ist überdies die niedersachsenweite Betreuung von Flüchtlingen mit besonderen Schwierigkeiten: Großfamilien, Alleinerziehende, physisch und psychisch Erkrankte. Man habe schon Diabetes-, Krebs- oder Aidserkrankte mit Medikamenten ausgestattet und an Kliniken im Herkunftsland vermitteln können, sagt Kruse. Einem minderjährigen Kosovaren habe man dabei geholfen, nach Pristina zurückzukehren, um seine von Obdachlosigkeit bedrohte Mutter zu unterstützen, einen 50-jährigen Iraker habe man beraten, der nach mehr als 26 Jahren geduldetem Aufenthalt in Deutschland seine alte Mutter wiedersehen wollte.

jr

Die Nachrichten aus Hannover und Niedersachsen auf einen Blick: Mit „HAZ live“ lesen Sie ab 6 Uhr alles Wichtige im Newsticker. Heute: Die neue MuseumsCard wird vorgestellt, Musiker Heinz Rudolf Kunze wird 60 Jahre alt, Simon Benne stellt sein Buch "66 Tage" vor.

30.11.2016

Hannovers traditionelle Kirchen-Krankenhäuser Henriettenstift, Friederikenstift und Annastift sind seit Jahren wie viele andere Kliniken auf hartem Sparkurs. „Wir müssen auch als christliches Unternehmen am Markt bestehen“, verteidigt der Chef des Diakovere-Konzerns, Bernd Weber, im Interview die Einschnitte. 

02.12.2016

Mit zwei Millionenspenden konnte Hannovers Bürgerstiftung ihr Kapital auf fast 16 Millionen Euro erhöhen. Die Stiftung kümmert sich um zahlreiche soziale Projekte, die das Zusammenleben in der Stadt und dem Umland verbessern. Einzig der Zinsmarkt bereitet Sorgen.

Conrad von Meding 02.12.2016
Anzeige