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Hat das Zentralabitur die Prüfung bestanden?

Bilanz Hat das Zentralabitur die Prüfung bestanden?

Seit zehn Jahren gibt es in Niedersachsen das Zentralabitur. Schulleiter ziehen eine gemischte Bilanz: Nach einigen Anfangsschwierigkeiten gebe es jetzt keine technischen Probleme mehr. Mit den Aufgaben kämen die Schüler gut klar. Individuelle Akzente seien aber kaum noch möglich.

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„Niedersächsisches Abitur ist niedersächsisches Abitur“: Wenn Schüler in diesen Tagen ihre Prüfungen schreiben, sind die Aufgaben im ganzen Land identisch.

Quelle: dpa

Hannover. Überall in Niedersachsen sind Schüler am Montag im Prüfungsstress: Die Abiturienten schreiben ihre Chemieklausur – und von Cuxhaven bis zum Harz werden dieselben Aufgaben gestellt. Seit zehn Jahren gibt es in Niedersachsen das Zentralabitur. „Meine Tochter war der erste Jahrgang, der 2005 diese zentrale Prüfung schreiben musste“, erinnert sich Brigitte Helm, Leiterin der Sophienschule. Zuerst habe sie das gar nicht gut gefunden. „Heute weiß ich: Das ist nichts, wovor man Angst haben muss.“

Fragt man Hannovers Schulleiter nach ihren Erfahrungen mit dem Zentralabitur, kommen ähnliche Antworten, etwa: Nach einigen Anfangsschwierigkeiten gebe es jetzt keine technischen Probleme mehr. „Die Organisation läuft reibungslos“, sagt Beate Günther von der Schillerschule. Mit den Aufgaben kämen die Schüler meist gut klar, sagen die Schulleiter auch. Das Ziel einer besseren Vergleichbarkeit und größeren Transparenz werde erreicht. In Bewerbungsgesprächen für Firmen oder Hochschulen müsse sich nun niemand mehr rechtfertigen, sagt Günther: „Niedersächsisches Abitur ist niedersächsisches Abitur.“ Das habe aber auch seinen Preis: „Individuelle Akzente sind kaum noch möglich“, betont Kurt Veith von der Leibnizschule. Günther drückt es so aus: „Lehrer können einzelne Themen natürlich noch vertiefen, wenn sie die Zeit dafür haben, aber prüfungsrelevant sind diese Stunden dann nicht.“ Aber dies seien gerade oft die Höhepunkte in den Oberstufenkursen. Wilhelm Bredthauer, Direktor der Goetheschule, spricht von einer „Einengung der pädagogischen Möglichkeiten. Früher ging das Abitur mehr in die Tiefe, heute mehr in die Breite“.

„Das, was die Abiturienten in der Qualifikationsstufe lernen, ist uniformer geworden“, sagt Martin Thunich von der Wilhelm-Raabe-Schule. „Statt vieler Blumen auf der Wiese des Wissens gibt’s jetzt Monokultur. Alle haben denselben Roman gelesen, alle bearbeiten dieselben Themen, alle beherrschen dieselben Methoden.“ Er erinnert an eine Karikatur von Hans Traxler aus dem Jahr 1975, in der ganz unterschiedliche Tiere wie Elefant, Goldfisch, Robbe und Affe die gleiche Aufgabe bekommen, nämlich auf einen Baum zu klettern.

Immerhin müssten jetzt alle Schulen auf einen Stand kommen, sagt Veith. Martin Thunich aber warnt: „Die Aufgaben sind gleich, das heißt aber nicht, dass auch der Unterricht gleich ist.“ Die Vorbereitung auf das Abitur hänge noch immer von der Qualität des Lehrers ab, der den Unterricht gebe. Doch eine Lehrerkompetenz sei mittlerweile verkümmert, betont Thunich: Bis vor zehn Jahren habe ein Lehrer mit Abiturkurs zwei Prüfungsthemen selbst ausarbeiten müssen. „Die Aufgaben wurden bei der Behörde eingereicht und von einem schulexternen Fachmann auf Herz und Nieren geprüft.“ Fielen sie durch, gab es sie zurück und der Kollege musste nachbessern. Das war ärgerlich, schulte aber die Kompetenz der sinnvollen Erstellung von Klausuraufgaben auch für den schulischen Alltag. „Dieses Instrument gibt es nicht mehr.“ Dafür biete die Abiturkommission nun das „Rundum-sorglos-Paket“. „Über die Qualität seiner Klausuraufgaben erhält ein Kollege in seinen 40 Dienstjahren in der Regel nun nie mehr ein schulexternes Feedback.“ Andererseits müssten sich die Pädadogen in immer neue Themenfelder einarbeiten, unterstreicht Veith. Das sei nicht weniger, sondern mehr Arbeit. „Die Pflichtlektüre wechselt beispielsweise ständig.“

Thunich bleibt skeptisch: „Die Kontrolle über die Themen liegt jetzt ausschließlich bei der Politik: Über die konkreten Inhalte der Abiturprüfung entscheidet jetzt nicht mehr der Pädagoge im Rahmen der Vorgaben, sondern die Kommission und damit das Ministerium.“

Als positiv werten die Schulleiter, dass die Abi-Klausuren im Schnitt alle vier Jahre auch von externen Gutachtern anderer Schulen korrigiert werden: „Das verstärkt die Zusammenarbeit, und in unseren Einschätzungen waren wir uns immer sehr ähnlich“, sagt Helm. Ob es gerechter sei, wenn der Gutachter den Prüfling und dessen Vorgeschichte nicht kenne, sei dahingestellt.     

Aufgabenpool aller Bundesländer geplant

Der nächste Schritt ist bereits geplant: Ab dem kommenden Jahr soll es beim Abitur einen gemeinsamen Aufgabenpool aller Bundesländer in Mathematik, Deutsch und Englisch geben. Einige Länder, darunter Niedersachsen, haben diesen Pool schon seit einigen Jahren. Dabei sei klar geworden, dass das hiesige Abitur nicht schlechter sei als das bayerische, im Gegenteil. „Wir sind das einzige Land mit Experimenten im Abitur“, sagt Wilhelm Bredthauer, Direktor der Goetheschule. Durch den gemeinsamen Aufgabenpool werde sich die Uniformität noch verstärken, glaubt Martin Thunich von der Wilhelm-Raabe-Schule.

Und wenn irgendwann das Bundesabitur für alle käme? „Eine Horrorvorstellung, zentrale Gigantomanie“, findet Brigitte Helm, Leiterin der Sophienschule. „Gar nicht“, widerspricht Beate Günther von der Schillerschule. „Warum sollte Deutschland nicht das können, was auch in Frankreich geht?“ Und Bredthauer sagt: „Es kann nicht sein, dass es in Europa 17, 18 Niveaus gibt, um die allgemeine Hochschulreife zu erlangen, und 16 davon kommen aus Deutschland.“

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