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Aus der Stadt Die Wiki-Wisser
Hannover Aus der Stadt Die Wiki-Wisser
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07:25 10.02.2014
Von Gunnar Menkens
Ehrentamtlich damit beschäftigt, Hannovers Geschichte und Gegenwart ins Internet zu bringen: Bernd Schwabe an seinem Laptop. Quelle: Küstner
Hannover

Ein Mensch kann viele Gründe haben, Dinge zu ändern. Wut ist ein starker Antrieb. Oder das Gefühl, dass sich etwas in die falsche Richtung entwickelt. Die Gleichgültigkeit der anderen. Ein gewisser persönlicher Eifer vielleicht. Oder der Kröpcke in Hannover.

Bei Bernd Schwabe, 53, kam alles zusammen. Der Mann mit Mütze und John-Lennon-Brille, seine Visitenkarte weist ihn als „Dokumentarist“ aus, hatte in Wikipedia einen Artikel über den Kröpcke gelesen. Man übertreibt nicht, wenn man sagt, dass Schwabe das Internetlexikon für eine der gewaltigsten Erfindungen der Menschheit hält. Und nun das: Der Kröpcke, hieß es in dieser gewaltigen Erfindung, sei ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt. Schwabe erinnert sich noch, wie empört er war, als er die Zeilen las. „Dummes Zeug war das, Geschichtsverfälschung, fast schon ein Verbrechen“, sagt er, sein Ärger ist kaum milder geworden nach all den Jahren.

Seit diesem Erlebnis schreibt, fotografiert und scannt Bernd Schwabe für Wikipedia. Er arbeitet unermüdlich, 100 Stunden in der Woche, sagt der gelernte Bürokaufmann. Nicht mehr lange, dann feiert er ein kleines Jubiläum: Bald kommt Schwabe auf 1000 Artikel, die er selbst verfasst oder geprägt hat. Fast alle Texte befassen sich mit Hannover, seinen Menschen, seiner Geschichte und Gebäuden, die die Stadt ausmachen. Dutzende Personen sind längst vergessen, und vielleicht verdient nicht jeder einen eigenen Eintrag, aber Schwabe, der emsige Chronist, rief ins abrufbare Gedächtnis zurück, was er für erwähnenswert hält. Mit ein paar Zeilen beschrieb er einen Straßenzug in der Nordstadt. Und er bewahrt den Namen des hannoverschen Zinngießermeisters Georg Friedrich Harnisch auf. Laut Wikipedia, also nach Angaben von Verfasser Schwabe, gestorben im Jahr 1857. Seine Quelle wiederum: Waldemar H. Röhrbein und dessen Klassiker, das Lexikon über hannoversche Persönlichkeiten. Ein gedrucktes Buch dient als Beleg, dass richtig ist, was im Netz steht.

Der große Traum von Bernd Schwabe ist es, eine möglichst vollständige Geschichte der Stadt Hannover ins Netz zu stellen. Straße für Straße, Haus für Haus, Persönlichkeit um Persönlichkeit. Nazis, die Juden aus Häusern zerrten, veränderte Stadtbilder, Hungersnöte – alles verfügbare Material muss ins Netz, meint er, Fotos, Zeichnungen, Texte, Bestände der Museen, Lexika, Archive. In seinem Computer zeigt Schwabe ein Foto vom Kröpcke aus dem Jahr 1877, ein historisches Dokument. Zugänglich für jeden, nicht mehr versteckt in einem Band irgendwo im Magazin einer Bibliothek, wie auch etliche Bücher. Dies alles online zu stellen ist sein Wunsch, Wissen demokratisch für jeden einsehbar zu machen – das, sagt Schwabe mit ungefilterter Euphorie, „ist ein Geschenk, die größte Bildungsinitiative in der Geschichte der Menschheit“. Und deshalb können 1000 Beiträge auch nur ein Anfang sein.

Als Nächstes will er über die Wasserkunst in Herrenhausen und Harald Härke schreiben, den neuen Personaldezernenten der Stadt Hannover. Und dann gibt es noch all die Baudenkmäler, Tausende, wie er sagt. Manchmal, wenn Schwabe über all seine Projekte spricht, kommt einem dieser Einsatz ein bisschen verrückt vor.

Der deutsche Ableger von Wikipedia existiert seit Mai 2001 und umfasst inzwischen fast 1,7 Millionen Artikel, geschrieben von ehrenamtlichen Autoren, von anderen ehrenamtlichen Autoren korrigiert, das ganze System wird von ehrenamtlichen Administratoren überwacht, die in Streitfällen eingreifen. Die Gründung des nichtkommerziellen Lexikons hatte so weitreichende Folgen wie die Erfindung des Smartphones. Traditionsreiche Lexika konnten mit Fülle und Aktualität im Internet nicht mithalten, weshalb manches gedruckte Werk vom Markt verschwunden ist. Nach Angaben von Wikipedia arbeiten an der deutschen Ausgabe 6100 registrierte Autoren.

Gerd Fahrenhorst, 56, arbeitet beim Onlinelexikon nicht wegen solcher Vollständigkeitswünsche mit. „Ich will die Welt verbessern“, sagt er. Kein kleines Projekt, er lacht darüber, das weiß er natürlich selbst. Abends, wenn der Software-Entwickler nach Hause ins Ihme-Zentrum kommt, dann erwartet ihn in seiner Wohnung mit Blick über die Stadt eine Liste mit 660 Wikipedia-Einträgen.

Es ist seine Beobachtungsliste im Computer, Einträge, die er selbst geschrieben oder verbessert hat, Artikel, die ihn interessieren und mit deren Inhalt er sich auskennt. Wenn irgendjemand etwas geändert hat, bekommt Fahrenhorst eine Nachricht und guckt, ob der neue Text in Ordnung ist. So entgeht ihm kein Komma. Jeden Tag kommt etwas. Er selbst hat über die erste deutsche Kreuzfahrt 1891 geschrieben, weil der Onkel seiner Großeltern an Bord war und ein Tagebuch schrieb, Christian Wilhelm Allers. Seine Umgebung interessiert ihn, auch in Wikipedia. Das Ihme-Zentrum, das Heizkraftwerk gegenüber, seine frühere Schule, der Golf von Neapel.

Mit dem Zustand von Wikipedia ist der Lindener derzeit einverstanden, auch wenn es, wie dieser Tage, immer wieder Berichte und Diskussionen darüber gibt, wie Lobbyisten versuchen, Artikel zu manipulieren. „Ich bin zufrieden“, sagt Fahrenhorst. Das ist nicht schlecht für jemanden, der die Welt verbessern will. Einmal hat er selbst geholfen. Da unternahm eine Hamburger Firma, Spezialistin im Bestimmen von Schiffspositionen, den unverhohlenen Versuch, Werbung im Artikel zu platzieren. Fahrenhorst hat es bemerkt und die Passagen in eine neutrale Sprache gebracht. Auch er hat Pläne. Den Beitrag über Mergelgruben will er unbedingt allgemeingültiger machen. Und vielleicht löst er das Eisbein-Problem, das ihn seit Jahren beschäftigt, er mag kaum noch drüber sprechen. Er braucht einfach eine verlässliche Quelle, einen Koch oder einen Sprachwissenschaftler. Darum geht es ja, sagt er: „Wichtig ist, dass es stimmt.“

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