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Aus der Stadt „Ich will mich nicht dafür entschuldigen“
Hannover Aus der Stadt „Ich will mich nicht dafür entschuldigen“
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00:22 16.12.2015
Von Gunnar Menkens
„Entweder man ist für sie oder gegen sie“: Sandra Heinze hat keine Lust mehr auf Diskussionen über Flüchtlinge. Quelle: von Ditfurth
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Hannover

Irgendwann im Sommer erreichten die ersten Flüchtlinge den Stadtteil. Junge Männer meist, aber auch Frauen und Kinder stiegen aus dem Bus und zogen in provisorische Unterkünfte. Die Not in der Welt zog in Hannover ein, endgültig, und das freute längst nicht jeden in der Nachbarschaft. In einer Versammlung, zu der die Stadt in ein rustikales Wirtshaus geladen hatte, meldeten sich etliche Skeptiker zu Wort. Sie redeten von Kriminalität, als wären Fremde und das Böse eins. Die anderen sahen Menschen, die lebensgefährliche Fluchten vor Krieg und Elend überlebten. Sie fragten, ob sie helfen könnten.

Sandra Heinze (Name von der Redaktion geändert) war eine von denen, die helfen wollten. Eine Frau Mitte 60, nicht mehr berufstätig, zupackend, mit genügend Zeit, und wachem Blick für die Umgebung. Erfahrung mit Flüchtlingen? Nur die schlimmen Bilder, die sie jeden Tag im Fernsehen sah. Fremdsprachen? Keine.

Es war ihr egal. Was macht es schon, nicht auf jede denkbare Situation vorbereitet zu sein? Wenn wieder ein Bus voll mit Menschen vor der Tür steht, von einer Minute auf die nächste, aus dem halbnackte Kinder aussteigen, war denn so etwas denkbar vor einem Jahr? Sandra Heinze schnappte sich damals ein Mädchen und kleidete dieses freundliche und dankbare Kind von Kopf bis Fuß ein. Unterwäsche, Schuhe, ein T-Shirt, Hose und Pullover, die Kammern in Unterkünften sind voll von gespendeten Kleidern. Wenn Heinze von diesem Moment erzählt, sieht man das Mädchen lachen und spürt die Freude, die es ihr selbst gemacht hat.

Nur hat Sandra Heinze immer weniger Lust, von diesen Erlebnissen zu berichten. Unter Freunden und Bekannten nicht, in der Familie nicht und auch nicht im Verein. Über Flüchtlinge zu reden, sagt sie, das sorgt schnell für gereizte Stimmung: „Es gibt ja nur zwei Meinungen: entweder man ist für sie oder gegen sie.“ Die meisten sind gegen die Asylbewerber. Manchmal versucht sie, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, weil sie beim Kaffeetrinken nicht noch einmal hören will, wie übel alles sei mit den vielen, vielen Flüchtlingen, von denen jetzt schon eine Million im Land sein sollen. Sandra Heinze ist froh, wenn sie in solchen Runden auf Verbündete trifft, aber sie hat das Gefühl, dass immer weniger Leute Verständnis aufbringen, je mehr Flüchtlinge kommen.

Es ist eine kuriose Situation: Über Zuwanderung diskutiert gerade das ganze Land, aber Frau Heinze schweigt lieber. Dabei hätte sie viel zu erzählen. Von strahlenden Kindern und Frauen, den geduldigen Menschen, die sich vorschriftsmäßig in jede Schlange einreihen. Neulich traf sie am Hauptbahnhof einen ehemaligen Bewohner aus der Unterkunft, er hat sie vor Freude gleich in den Arm genommen. So weit es die Sprache zuließ, unterhielten sie sich.
Natürlich ist nicht alles gut, das muss Sandra Heinze niemand sagen, sie erlebt es selbst. Manchmal ist die Stimmung aggressiv in der Unterkunft, weil zu viele Menschen zu lange aufeinanderhocken, ohne wirklich etwas zu tun zu haben. Es gibt Diebstähle im Heim. Einmal berichtete sie Freundinnen, wie junge Männer Klamotten vor ihre Zimmertüren warfen, so, als wären die ehrenamtlichen Deutschen dazu da, ihren Dreck wegzumachen. Ein Fehler, sagt sie. „Viele möchten von Helfern nur Negatives über unsere Arbeit hören.“ Solche Geschichten sind Stoff für Menschen, für die jeder Flüchtling in Deutschland einer zu viel ist, jetzt oder sowieso.

Während viel davon zu hören ist, dass ein Wettbewerb unterer Schichten mit Flüchtlingen drohe, eine Konkurrenz um billige Wohnungen und Jobs, erlebt Sandra Heinze, dass Flüchtlinge von Menschen aus allen Etagen der Gesellschaft abgelehnt werden. Von der Seniorin mit der knappen Rente bis zum Rentnerehepaar mit herausragender Pension im abbezahlten Einfamilienhaus. Armut führt nicht zu Großherzigkeit, Reichtum nicht zu Großzügigkeit.
In den vergangenen Monaten hat Sandra Heinze so viele Meinungen gehört, dass sie beschlossen hat, vieles davon aufzuschreiben. Herausgekommen ist ein kleines Stimmungsbild aus der Mitte der Gesellschaft. Es sind Urteile und Vorurteile, berechtigte Sorgen stehen neben kühlem Egoismus.

Trotz der geringen Unterstützung unter Freunden und Bekannten: Sandra Heinze will weitermachen in ihrer Unterkunft. Sie glaubt, dass dies auch für die anderen Helfer gilt. Aber sie vermutet, dass aus der Nachbarschaft kaum noch weitere dazukommen. Wer helfen will, sei ja bereits da. „Ich hoffe, dass die Ehrenamtlichen bei der Stange bleiben“, sagt Sandra Heinze, sonst könne es für die hauptberuflichen Helfer eng werden.
„Wir wollen für unsere Arbeit nicht dauernd gelobt werden, aber ich will mich nicht dafür entschuldigen, dass ich Flüchtlingen helfe.“ Obwohl, sagt sie, ein Lob auch mal ganz gut täte.
  

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