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Aus der Stadt Boehringer feiert gewöhnungsbedürftige Eröffnung
Hannover Aus der Stadt Boehringer feiert gewöhnungsbedürftige Eröffnung
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19:56 27.09.2012
Von Conrad von Meding
In den Labors sollen Tierimpfstoffe erforscht werden. Quelle: Wilde
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Hannover

Ingelheim in Rheinhessen, Biberach in Oberschwaben, Dortmund in Nordrhein-Westfalen – und seit Donnerstag ganz offiziell auch Hannover. Das ist die aktuelle Liste der deutschen Standorte des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim. „Dies ist ein großer Tag für die Stadt und für das Unternehmen, aber auch für den gesamten Forschungsstandort“, sagte Boehringer-Deutschlandchef Engelbert Günster zur Begrüßung von etwa 700 Gästen der Eröffnungsfeier. Denn dass Hochtechnologiefirmen in Mitteleuropa gegen Ängste und Widerstände neue Forschungsstandorte durchsetzen, das habe mittlerweile Seltenheitswert. Und so war der gestrige Termin eine Steilvorlage für Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil, der die Ansiedlung von Anfang an aktiv vorangetrieben hatte: „Ich hoffe, dass dies im Rückblick eine der besten Investitionsentscheidungen Ihres Unternehmens gewesen sein wird. Wenn Sie mit weiteren Unternehmen sprechen, die einen neuen Standort suchen, dann dürfen Sie denen gerne sagen, dass sie hier in Hannover gute Gesprächspartner finden.“

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Das Tierimpfstoffzentrum in Hannover wurde am Donnerstag eröffnet. Ein Blick hinter die Kulissen der umstrittenen Anlage:

Weihevolle Worte und Schulterklopfen sind nicht ungewöhnlich bei Eröffnungen. In diesem Fall aber stehen hinter der Freude über das gelungene Projekt tatsächlich bittere Erfahrungen. Auch, wenn davon nicht die Rede war: Boehringer hatte mit dem Versuch, das Tierimpfstoffzentrum zunächst in Tübingen anzusiedeln, einen vollständigen Schiffbruch erlitten. Und dem Oberbürgermeister war im Zuge der Auseinandersetzungen um die Ansiedlung in Hannover sogar sein Haus beschmiert worden. Es hat Demonstrationen, Besetzungen und Klagen gegeben. „Letztlich aber hat uns durch diese Widerstände das höchste zuständige Gericht, das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, bestätigt, dass dieses Forschungszentrum an diesem Standort rechtens und richtig ist“, sagte Projektleiter Fridolin Nöker. Der Vergleich wiederum, der mit der Bürgerinitiative in einem Verfahren gegen die schlampige Genehmigung des Gewerbeaufsichtsamts erzielt worden sei, habe „dafür gesorgt, dass die Türen nicht zugeschlagen“ seien.

Hubertus von Baumbach, Urenkel des Boehringer-Gründers, dankte Hannover dafür, dass die Ansiedlung trotz aller anfänglicher Bedenken möglich war. „Wir werden alles Erdenkliche tun, um das Vertrauen nicht zu enttäuschen“, sagte er unter Applaus: „Wir wollen hier in Hannover innovative Produkte entwickeln, wir wollen ein guter Arbeitgeber sein – und auch ein guter Nachbar.“ Das Unternehmen hatte die Anwohner und auch die Kläger vergangene Woche zur exklusiven Führung durch Labortrakte und Tieranlagen eingeladen. Donnerstag waren unter den Besuchern auch Christine Lenssen von der Lebenshilfe, die auf dem Nachbargrundstück Behinderte betreut, und natürlich Gerhard Greif, Präsident der Tierärztlichen Hochschule, der die Ansiedlung vor fünf Jahren gemeinsam mit Boehringer-Geschäftsführer Hubert Papp eingefädelt hatte. Klaus Neudahm, Sprecher der Bürgerinitiative, hatte als Ratsherr eine Einladung erhalten, war ihr aber nicht gefolgt. „Mit dem Vergleich haben wir erreicht, dass Boehringer sich zu einem dauerhaften Bürgerdialog verpflichtet hat – das ist bundesweit einzigartig“, sagte Neudahm. „Nach feiern ist mir aber trotzdem nicht zumute.“

Dafür sind andere gekommen. Die neuen Boehringer-Mitarbeiter aus Hannover mit ihren Familien, Kollegen der anderen Firmenstandorte, bundesweite Vertreter der tierärztlichen Fakultäten, die Präsidenten von Tierärzteverbänden und -kammern, die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands und viele andere.

Tiergesundheit sei seit mehr als 50 Jahren ein strategisches Kerngeschäft für Boehringer, sagte Gründungsurenkel von Baumbach: „Wenn wir Krankheiten verhindern wollen, dann sind Impfstoffe dafür der Hebel. Der Standort Hannover wird damit zur tragenden Säule des Unternehmens.“ Geschäftsführer Papp wies darauf hin, dass das Ziel der Bundesregierung, den Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung zu reduzieren, nur mit zielgenauen Impfungen zu erreichen sei. Weil Krankheiten regional unterschiedlich verliefen, müssten auch Impfstoffe regional entwickelt werden. Deshalb sei es nur folgerichtig, das Forschungszentrum in dem Bundesland anzusiedeln, das die höchste landwirtschaftliche Wertschöpfung erziele.

Das Familienunternehmen Boehringer Ingelheim ist eine der wenigen verbliebenen Pharma-Forschungsfirmen in Deutschland. Von 13 Milliarden Euro Jahresumsatz an den 150 Standorten weltweit werden nur sieben Prozent in Deutschland erwirtschaftet. „Aber fast 50 Prozent der Investitionen tätigen wir in Deutschland“, hob Landeschef Günster hervor. In Hannover sind es mehr als 40 Millionen Euro gewesen. Oder, wie Projektleiter Nöker angesichts von rund 50 Mitarbeitern sagte: „Pro Arbeitsplatz beträgt die Investition fast eine Million Euro.“

Fünf Jahre Diskussion

Seit fast auf den Tag genau fünf Jahren diskutiert Hannover über die Ansiedlung des Tierforschungszentrums von Boehringer.

  • Der Geheimplan: Unter der Überschrift „Boehringer will Forschungsinstitut für Tierarznei neben TiHo errichten“ informierte die HAZ am 1. Oktober 2007 ihre Leser über den geplanten Coup des Präsidenten der Tierärztlichen Hochschule, Gerhard Greif. Am 13. Oktober bestätigten Vertreter von Stadt- und Landesregierung in einem Gespräch die Pläne.
  • Die Proteste: Im März 2008 gründen etwa 120 Kritiker die „Initiative gegen Tierversuche in Wohngebieten“. Sie wird ein Sammelbecken sowohl für besorgte Nachbarn als auch für überzeugte Tierversuchsgegner, was intern Konflikte auslöst.
  • Die Abstimmungen: Nach ersten Irritationen – CDU-Politiker hatten im Umweltausschuss gegen die Ansiedlung gestimmt – gibt es im Rat eine breite Unterstützung für Boehringer. Das gilt bundesweit als ungewöhnlich: Eine von Grünen mitregierte Stadt ermöglicht die Ansiedlung eines Tierforschungszentrums.
  • Die Verhandlungen: Der Kleingärtnerverband entscheidet, 39 Parzellen für Boehringer aufzugeben, Kirchrodes Kirchengemeinde verkauft ein Grundstück an den Konzern. Dadurch wird Boehringer zur Belastungsprobe für Nachbarschaften und Vereinsfreundschaften. 
  • Die Besetzung: Die Schärfe des Konflikts nimmt zu. 2009 gibt es erst Demos, dann zwei Besetzungen. Die Polizei räumt schließlich das Gelände. Chaoten beschmieren das Wohnhaus von Oberbürgermeister Stephan Weil in Kirchrode.
  • Die Prozesse: Der von der Stadt zu verantwortende Bebauungsplan hält der Anwohnerklage bis in die höchste Instanz stand. Die Genehmigung des Gewerbeaufsichtamts dagegen ist so schlampig, dass Boehringer den Gegnern schon in erster Instanz ein Vergleichsangebot macht: Erstmals in der deutschen Forschungsgeschichte bekommen die Anlieger das Recht, ständig über alle Forschungsdetails informiert zu werden.
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