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Aus der Stadt "Fällt nur einer aus, haben wir ein Problem"
Hannover Aus der Stadt "Fällt nur einer aus, haben wir ein Problem"
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00:17 19.11.2017
Übergabe: Auf der HNO-Station ist vor allem der Stress bei der Dokumentation der Patienten immens. Celina Castanheira-Drosch (von links), Sven Dörrie, Tina Sandvoß und Sylvia Gleixner bringen sich auf den aktuellen Stand. Quelle: Bahl
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Hannover

Die Warteplätze vor dem Empfang auf Station D3 in der Hals-Nasen-Ohrenklinik im Nordstadtkrankenhaus des Regionsklinikums sind um 7.30 Uhr alle besetzt: Es ist der Tag nach dem großen Streik. Acht Operationen werden nachgeholt - die Patienten müssen aufgenommen, vorbereitet und in den OP-Saal gebracht werden.

Die Betten auf der HNO-Station sind aber noch alle belegt. Acht Patienten von der streikbedingt geschlossenen Neurologie-Station wurden in den vergangenen Tagen „interdisziplinär mitgepflegt“ und müssen nun zurückverlegt werden. Da klingelt das Telefon: Ein Patient muss von der Überwachungsstation abgeholt werden. „Jetzt passiert alles gleichzeitig“, sagt Pflegerin Sylvia Gleixner. Das nächste Telefonat: Im OP-Saal wird gedrängelt. „Das ist hier gerade ein Patienten-Flughafen“, sagt Pfleger Sven Dörrie.

Spardruck wächst

Zig Krankenakten wandern derweil über die Schreibtische. Immer wieder schieben Dörrie und Gleixner bunte Reiter auf einem Whiteboard hin und her: Welches Bett ist frei? Wer wird entlassen? Wer kommt neu dazu? Wer muss in den OP? Und wer zur einer Untersuchung? Von der klassischen Krankenpflege ist wenig zu sehen: „Das ist die HNO“, sagt Dörrie. Viele Patienten könnten sich dort weitgehend selbst versorgen - die Notrufklingel bleibt im Gegensatz zum Telefon meist still. „Anders könnte man das hier auch nicht schaffen.“

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Weil Mitarbeiter immer wieder einspringen müssen, fordert Verdi vom Klinikum Region Hannover mehr Personal. 
Aber wie stressig ist der Pflegealltag wirklich? Ein Besuch auf der HNO-Station im Nordstadtkrankenhaus.

Auch beim Klinikum ist in den vergangenen Jahren der Spardruck gestiegen, es läuft ein ehrgeiziges Konsolidierungsprogramm, das unter anderem auch bei den Personalkosten angesetzt hat.

Zwei Pflegefachkräfte sind auf Station D3 pro Schicht im Einsatz - für 28 Patienten. Im Akkord musste Gleixner nach Schichtbeginn und Übergabe ab 6 Uhr durch die Zimmer: Blutdruck und Temperatur messen, Thrombose-Prophylaxen spritzen. „Man lernt, das persönliche Gespräch nebenbei zu führen“, sagt sie. Und doch: Gerade bei Krebspatienten würde sie sich wünschen, die Menschen intensiver betreuen zu können. „Manchmal gehe ich nach Feierabend noch in Privatkleidung in die Zimmer, um mich wenigstens anständig zu verabschieden.“

Schon rollen die nächsten Betten durch den Gang. Ein neuer Patient, der noch nicht in ein Zimmer gebracht wurde, fragt zum wiederholten Mal, wann es endlich losgehe: „Ich kann es Ihnen leider nicht sagen“, erklärt Gleixner freundlich. Wie lange welche Operation dauere, hänge vom Einzelfall ab. „Wir arbeiten mit Menschen“, sagt Dörrie. Einen 80-Jährigen für eine Operation vorzubereiten, könne mal länger dauern. „Das ist auch in Ordnung, denn viele haben Angst.“ In die straffe Zeittaktung hingegen passt diese Menschlichkeit nicht.

Belastung nimmt Überhand

Verärgert über den stressigen Nach-Streiktag sind Dörrie und Gleixner nicht. Im Gegenteil: Sie teilen die Einschätzung ihrer streikenden Kollegen, dass die Personalbelastung überhand genommen habe. Rund 500 Mitarbeiter des Klinikums Region Hannover (KRH) waren am Dienstag und Mittwoch dem Verdi-Aufruf gefolgt und demonstrierten für einen Entlastungstarifvertrag, der eine Mindestpersonalausstattung beinhaltet. „Das Ziel ist richtig“, sagt Dörrie. „Es muss alles machbar bleiben“, ergänzt Gleixner und erinnert sich an ihre Anfangszeit vor 17 Jahren, als noch vier Pfleger für 30 Patienten pro Schicht im Einsatz waren.

„Heute arbeiten wir in Minimalbesetzung“, sagt Gleixner. Das eingespielte Team arbeitet Hand in Hand. Der Arbeitsdruck ist hoch - und doch schaffbar. „Fällt aber nur einer aus, haben wir ein Problem.“ Dass Kollegen sich aus freien Tagen oder aus dem Urlaub zum Dienst meldeten, gehöre dann dazu. „Jeder hilft dem anderen.“ Das sei Luxus auf ihrer Station. Auf anderen funktioniere das nicht so gut. Eine Lösung müsse denn auch anders aussehen. „Da ist jetzt die Politik gefragt.“

Das Austeilen der Frühstückstabletts übernimmt Servicekraft Maria-Luise Ninatsaki. Eine Vertretung gibt es für sie nicht. „Fällt sie aus, müssen wir es zu zweit schaffen“, sagt Gleixner.

Auf ihrer HNO-Station nimmt die Dokumentation viel Zeit in Anspruch - kein Wunder angesichts der vielen Patienten. „Auf der Innereren oder der Chirurgie ist es eher eine körperliche Belastung“, sagt Dörrie. Dort sei es die Arbeit in den Zimmern - Pflege vom Waschen bis zum Toilettengang - die die Kollegen bei enger Besetzung an ihre Grenzen bringe.

Die KRH-Geschäftsführung lehnt den geforderten Tarifvertrag Entlastung ab. Einerseits, weil das KRH als Mitglied im Kommunalen Arbeiterverband gar nicht für sich allein verhandeln dürfe. Andererseits, weil man fürchte, nicht genügend Personal zu finden. „Wir können schon heute aufgrund des Fachkräftemangels viele Stellen nicht besetzen, obwohl wir das gern tun würden“, betont die Geschäftsführung. Das Ziel, die Arbeitssituation zu verbessern, verfolge auch das KRH. Verdi sei mit den Forderungen aber an der falschen Adresse: Dafür müsse eine bundesweite Lösung her, die auch die Finanzierbarkeit kläre.

Gegen 14 Uhr ist Feierabend - alle Verbände sind gewechselt, alle Patienten versorgt und dokumentiert. Der Flur ist das erste Mal an diesem Tag leer. „Mein Beruf macht mir immer noch viel Spaß“, sagt Dörrie. Das sieht man auch seinen Kolleginnen an. „Aber nach Schichtende“, gesteht Ninatsaki - „könnte ich im Stehen einschlafen.“

Von Carina Bahl

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