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Die katastrophale Informationspolitik der Bahn

Unterm Strich Die katastrophale Informationspolitik der Bahn

Die Streckensperrung auf der Verbindung Hannover–Kassel ist ärgerlich für alle Fahrgäste. Noch ärgerlicher aber ist die Informationspolitik der Bahn. Denn das dicke Ende kommt noch, meint Bernd Haase.

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Quelle: Julian Stratenschulte/dpa (Symbolbild)

Hannover. Die Bahn hat einen eigenen Sinn für Timing. Ausgerechnet während der Hannover Messe sperrt sie den Abschnitt zwischen Hannover und Kassel auf der Nord-Süd-Strecke für Fernzüge, eine der wichtigsten im bundesdeutschen Netz überhaupt. Wenn es ihr Ziel war, größtmögliche Aufregung zu verursachen, muss man sagen: Das hat sie erreicht. Politiker, Wirtschaftsvertreter, die Messe selbst – alle sind auf der Zinne.

Wenn der erste Zorn verraucht ist und man die Dinge nüchterner betrachtet, dann ist der Messeverkehr noch das geringste Problem. Der Messebahnhof wird erreichbar sein, hat die Bahn versprochen. Fährt sie die sich anbietenden Umleitungsstrecken durch das Leinetal, ergeben sich auf der Strecke zwischen Göttingen und Hannover längere Fahrzeiten von einer knappen halben Stunde. Das sollten Aussteller und Besucher verkraften, wenn sie sich vorher darauf einstellen können. Außerdem werden S-Bahnen und Stadtbahnen der Üstra den An- und Abreiseverkehr mit zusätzlichen Kapazitäten entlasten.

Fragen und Antworten

Was Bahnreisende zur Sperrung der Strecke zwischen Hannover und Kassel wissen müssen,  lesen Sie hier.

Viel ärgerlicher ist die Streckensperrung für diejenigen, die sie im Alltagsverkehr häufiger nutzen, und für Bahn-Kunden, die eine Reise anhand des bisher gültigen Fahrplans gebucht haben. Sie hängen einstweilen in der Luft, weil die Bahn auch am Freitag noch nicht ansatzweise sagen konnte, welche Züge wann, wo und wie fahren.

Das fügt sich ein in die katastrophale Informationspolitik, die die Bahn in dieser Angelegenheit betreibt. Man darf ihr glauben, dass sie vom akuten Sanierungsbedarf auf der Strecke Hannover–Kassel überrascht worden ist. Aber von heute auf morgen ist die Großbaustelle auch nicht über sie hereingebrochen. Sie hätte zumindest warnen müssen, dass da etwas droht. Am Donnerstag schließlich, als Medien erste Berichte über das Dilemma veröffentlicht hatten, war die Bahn den gesamten Tag über nicht zu näheren Auskünften in der Lage. Sie sprach vom Prüfungsbedarf mehrerer Varianten, um dann am späten Abend doch noch eine Erklärung abzugeben. Die ließ viele Fragen offen.

Dabei wird die Bahn eine kluge, vorausschauende Informationspolitik brauchen. Max Maulwurf, ihr putziges Maskottchen für Bautätigkeiten an Strecken und Bahnhöfen, wird in den nächsten Jahren und wahrscheinlich auch Jahrzehnten ein ständiger Begleiter der Bahnreisenden sein. Zum einen sind große Teile der Infrastruktur – die Strecke Hannover–Kassel gehört nicht dazu – Anfang des vergangenen Jahrhunderts entstanden. Brücken, Bahnhöfe, Tunnel kommen ans Ende ihrer Lebensdauer oder haben es schon erreicht. Zum anderen zeigen sich immer häufiger die Folgen aus der Zeit, als der Bahn-Chef noch Hartmut Mehdorn hieß. Dieser investierte in Zukäufe im Ausland und vernachlässigte darüber die Infrastruktur in Deutschland. Börsenfähig sollte der Schienenkonzern werden, und der Bund sah wohlgefällig zu, weil er über Jahre schöne Renditen von seinem Unternehmen einstrich.

Das wird sich eines Tages rächen, warnten damals schon Mitarbeiter der Bahn, Fahrgastverbände und einzelne Politiker. Sie haben leider recht behalten. Der zentrale Eisenbahnknotenpunkt Hannover wird dies mächtig zu spüren bekommen. Der Hauptbahnhof ist ebenso ein Sanierungsfall wie die Brücke über die Königstraße im Herzen der Stadt oder mehrere Bauwerke auf der Güterumgehungsbahn. Dazu kommen große und kleinere Baustellen an Fern- und S-Bahn-Strecken. Es gibt viel zu tun. Hoffentlich packt die Bahn es besser an als jetzt bei der Streckensperrung.

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Sophie Mühlmann hat 13 Jahre lang als Asienkorrespondentin in Singapur verbracht. Von dort aus bereiste und beschrieb sie die riesige Region zwischen Afghanistan, Ozeanien und Nordkorea. Zuvor war sie für den ARD-Hörfunk mehrmals als Korrespondentenvertretung und „Feuerwehr-Reporterin“ in China im Einsatz. Seit dem vergangenen Sommer ist sie nun Neu-Hannoveranerin.