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Die ersten Tage ohne Mama

Eingewöhnung in Krippen Die ersten Tage ohne Mama

„Eingewöhnung“ heißt der Start von Kindern in ihr Leben in der Krippe. Immer häufiger sind sie gerade mal ein Jahr alt, wenn sie die ersten Schritte in die Selbstständigkeit wagen. In Hannover stieg die Zahl der Einjährigen in der Krippe von 2008 bis 2014 um 120 Prozent. 

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„Er versichert sich immer erst mit den Augen, dass seine Mama nicht weggeht“: Tin (Mitte) hat Spaß beim Kneten – Mutter Marinka Peric guckt von der Tür aus zu.

Quelle: Kutter

Hannover. Um Tin herum tobt das Leben. Anton beispielsweise sammelt gerade hoch konzentriert große Knöpfe in eine Schüssel, um sie dann mit einem kurz angebundenen „Ba“ vor Johanna wieder auszuschütten. Felix läuft geschäftig mit einem Bob-der-Baumeister-Helm durch die Gegend, bis er auf den Boden plumpst und getröstet werden muss. Frederike kocht in der Küchenecke schon morgens um 9 Uhr genüsslich die erste Mahlzeit des Tages.

In der Krippe bekommen Kinder Raum, sich frei zu entwickeln.

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Tin stört das alles nicht. Er liegt im Maxi-Cosi und schläft. Dabei ist heute ein großer Tag für ihn. Die zweite Woche seiner Eingewöhnung in der Bothfelder Kinderkrippe Sutelstraße beginnt. Ein Jahr ist er alt. Vor wenigen Jahren wurde über die Frage, ob es dem Kindeswohl dient, so kleine Kinder außer Haus zu betreuen, in Deutschland noch eine Art Glaubenskrieg geführt. Krippengegner führten die Mutter-Kind-Bindung ins Feld, zitierten Studien, die einen besorgniserregenden Anstieg der Stresshormone bei fremd betreuten Kleinstkindern prognostizierten. Krippenbefürworter nannten Mütter, die zu Hause bleiben, despektierlich „Heimchen am Herd“. 2008 beschloss der Bund, ab Mitte 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für Kinder ab einem Jahr einzuführen. Seitdem stimmen die Eltern mit den Füßen ab. In Hannover stieg die Zahl der Einjährigen in der Krippe von 2008 bis 2014 um 120 Prozent. 781 waren nach Angaben der Stadt 2008 in Hannovers Krippen zu finden. 2014 waren es 1723: Tendenz steigend.

Die erste Trennung ist nicht leicht

Was auf dem Papier so einfach klingt, hat in der Realität aber einen Haken: Der Krippenbesuch ist mit der ersten Trennung vom Kind verbunden: ein Thema, das Kinderlosen in der Regel ein Achselzucken entlockt, unter Eltern im Internet und in Fachzeitschriften aber Bände füllt. „Eingewöhnung“ heißt der Fachterminus aus der Kleinkindpädagogik schlicht. Es schwingt so viel Freudloses – „Gewöhnung“, „Anpassung“ – in dem Wort mit, dass allein das Vorbehalte schüren kann. Unter Eltern ist das Thema zudem von Schauergeschichten umrankt. Von Kindern hört und liest man da, die ihren Eltern wochenlang verängstigt am Rockzipfel hingen, von Eltern, die sich noch lange nach dem Abschied in der Nähe der Krippe herumdrückten, weil sie nicht loslassen konnten, von Eltern, die ihr Kind nach Wochen voller Tränen und Geschrei zu Hause behielten. Man muss solche Berichte nicht überbewerten. Sie zeigen aber, dass die erste Trennung vom Kind eine gewichtige und nicht immer ganz leichte Angelegenheit ist.

Mit Gleichaltrigen Erfahrungen sammeln

Selbst für Marinka Peric ist das so. Dabei ist Tin ihr viertes Kind. Bis auf ihr erstes hat sie alle früh in die Krippe gegeben. Marinka Peric, eine in Deutschland geborene, selbstständige Rechtsanwältin mit kroatischen Wurzeln, arbeitet in Hannover. Ihr Mann ist Zahnarzt. Er ist Vollzeit beschäftigt, sie auch annähernd, kann sich ihre Zeit wegen ihrer Selbstständigkeit zumindest teilweise frei einteilen. Dass sie jetzt etwa zwei Wochen lang mit Tin jeden Vormittag in der Krippe verbringt, bis er dort Mittagsschlaf macht und Schritt für Schritt allein gelassen werden kann, ist mit großem persönlichen Aufwand verbunden. „Wenn Tin bei uns so gegen 20 Uhr schläft, hole ich mir erst mal die Akten auf den Schreibtisch und bearbeite die Post“, sagt Peric. Auch in der ersten Woche in der Krippe habe sie zwischendurch schon mal mit dem Handy unauffällig ein paar Dinge geregelt. Peric hat bei ihrer Drittältesten erlebt, dass eine Eingewöhnung auch schwierig sein kann. „Aber als sie die Hürde genommen hatte, wollte sie sogar am Wochenende kommen.“

Trotzdem hat sie sich „wahnsinnig“ auf die Eingewöhnungszeit mit Tin gefreut. „Mitzuerleben wie er die ersten Schritte allein unternimmt, ist einfach wunderschön“, sagt die 37-Jährige. Peric ist vom Konzept der Kinderkrippe Sutelstraße zudem zutiefst überzeugt. „Ich gebe ihn nicht nur ab, weil ich arbeiten möchte. Ich glaube, dass er hier mit Gleichaltrigen Erfahrungen macht, die wir ihm nicht bieten können.“

Raum für freie Entwicklung

Das glaubt auch Krippenleiterin Ulrike Fricke. Die Kleinen in ihrer Einrichtung einfach nur „süß“ zu nennen, kommt bei ihr nicht in die Tüte. „Das sind alles kleine Persönlichkeiten“, sagt die 63-Jährige fast schon empört. Dass Eltern beim heimischen Betüdeln das Potenzial ihrer Kinder leicht verkennen, schimmert durch, wenn Fricke berichtet, wie weit die Kinder sind, wenn sie zu ihr kommen. Die meisten könnten noch nicht alleine am Tisch sitzen und essen, seien noch nie Bus gefahren, sondern würden meistens herumkutschiert, erzählt sie. In der Krippe bekämen sie endlich Raum, sich frei zu entwickeln. „Viele explodieren hier förmlich.“

Es ist tatsächlich erstaunlich, an diesem Vormittag zu beobachten, wie selbstständig selbst die erst ein Jahr alten Kinder schon sind. Wie eine Eins sitzen die Pampersträger beim Mittagessen auf ihren Stühlchen, essen ohne mit der Wimper zu zucken Hähnchen süß-sauer mit dem Löffel und matschen zwischendurch mit den Händen herum. Sie spielen mit kleinen Bällen oder großen Scheiben, krabbeln und klettern im Toberaum, kneten oder singen im Spielkreis. Die etwas Älteren ziehen sich ohne Murren selbst die Jacken an, als es zum Spielen nach draußen geht. Und die mit Kinderfotos versehenen blauen Eimer, in die sie ihre Kleider legen, bevor sie sich auf Matratzen schlafen legen, schleppen selbst die Allerkleinsten schon alleine an.

Bezugsperson für die Eingewöhnungsphase 

Tin kann wenig dazu sagen, ob ihm das Ganze gefällt. Mehr als „Papa“, „Mama“ und liebevoll variierte Konsonanten und Vokale umfasst sein Wortschatz noch nicht. Aber als er nach einer Stunde Tiefschlaf endlich die Augen geöffnet hat, geht er ziemlich schnell auf Entdeckertour. Tin ist eher einer von der draufgängerischen Sorte. Wie ein Kapitän auf einer Schiffskommandobrücke hält er sich auf der Holzbrücke im Flur am Geländer fest und bearbeitet hingebungsvoll die Luftballons. Dann stratzt er weiter in den Toberaum und später – noch ein Zimmer weiter – an den Tisch zum Kneten. „Man merkt aber, er versichert sich immer erst mit den Augen, dass seine Mama nicht weggeht“, sagt Adina Fischer. In der Eingewöhnungsphase ist sie für Tin die Bezugsperson. Den ganzen Tag über bleibt sie in seiner Nähe, spricht ihn an, zeigt ihm etwas, hat ihn beim Essen auf dem Schoß, während die Mutter daneben sitzt. Vorsichtig, unaufdringlich, behutsam, schiebt sie sich Stück für Stück in sein Leben.

Erst als es an den Mittagsschlaf geht, zeigt Tin Nerven. Jetzt quengelt er müde, verdrückt erschöpft ein paar Tränchen. „Wir wollen schlafen gehen“, singen die anderen Kinder. Tin will nach Hause. Mit Mama. Morgen ist auch noch ein Tag.     

Münchener Modell in städtischen Krippen

Bis zu 30 Kinder zwischen ein und drei Jahren sind in der Kinderkrippe Sutelstraße in zwei Gruppen eingeteilt. Drei pädagogische Fachkräfte kümmern sich jeweils um eine Gruppe. Vorbild für die Eingewöhnungsphase in dieser Einrichtung ist – wie in allen städtischen Krippen – das sogenannte Münchener Modell, das Elisabeth Erndt-Doll mit entwickelt und in Hannover eingeführt hat.

Zwölf Tage soll dabei ein Elternteil immer mit in der Krippe sein, danach beginnt die Phase, in der das Kind Tag für Tag immer länger allein in der Krippe bleibt. Neben den Erzieherinnen spielt die gesamte Kindergruppe als Bezugspunkt für das neue Kind eine wichtige Rolle. Beim ebenfalls weit verbreiteten Berliner Modell erfolgt schon am vierten beziehungsweise fünften Tag der erste Trennungsversuch. Hier steht zunächst der Aufbau der Beziehung zu einer Erzieherin im Vordergrund.

Eingewöhnt werden in der Krippe Sutelstraße – gestaffelt von Juni bis in den Oktober hinein – bis zu drei Kinder gleichzeitig. Geöffnet ist sie von 8 bis 16 Uhr.     

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