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Was können die Flüchtlinge?

Berufsberatung Was können die Flüchtlinge?

Zuwanderer brauchen Ausbildung und Arbeit. Unternehmen brauchen Nachwuchs. Beim Miteinander gibt es Missverständnisse, Hindernisse – und viel Hilfe. Ilyas Isa prüft für die IHK Hannover, welchen Wert Zeugnisse von Flüchtlingen für den deutschen Arbeitsmarkt haben.

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Ilyas Isa prüft für die IHK Hannover, welchen Wert Zeugnisse von Flüchtlingen für den deutschen Arbeitsmarkt haben. Dass er Arabisch spricht, erleichert die Hilfe.

Quelle: Kutter

Hannover. Sein gesamtes Leben hat Wasim Istanbouli in die Tasche gesteckt, dann machte er sich auf den Weg zur Berufsberatung. Einmal in den Computer geschoben, wirft der USB-Stick die wichtigsten Daten aus 38 Jahren auf den Bildschirm. Geboren 1977, Wohnort Damaskus, Syrien. Abitur, Berufsfachschule, Arbeit in der Telekommunikation als Netzwerkadministrator und Softwareprogrammierer, Kurse für Fortbildungen, zuletzt selbstständiger Unternehmer für syrische Behörden.
Dann raste die Rakete ins Haus.

Die Explosion zerstörte das Büro von Wasim Istanbouli, sie tötete Mitarbeiter, alle Unterlagen verbrannten. Ihm blieben zwei Dokumente. Ein Abschluss der neunten Klasse und das Arbeitszeugnis als Webdesigner, ausgestellt von einem früheren Arbeitgeber. Diese Papiere betrachtet jetzt Ilyas Isa. Er berät bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover Flüchtlinge beim Versuch, Arbeit und Ausbildung zu finden. Ein Weg dorthin ist, Abschlüsse auf ihre Wertigkeit für den deutschen Arbeitsmarkt zu prüfen.

Was Wasim Istanbouli mitgebracht hat, reicht dem erfahrenen Berater Isa nicht. Die beiden Männer unterhalten sich auf Arabisch. Isa erklärt, wie wichtig das Zeugnis der Berufsfachschule wäre, um zu wissen, welche Kenntnisse der Informatiker sich in seiner Heimat angeeignet hat. Istanbouli, der seit drei Monaten in Deutschland lebt, hatte schon seinen Vater in Damaskus gebeten, eine Kopie zu besorgen, doch die Schule weigerte sich. „Sie wollen eine Vollmacht von mir“, sagt er. Die ist nun auf dem Weg. Istanbouli hat seinen Abschluss 1998 gemacht und seitdem veränderte sich der IT-Bereich dramatisch, er weiß es selbst: „Ich habe mir schon gedacht, dass mein Zeugnis nicht gleichwertig ist.“

Welcher Abschluss wird anerkannt?

Gut möglich aber ist, dass Wasim Istanbouli viel mehr kann, als es das fehlende Abschlusszeugnis ausweisen würde. Für solche Fälle ist die sogenannte Kompetenzfeststellung gedacht. Ein Test, um zu erkennen, was Flüchtlinge können. Berater Ilyas Isa sagt: „Entweder der Abschluss wird als voll gleichberechtigt oder als teilweise gleichberechtigt anerkannt.“ Bei Istanbouli vermutet Isa Letzteres. In einer Qualifizierungsberatung hilft die IHK dem Informatiker, sich für den Arbeitsmarkt fortzubilden, mit Sprachkursen und Praktika. Bislang boten 60 Unternehmen 100 Plätze an.

Die Einschätzung über berufliche Perspektiven von Flüchtlingen gehen auseinander. In der Wirtschaft gibt es keine abweichenden Meinungen darüber, dass sie auf dem Arbeitsmarkt gebraucht werden, um den Fachkräftemangel in Dutzenden Berufen auszugleichen. Über die Chancen ist damit noch nichts gesagt. Das Deutsche Institut für Wirtschaft glaubt, dass Flüchtlinge nützlich sein werden, weil ein Großteil unter ihnen zwischen 16 und 35 Jahre alt ist. Dagegen warnte der Bildungsökonom Ludger Wößmann in einem Interview mit der „Zeit“ vor Kurzem: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Mehrheit der jungen Flüchtlinge an einer drei Jahre langen Vollausbildung mit hohem Theorieanteil scheitern würde.“ Möglich, dass ihm die Zahlen recht geben. Das Niedersachsen-Projekt „Kompetenzen erkennen. Gut ankommen in Niedersachsen“ gibt an, dass in Erstaufnahmelagern weniger als 15 Prozent der Menschen von einem Berufsabschluss berichten.

Sortierte Lebensläufe sind nicht die Regel

In der Arbeitsagentur Hannover berät Andrea Wassermann seit März Flüchtlinge, sie war die erste in der Agentur, aber inzwischen sind die Zahlen der Zuwanderer so gestiegen, dass von Januar an zehn Mitarbeiter mit dieser Aufgabe zu tun haben. Iraker, Afghanen, Somalier kommen zu ihr, und sortierte Lebensläufe, wie ihn Wasim Istanbouli vorzuweisen hat, sind nicht die Regel. „Wenn man Flüchtlinge fragt, ob sie in der Schule waren, sagen sie oft: Ja, als ich klein war.“ Wer in seiner Heimat im Familienbetrieb half, dem fehlten oft Dokumente, weil er nie welche besaß.

In solchen Gesprächen, oft mit Dolmetschern an der Seite, muss Andrea Wassermann sich herantasten an die Möglichkeiten, die Flüchtlinge haben. Sie machen sich oft falsche Vorstellungen. Wer sagt, er möchte Bäcker, Maler oder Elektriker werden, tut das oft, weil es Wörter sind, die er gelernt hat. Ein muslimischer Koch hat keine Vorstellung davon, dass er auch Gerichte mit Alkohol zubereiten muss. Altenpfleger ist in Deutschland ein Beruf, der viel mit körperlicher Pflege zu tun habe, nicht bloß reden und spazieren gehen. Für Männer kann es ein Problem sein, mit einer Chefin zu arbeiten. Mancher Flüchtling glaubt, er müsse nehmen, was Frau Wassermann vorschlägt, weil er glaubt, Wassermann sei der Staat, dem man folgen müsse.

Mancher Unternehmer dagegen denkt, er könne sich bei der Arbeitsagentur eine billige Arbeitskraft bestellen, die ihr Geld schon vom Staat bekomme und dafür etwas tun soll. Aber dies ist nicht das Verständnis, das die Arbeitsagentur von Integration hat. Es soll nicht der erste erreichbare Job sein, Betrieb und Flüchtling, das soll passen und im besten Fall auf Dauer halten. Drei Monate, Praktika eingeschlossen, ist Zeit, sich über die Fähigkeiten klar zu werden. Wassermann sagt: „Unser Ziel ist es, Flüchtlinge zu qualifizieren. Wir sind an langfristiger Integration interessiert.“ Die Menschen einfach ans Fließband zu stellen, ohne sich weiter zu kümmern, wie es sogenannten Gastarbeitern in den 1960/70er-Jahren ergangen ist, das will die Agentur verhindern.

Die Bedingungen indes, die Flüchtlinge in Arbeit bringen, sind unübersichtlich. Schon der offizielle Ratgeber zum Thema „Arbeitsmarktzugang für Flüchtlinge“ braucht 60 Seiten, um alle Facetten zu beschreiben. Arne Hirschner von der IHK sagt: „Die Wege sind hochkompliziert. Ich würde mir für die Unternehmen einfachere Regeln wünschen.“

Zeit raubend sei das Verfahren, bei offenen Stellen zuerst nach bevorrechtigten Deutschen oder EU-Bürgern zu suchen. Es gibt Regelungen für hochqualifizierte Flüchtlinge mit Studium und wieder andere für Berufe, die auf einer sogenannten Positivliste der Arbeitsagentur stünden. Positiv heißt sie, weil Unternehmen diese Arbeitskräfte dringend suchen. In vielen Unternehmen sei unbekannt, unter welchen Bedingungen Flüchtlinge Mindestlöhne bekommen. Es fehle sehr an Deutschkursen. Und natürlich wünschen sich Betriebe, dass Lehrlinge nicht von Abschiebung bedroht sind. „Auch bis zwei Jahre nach der Ausbildung nicht“, sagt Hirschner.

Handwerk will 120 Stellen besetzen

Um das Ziel vorweg zu sagen: Bis zum Sommer 2016 will die Handwerkskammer Hannover 120 Flüchtlinge so weit qualifizieren, dass sie eine Ausbildung beginnen können. Das Interesse in den Unternehmen ist da. „Die Situation hat sich komplett gedreht. Früher haben wir bei Betrieben darum betteln müssen, dass auch einmal ein Flüchtling ausgebildet wird. Jetzt wenden sich Unternehmen von selbst an uns.“ Das sagt Sabine Meyer, sie leitet bei der Kammer das Projekt IHAFA. Kontakt zu Flüchtlingen gibt es über Kommunen, Arbeitsagentur, Unterstützerkreise und Berufsschulen.

Damit sie nicht in Berufe geraten, die ihnen nicht liegen, wird in einem acht Wochen langen Verfahren festgestellt, was die Flüchtlinge können. Viele kennen nur wenige handwerkliche Berufe, das deutsche Spektrum mit all seinen Differenzierungen ist ihnen ebenso unbekannt wie das duale System. Es geht darum festzustellen, welche Erfahrungen die Menschen haben, wie es um ihre Sprachkenntnisse bestellt ist. Dann folgt ein Praktikum, das sie auf die Ausbildung vorbereitet.
Meyer sagt, dass eine Lehre unbedingt notwendig ist. Es gebe natürlich auch Unternehmen, die auf billige Arbeitskräfte hofften, und Flüchtlinge, die schnell Geld verdienen wollten: „Es bringt aber niemandem etwas, wenn wir den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Flüchtlinge ohne weitere Ausbildung direkt in den Job, das funktioniert so gut wie nie. Die Betriebe denken, die Leute können nichts, die Flüchtlinge fühlen ihr Können nicht geschätzt.“ Geduld also, auch was die Sprache betrifft. Die Kammer schätzt, dass rund 1300 Stunden Deutschunterricht nötig sind, bis ein Teilnehmer das Niveau erreicht, das für eine Ausbildung nötig ist. Projektleiterin Meyer ist selbst gespannt, ob im kommenden Sommer tatsächlich alle Plätze besetzt sein werden, Erfahrungen gibt es kaum. „Wir sind hier die Forschungs- und Entwicklungsabteilung“, sagt sie.

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