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Boehringer sieht Standorte in Gefahr

Deutschland-Chef im HAZ-Interview Boehringer sieht Standorte in Gefahr

Deutschlands zweitgrößtes Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim übt harsche Kritik an den Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen. Es falle dem Unternehmen immer schwerer, seine Geschäfte und international ausgerichtete Funktionen hierzulande profitabel zu betreiben, sagte Deutschland-Chef Engelbert Günster der HAZ.

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„Wir hätten keine bessere Wahl treffen können",lobt Engelbert Günster den Standort Hannover.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. HAZ-Redakteur Volker Goebel sprach mit Dr. Engelbert Günster, dem Landesleiter Deutschland und Vorsitzenden der Geschäftsführung der Boehringer Ingelheim Deutschland GmbH.

Herr Dr. Günster, 40 Millionen Euro investiert das Unternehmen Boehringer Ingelheim in das Forschungszentrum für Tierimpfstoffe in Kirchrode. Hannover wird damit zu einem von vier deutschen Standorten von Boehringer Ingelheim. Wie wichtig ist dieser Standort für Sie?

Für uns ist das ein großer Schritt. Es ist ja heute durchaus ungewöhnlich, dass ein Unternehmen in Deutschland einen komplett neuen Standort aufmacht. Wir haben uns dafür entschieden, weil wir unser Geschäft im Bereich Tiergesundheit in Europa weiter stärken und ausbauen wollen.

Was genau ist das für ein Geschäft, und wie sehen die Perspektiven aus?

Die Verbraucher wollen qualitativ hochwertige Lebensmittel. Wer Fleisch isst, will, dass es von gesunden Tieren kommt. Die Philosophie unseres Unternehmens geht davon aus, dass es besser ist, wo immer möglich, Tiere gegen Krankheiten zu impfen, als sie später mit Medikamenten zu behandeln. Die Entwicklung von Impfstoffen zur Bekämpfung von Tierkrankheiten ist für uns ein entscheidendes Zukunftsfeld: Wir möchten in diesem Bereich das weltweit führende Unternehmen werden und am Standort Hannover unsere Impfstoffentwicklung in Europa konzentrieren.

Und das ist ein lukratives Geschäft?

Ja. Die Tiergesundheit ist ein Geschäftsbereich, der in den vergangenen Jahren international an Bedeutung gewonnen hat. Bei Boehringer Ingelheim trägt er schon heute weltweit eine Milliarde Euro zum Gesamtumsatz von 13 Milliarden Euro bei.

Versuche an Tieren, der Umgang mit gefährlichen Krankheitserregern, die Notwendigkeit, die infizierten Tiere zu töten – das alles ist nicht unproblematisch. Und das Tierimpfstoffzentrum in Hannover steht auch noch in unmittelbarer Nähe zu einem Wohngebiet. Waren Sie nicht selbst überrascht, dass Ihr Projekt hier durchsetzbar war?

Die Verhandlungen mit der Stadt Hanover waren von Anfang an ausgesprochen konstruktiv. Es war nicht immer nur harmonisch und einfach. Gerade über technische Fragen hat es intensive Verhandlungen gegeben. Aber die Politik hat nicht gewackelt, im Gegenteil: Alle Beteiligten, auch die Vertreter der politischen Parteien im Rat, fanden es toll, dass hier eine ganz neue Branche nach Hannover kommt.

Das haben sie anderswo anders erlebt, in Tübingen wollte man die Anlage ja nicht haben...

Wir wissen ja, dass wir den Menschen Ängste nehmen müssen, wenn es um den Bau solcher Forschungsanlagen geht, und wir haben damit Erfahrung und nehmen das ernst. In Hannover hat es einen durchaus kritischen, aber fairen Dialog gegeben. Ich höre mittlerweile, dass an anderen möglichen Standorten bedauert wird, dass man vielleicht doch eine Chance verpasst hat.

Die hannoversche Stadtspitze und die im Rat vertretenen Politiker konnte Boehringer vergleichsweise schnell davon überzeugen, dass die Anlage sicher ist. Aber bei vielen Bürgern, gerade in Kirchrode, dürfte es noch Zweifel geben. Was wollen Sie tun, um solche Zweifel und Ängste auszuräumen?

Mit der Nachbarschaft in Einklang zu leben gehört schon lange zur Kultur unseres Unternehmens, und wir pflegen diese Kultur an allen unseren Standorten.

Im Ringen mit der Bürgerinitiative, die sich gegen das Projekt wendet, hat es einen gerichtlichen Vergleich gegeben, mit dem sich Boehringer zu einem permanenten Dialog und zu größtmöglicher Transparenz verpflichtet. Können Sie denn eine interessierte Öffentlichkeit hinter alle Türen gucken lassen?

Wir haben schon damit begonnen und Besuchergruppen, etwa der Lebenshilfe hier aus der Nachbarschaft, der Freiwilligen Feuerwehr aus Kirchrode oder der Medizinischen Hochschule, durch unsere Gebäude geführt. Wir verstecken uns nicht, wir schließen uns nicht ein. Und wir machen die Erfahrung: Jeder, der uns besucht, will wissen, was mit den Tieren in unserer Forschungsanlage passiert. Und viele sind dankbar für die Informationen und sagen hinterher: Ich weiß jetzt, was hier geschieht und wozu es gut ist.

Und was passiert nun mit den Tieren?

Wer Arzneimittel oder eben Impfstoffe entwickelt, wie wir es hier Hannover in unseren Labors schon jetzt tun, der kommt nicht umhin, deren Wirksamkeit an komplexen Organismen zu testen. Da, wo es geht, ersetzen wir Tierversuche bereits durch Ersatzmethoden im Labor, aber eine bestimmte Anzahl von Versuchen an Tieren sind im Sinne der Arzneimittelsicherheit und nicht zuletzt auch wegen gesetzlicher Vorschriften unabdingbar. In Hannover wollen wir vor allem Impfstoffe für Schweine und später auch für Rinder entwickeln und müssen diese an Schweinen beziehungsweise Rindern testen.

Noch sind keine Tiere in der Anlage. Wann kommen die ersten?

Wir werden das Tierforschungszentrum am 27. September offiziell eröffnen, haben aber mit den Laborarbeiten dort bereits begonnen. Ende des Jahres kommen die ersten Tiere, zunächst nur ein paar Dutzend. Wir wollen ausprobieren, ob sie sich wohl fühlen, wie das mit dem Futter funktioniert und sicherstellen, dass alle Sicherheitsmaßnahmen greifen. Im kommenden Jahr wollen wir dann mit den Experimenten beginnen.

Sie sagen, die Tiere sollen sich wohl fühlen. Aber am Ende müssen doch ausnahmslos alle Tiere, mit denen Sie Experimente machen, getötet werden.

Ja, das ist so. Wir arbeiten mit Krankheiten, mit Erregern, und wir müssen laut Gesetz nachweislich sicherstellen, dass keine Erreger aus dieser Anlage nach draußen kommen. Das können wir nur, wenn wir die Tiere töten und die Körper anschließend keimfrei machen.

Und der Umgang mit den Tieren verträgt sich mit dem Tierschutz?

Zunächst einmal dient unsere Forschung letztlich dazu, Millionen von Tieren auf Dauer gesund zu halten. Tierschutz muss in Einklang gebracht werden mit dem höheren Ziel, wenn es um die Entwicklung von Arzneimitteln für komplexe Lebewesen geht. In der Forschungsanlage in Kirchrode werden die Tiere nach modernsten Gesichtspunkten unter Einhaltung der Tierschutzgesetze gehalten; sie werden schmerzfrei betäubt und getötet.

Damit ist es dann aber noch nicht getan.

Nein. Um sicherzustellen, dass keine Erreger nach außen dringen, werden die Tierkadaver zunächst in einer alkalischen Lauge zersetzt; die Biomasse wird anschließend auf 150 Grad erhitzt und drei Stunden lang sterilisiert. Diese sterile Masse wird dann von einer Tierkörperbeseitigungsfirma abgeholt, noch einmal sterilisiert und zu Diesel oder Biogas verarbeitet. In der gesamten Anlage in Kirchrode arbeiten wir mit einem hochkomplexen Unterdruck- und Filtersystem sowie vielen weiteren Schutzmaßnahmen. Es ist eine der weltweit modernsten Anlagen.

Wie viele Menschen sind dort beschäftigt?

Wir konnten mit den Arbeiten in den Labors schneller starten als erwartet und beschäftigen in Kirchrode bereits 50 Leute, davon 20 Wissenschaftler. Dazu kommen hoch qualifizierte Laborkräfte und etliche Tierpfleger, die sich um die Schweine kümmern werden. Spätestens im Jahr 2016 werden wir dann 80 Mitarbeiter in Hannover haben.

Und wie viele Tiere?

Das Forschungszentrum ist so ausgelegt, dass wir zwei Impfstoffe parallel entwickeln können. Wir haben 16 Tierräume, könnten in jedem dieser Räume gemäß den Bestimmungen des Tierschutzgesetzes rein rechnerisch 80 Mastschweine mit 25 Kilo unterbringen. In der Praxis werden wir im Idealfall maximal 350 Tiere gleichzeitig in der Anlage haben.

Und wie lange leben diese Tiere dann?

Zwischen zwei Wochen und neun Monaten oder auch ein Jahr – das hängt ganz von der Dauer der Entwicklungsprojekte und Studien ab.

Sie wiesen anfangs darauf hin, dass für Hannover große Chancen darin liegen, dass sich hier mit Boehringer Ingelheim eine neue Branche etabliert. Welche positiven Effekte kann das nach sich ziehen?

Unsere Erfahrung ist, dass sich um solch eine Kernansiedlung immer ergänzende Aktivitäten entwickeln. Schon allein deswegen, weil wir in unserer Branche auf hohem wissenschaftlichem Niveau mit vielen Partnern zusammenarbeiten. So sind an allen Standorten, an denen wir vertreten sind, stets die Universitäten unmittelbare Nutznießer unserer Aktivitäten. Hier in Hannover kooperieren wir bereits mit der Tierärztlichen Hochschule. Da wir bestimmte Laborleistungen von außerhalb einkaufen, ist auch denkbar, dass sich künftig rund um das Tierforschungszentrum Start-up-Unternehmen gründen werden.

Man hört bei Ihnen deutlich heraus: Sie sind rundum zufrieden mit ihrem neuen Standort Hannover.

Wir hätten keine bessere Wahl treffen können.

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Zur Person

Engelbert Günster hat an der Universität Mainz Chemie studiert und in Makromolekularer Chemie promoviert. Er arbeitet seit 28 Jahren bei Boehringer Ingelheim, wo er zahlreiche, auch internationale Stationen durchlaufen hat. Unter anderem war er für das internationale Marketing der Klinikprodukte zuständig und von 1995 bis 2000 Landesgeschäftsführer in Kanada.

Danach war er jeweils mehr als vier Jahre für das Geschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten in Europa, Asien, Afrika und Australien verantwortlich. Seit April 2009 ist Günster Vorsitzender der Geschäftsführung der Boehringer Ingelheim Deutschland GmbH.

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