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„Wir wissen nicht, wann wir die letzte Bombe finden“

Blindgängersuche in Hannover „Wir wissen nicht, wann wir die letzte Bombe finden“

Abertausende Bomben wurden im Zweiten Weltkrieg über deutschen Großstädten wie Hannover abgeworfen. Mehr als 70 Jahre später sichten Experten noch immer alte Luftbilder, um Blindgänger zu lokalisieren. Ein Ende ihrer Arbeit ist nicht in Sicht.

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Mithilfe einer Lupe werden Luftbilder von Hannover aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs untersucht.

Quelle: Silas Stein/dpa

Hannover. Meist Hunderte Bombenkrater sind auf jedem der Luftbilder zu sehen, mit deren Hilfe die Kampfmittelbeseitigung in Hannover sich auf die größte Entschärfungsaktion der Stadt am Sonntag mit 50.000 betroffenen Menschen vorbereitet. Zwischen den Kratern sind hier und da kleine schwarze Punkte auszumachen. „Das ist ein Hinweis darauf, hier könnte eine Bombe nicht explodiert sein“, sagt der Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Niedersachsen, Thomas Bleicher. Die Behörde hat über 130.000 Luftbilder der Alliierten, deren Auswertung eine Sisyphusarbeit ist. Mehrere Verdachtspunkte wurden für die anstehende Entschärfung lokalisiert.

Mit einer Lupe beugt sich Vermessungstechnikerin Ivonne Miericke über die Luftbilder auf der Suche nach Stellen, an denen bei einem der zahlreichen Angriffe auf die Industriestadt vor mehr als 70 Jahren eine Bombe nicht explodiert sein könnte. Auf dem Tisch liegen zahlreiche Papierabzüge der Fotos, auch eine digitale Sichtung am Bildschirm ist möglich. An einer neuen Technik, die eine dreidimensionale Vorstellung der Situation am Boden ermöglicht, wird gerade gearbeitet. „Der Kampfmittelbeseitigungsdienst sieht nicht alle Blindgänger“, erklärt Bleicher. Die Gründe sind zahlreich.

Über 130.000 Luftbilder der Alliierten lagern beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen in Hannover.

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Nicht unmittelbar während der Bombenangriffe, sondern meist erst ein oder zwei Tage später hätten Aufklärer Luftbilder der zerstörten Städte angefertigt. „Quasi als Qualitätskontrolle“, meint Bleicher. Nach Schneefall oder bei wolkigem Himmel seien diese Fotos für die Zwecke der Blindgängersuche heute wenig hilfreich. Außerdem habe gleich nach den Angriffen am Boden das Aufräumen eingesetzt. „Bahnanlagen wurden binnen 24 oder 48 Stunden repariert, ein Landwirt ebnete das Erdreich ein und säte nach.“ Wo sich möglicherweise ein Blindgänger befand, war da schon nicht mehr aus der Luft zu sehen, ebenso wenig dort, wo der Schutt eines zerstörten Hauses darüberfiel.

Wo genau bombardiert wurde, darüber hätten die Alliierten nicht Buch geführt, allenfalls gibt es Beladungslisten der Flieger, aus der sich die Bombenlast pro Angriffsflug berechnen lässt. Und auch nach Ende des Krieges wurde das Entschärfen der Blindgänger erst vom Ende der siebziger Jahre an dokumentiert. Bis dahin entschärften in Niedersachsen zunächst bis März 1947 die Briten und dann die Deutschen nicht detonierte Bomben, ohne dies zu registrieren. „Da freut man sich, dass es den ein oder anderen Zeitzeugen gibt“, sagt Bleicher. Nach manchem bereits geräumten Blindgänger müssen die Experten da nicht mehr suchen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann in Hannover die Zeit des Wiederaufbaus der weitgehend zerstörten Stadt. Der HAZ-Fotograf Wilhelm Hauschild (1902-1983) hat die Zeit festgehalten. HAZ.de zeigt die beeindruckendsten Bilder aus dem umfangreichen Archiv des Fotografen.

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Trotz moderner Technik lässt sich bei einer Sondierung vor Ort nur klären, ob sich größere Metallteile im Boden befinden. Diese entpuppen sich beim Start einer Entschärfungsaktion aber durchaus mal als eine alte Waschmaschinentrommel. Erst wenn die Experten sich bei Grabungsarbeiten bis auf etwa einen Meter dem Verdachtspunkt nähern, zeigen sich meist erste Hinweise auf die Bombe, wie etwa das beim Einschlag abgerissene Leitwerk oder verfärbtes Erdreich, sagt Bleicher.

Ein Ende der Blindgängersuche ist weder in Hannover noch anderenorts in Deutschland in Sicht. „Wir kaufen noch jedes Jahr neue Luftbilder überwiegend aus englischen Beständen“, sagt Bleicher. Darauf sind immer neue Hinweise auf Blindgänger zu finden, die Bauherren bei der vorgeschriebenen Gefährdungsabschätzung helfen, bevor die Bagger anrollen können. „Wir wissen nicht, wann wir die letzte Bombe finden“, sagt der Chef der Entschärfer.  

Immer wieder müssen in Hannover Fliegerbomben entschärft werden. Ein Überblick über die Bombenräumungen der vergangenen Jahre:

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Von Michael Evers

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