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Aus der Stadt Wie sich die kleine Angela Merkel eingelebt hat
Hannover Aus der Stadt Wie sich die kleine Angela Merkel eingelebt hat
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00:15 03.05.2016
Von Jutta Rinas
Die kleine Angela Merkel ist jetzt 14 Monate alt und wohnt mit ihrer Mutter Ophelya und den Geschwistern im ehemaligen Oststadtkrankenhaus. Quelle: Kutter
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Hannover

Mit fester Nahrung hat Angela Merkel es noch nicht so. Sie isst lieber Gläschenkost: Gemüsebrei also, oder Früchtebrei. Manchmal bekommt sie von ihrer Mutter eine Mahlzeit aus Yams gemacht, den Knollen einer ghanaischen Pflanze. Und wenn man sie fragen könnte, was für Spiele sie gerne spielt, wäre das Stöckchen-Spiel sicher dabei.

Denn Angela Merkel liebt Stöckchen. Man muss der kleinen hannoverschen Namensvetterin der großen Angela Merkel aus Berlin nur einen Zweig in den Kinderwagen reichen, dann kann man sich ihrer Aufmerksamkeit sicher sein. Das Flüchtlingsmädchen mit den Kulleraugen und den frech vom Kopf abstehenden Zöpfchen greift blitzartig zu – und reicht ihren Schatz wenig später zurück. „Medacse“, sagt sie dann, oder zumindest etwas, das entfernt so klingt. „Medacse“ bedeutet „Danke“ auf Twi. Das ist der Dialekt, den ihre Mutter, Ophelya Adé aus Berekum Mpatase, einem kleinen Ort unweit von Accra, der Hauptstadt Ghanas, spricht.

Die 27-jährige hat ihre mittlerweile 14 Monate alte Tochter nach der Kanzlerin benannt. Nicht nur in ihrer Heimat, auch in anderen afrikanischen Staaten ist es durchaus üblich, Kindern die Namen von Prominenten als Vornamen zu geben. Man kann dort Menschen mit den Vornamen Michael Jackson, Angela Davis oder Obama treffen. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile mehrere kleine Angela Merkels. Zwei Monate nach Ophelya Adé zog in Hannover eine irakische Familie nach. Anfang 2016 nannten syrische Flüchtlingseltern in Duisburg ihre Tochter Angela Merkel. Eine 32-jährige Kamerunerin aus dem brandenburgischen Eberswalde wählte sogar eine Kombination aus Kanzlerin und Gottessohn: Ihr Sohn heißt Christ Merkel.

Berühmt über Nacht

Die kleine Angela Merkel aus Hannover aber war das erste Kind, von dem in Deutschland bekannt wurde, dass es diesen Namen trägt. Als das bei einem Rundgang für Journalisten durch Hannovers größte Notunterkunft bekannt wurde, schlug die Nachricht wie eine Bombe ein. Die kleine Angela Merkel wurde über Nacht berühmt. Nicht nur die meisten deutschen Zeitungen berichteten. Sogar so renommierte englische Zeitungen wie der „Guardian“ brachten eine Notiz. Sie sei an dem Tag einfach „sehr glücklich“ gewesen, sagt Ophelya Adé später. Wer sich die Bilder von damals anschaut, kann das deutlich sehen. Die junge Frau hatte sich fein gemacht, trug ein schönes Sommerkleid und die schwarzen Haare glatt. Besonders auffällig: das Leuchten in ihrem Gesicht, während sie die Tochter auf den Armen trug.

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Seit 14 Monaten lebt Angela Merkel in Hannovers größter Flüchtlingsunterkunft. Die Kleine hat sich mittlerweile schon gut eingelebt.

Jetzt, rund acht Monate später, sitzt die 27-Jährige auf einer Bank am Oststadtkrankenhaus, das nun seit 14 Monaten ihr Zuhause ist. Die Sonne scheint. Wildes Gras wächst überall, Flüchtlingskinder tollen herum. Die Frau aus Ghana hat dennoch eine dicke Jacke über ihr Kleid gezogen. Die Haare sind unter einer Mütze versteckt. Sie sieht abgespannter aus als an jenem großen Tag. Sie betont, dass sie sich in Deutschland gut aufgehoben und auch im Oststadtkrankenhaus wohlfühlt: „Deutschland hat uns einen Platz zum Leben gegeben.“ Aber im Laufe des Gesprächs wird auch deutlich, dass das Leben mit drei Kindern in einem Raum nicht immer ganz einfach ist. Angela Merkel sei dauernd erkältet. Kochen, waschen, Geschirr spülen, alles finde ja in einem einzigen Zimmer statt. Eine Zwei-bis Dreizimmerwohnung wünscht sie sich sehnlich. Nicht nur, um mehr Platz zu haben, sondern auch, damit ihre Kinder mehr Kontakt zu deutschen Nachbarn bekommen und die deutsche Sprache lernen.

"Angela Merkel liebt die Menschen aller Hautfarben."

Ophelya Adé strahlt an diesem Tag vor allem, wenn es um ihre Kinder geht. Wenn ihr sechsjähriger Sohn Gabriel plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht, Angela Merkel auf ihre wackeligen Beine stellt und ihr lockend „No no no no“, zuruft, damit sie ihre ersten Schritte tut. Wenn die siebenjährige Josephine vorbeikommt – und mal eben die Zahlen von 1 bis 20 runterrattert, nur um zu zeigen, wie viel Spaß ihr die Schule macht. In die erste Klasse einer Bothfelder Grundschule geht das Mädchen mit den lila Strähnen im Haar. Hat sie schon Freunde gefunden? Ja, Paula und Lea. Welches Fach mag sie am liebsten? „Deutsch“, kommt es diplomatisch, „und Schiffchen basteln.“ Bildung für die Kinder sei ihr das Wichtigste, sagt Ophelya Adé. Da liege der zentrale Unterschied zu Ghana. In Deutschland könnten alle Kinder zur Schule gehen, egal, wie viel die Eltern verdienten. Jeden Tag bringt die 27-Jährige ihre große Tochter zur Bushaltestelle, von wo aus sie in die Schule fährt. Danach geht es mit Gabriel in die Kita. Nur Angela Merkel ist noch bei ihr zu Hause. Die beiden gehen oft spazieren. Dann wird gekocht.

Warum genau hat sie ihrer Jüngsten eigentlich den prominenten Namen gegeben? Hätte Angela nicht auch ausgereicht? „Nein!“ Sie habe „Frau Angela Merkel“ mit dem Namen ausdrücklich danken wollen: „Angela Merkel liebt die Menschen aller Hautfarben. Sie hat ein Danke verdient.“

Hat sie mit dem überwältigenden Echo gerechnet? Nein, sagt sie schlicht. Aber sie habe sich gefreut. In den Wochen nach dem großen Tag im Oststadtkrankenhaus hätten sie Leute auf der Straße angesprochen, die sie aufgrund der Zeitungsfotos erkannten. Sogar aus Ghana habe eine Frau angerufen: Auch dort sei ein Zeitungsartikel über ihre Angela Merkel erschienen. Wie gehen die Mitbewohner im Oststadtkrankenhaus mit dem Namen um? Ophelya Adé erzählt, selbst sichtlich amüsiert, dass man dort oft Spaß mit dem Namen treibe. Wenn sie sich Secondhand-Kleidung aus der Kleiderkammer hole, heiße es: „Angela Merkel zieht doch keine Kleider aus der Abfalltonne an.“ Einmal habe ihr sogar jemand eine Dose Tomaten stibitzt: „Du bist die Mutter von Angela Merkel. Die Mutter der Kanzlerin wird nicht hungern“, habe es daraufhin geheißen.

Angela soll mal Präsidentin werden

„Manche Leute glauben tatsächlich, dass ich heimlich Spenden bekomme“, sagt Adé und ihr Ton wird ernst: „Das stimmt natürlich nicht.“ Hat sie eigentlich zum Vater von Angela Merkel noch Kontakt? Bei dem Rundgang im Oststadtkrankenhaus war schließlich auch ein seltsamer Babyboom unter den afrikanischen Frauen zur Sprache gekommen. 25 Frauen hatten – wie Ophelya Adé – in einem halben Jahr hier Nachwuchs bekommen. Die meisten stammten aus Ghana, einem als sicher geltenden Herkunftsland. Wenn in Deutschland nach der Geburt eines Flüchtlingskindes allerdings ein EU-Bürger oder ein Ausländer mit gültiger Aufenthaltserlaubnis die Vaterschaft anerkennt, haben das Kind und die Mutter automatisch einen Aufenthaltstitel. Hat sie also getrickst?

Ophelya Adé wird schweigsam. Sie will nicht über den Vater ihrer kleinen Tochter reden. Auch über ihre Flucht sagt sie wenig, außer, dass sie von Libyen über Italien nach Deutschland gekommen sei. Mit mehr als 300 Flüchtlingen an Bord habe sie das Mittelmeer überquert. Menschen verschiedenster Religionen seien an Bord gewesen. „Alle haben in den unterschiedlichsten Sprachen gebetet.“

Was wünscht sie sich für die Zukunft ihrer Tochter? Ophelya Adé lacht: „Sie soll auch mal Präsidentin werden.“ Angela Merkel selbst interessiert sich an diesem Tag allerdings überhaupt nicht für möglichen späteren Ruhm. Sie ist vollauf mit dem ersten Laufen auf zwei Beinen befasst und gerade zum wiederholten Mal auf den Hosenboden geplumpst. Jetzt müssen sie alle erst mal Kraft sammeln, für den nächsten Schritt.

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