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Frau Skupins täglicher Kampf

HAZ-Serie "Brennpunkt Schule" Frau Skupins täglicher Kampf

Kaum einer ihrer Schüler kann richtig Deutsch. Und fast alle bringen von zu Hause große Sorgen mit. Wie arbeitet man mit solchen Kindern? Im ersten Teil unserer Serie "Brennpunkt Schule" begleiten wir eine Klassenlehrerin der Grundschule Hägewiesen.

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„Ich weiß nicht, wie lange man das machen kann, ohne krank zu werden“: Milena Skupin versucht alles, um ihre Schüler zu erreichen. Fotos: Heidrich

Quelle: Clemens Heidrich

Hannover. Eigentlich ist es eine für Zweitklässler überschaubare Textaufgabe in Mathe. „3 Kinder stehen an der Tafel. 2 Kinder kommen dazu“ hat die Klassenlehrerin der 2d, Milena Skupin, an die Tafel geschrieben. Wie viele Kinder sind es jetzt, sollen ihre Schüler herausbekommen und das Ganze als Addition formulieren: 3 + 2 = 5.

Zahlreiche Hilfsmittel stellt die 31-jährige Grundschullehrerin an diesem Morgen bereit, um der „Fuchsklasse“ die Aufgabe nahezubringen. Sie holt drei Kinder an die Tafel, dann weitere zwei. Farbige Karten mit den Aufschriften Frage, Antwort und Lösung veranschaulichen den Inhalt. „Wie viele Kinder sind es jetzt?“, hallt ihre Stimme durch den Raum. Milena Skupin hat das, was man natürliche Autorität nennt. Sie hat ein bestimmtes Auftreten, ist hochkonzentriert, versucht keines der Kinder aus den Augen zu lassen.

Aufgaben nicht verstanden

Aber die, die an diesem Montagmorgen in der Grundschule Hägewiesen im Sahlkamp selbst dieser einfachen Aufgabe nicht folgen können, sind in der Übermacht. Nicht genug damit, dass es Kinder gibt, die ein Schwätzchen halten, Papierkugeln unter den Bänken durchschicken oder das Etui geräuschvoll zu Boden fallen lassen. Die gibt es an anderen Grundschulen auch. Aber hier - in der Brennpunktschule im Sahlkamp, die einen Brandbrief an das Kultusministerium geschickt hat, weil die Lernsituation so dramatisch ist - sind noch ganz andere Kinder. Da ist das Mädchen in der letzten Bank, das plötzlich laut und anhaltend pfeift und damit einen Sturm der Entrüstung entfacht. Da ist das Mädchen weiter vorne, das mitten in der Stunde einfach so durch die Klasse läuft und eine Prügelei um einen Bleistift anfängt. Da ist dieser Junge, spindeldürr und grau im Gesicht vor lauter Übermüdung, der lange nur auf dem Stuhl herumkippelt. Plötzlich liegt er mit dem ganzen Körper quer über dem Tisch.

Das Traurige: Mit Unlust am Lernen oder fehlender Disziplin hat das Verhalten zumeist nichts zu tun. Viel zu viele Zweitklässler scheitern hier schlicht an dem, was Pädagogen „Sinn entnehmen“ nennen. Sie verstünden die Aufgabe nicht, obwohl sie es laut Lehrplan müssten, sagt Skupin, ganz zu schweigen von der Transferleistung, die die Darstellung als Rechenoperation bedeute. Sie könnten dem Unterricht nicht einmal ansatzweise folgen - und störten. Warum gibt es hier so viele von ihnen?

Im ersten Teil der Serie begleiten wir eine Lehrerin an der Grundschule Hägewiesen.

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Man habe in diesem Jahrgang fest mit einer zweiten Schulkindergartengruppe gerechnet, sagt Schulleiter Christoph Gräger. Das hätte bedeutet, dass diese Kinder ein Jahr länger in den Kindergarten gegangen wären. Kurz vor Schulbeginn sei sie vom Land gestrichen worden. Die Folge: Viele Kinder, die ein weiteres Jahr in der Kita dringend nötig gehabt hätten, tummeln sich jetzt hier. Dazu kommt: Die Klasse ist mit 26 Kindern proppevoll. Und: Skupin muss weitestgehend allein versuchen, allen gerecht zu werden. Gerade einmal zwei Stunden wöchentlich steht ihr eine Förderlehrerin zur Seite.

Dabei muss die 31-Jährige sich auch um all jene Kinder kümmern, die kaum Deutsch können. Ein Mädchen aus Syrien ist seit zwei Wochen hier. Sie schweigt den ganzen Vormittag über. „Kinder wie sie müssten eigentlich in ein deutsches Sprachbad eintauchen, in dem alle Förderung sich auf sie konzentriert“, sagt Skupins Kollegin Christel Albrecht, die die 2b unterrichtet. In der „Fuchsklasse“ beschränkt sich das „deutsche Sprachbad“ auf zwei Kinder mit deutschen Eltern. Alle anderen haben einen Migrationshintergrund.

Dazu kommen Verhältnisse, die typisch für soziale Brennpunkte sind. Suchtkrankheiten von Eltern, Drogen, Alkohol. Wie stark sich das Leben hier oft von einer normalen Kindheit unterscheidet, wird schon im Morgenkreis deutlich: „Was habt ihr am Wochenende erlebt?“, lautet Milena Skupins harmlose Frage. Sie habe Streit mit Polizisten gehabt, weil sie einfach so den Notruf gewählt habe, sagt ein Mädchen. Später habe sie einen Jungen mit Metallstock getroffen: „Der wollte meinen Bruder umbringen. Ich schwöre.“ Das Mädchen ist sieben Jahre alt. „Wir waren bei Freunden in einem Heim, wo man seinen Pass zeigen muss“, sagt ein Junge. „Ich hab’ bis nachts gespielt.“

Die Grundschule Hägewiesen ist eine der hannoverschen Brennpunktschulen, die sich in den vergangenen Monaten wegen extrem schwieriger Lernbedingungen mit einem Brandbrief an Politiker, Behörden und die Öffentlichkeit gewandt haben. Ein hoher Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund, Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen, Kinder mit kaum oder keinen Deutschkenntnissen, dazu ein überproportional hoher Anteil an Kindern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf machten einen regulären Unterricht oft unmöglich, heißt es darin.

Wegen der dramatischen Zustände fordert der Bezirksrat Bothfeld-Vahrenheide in einem gemeinsamen Dringlichkeitsantrag aller Fraktionen Hilfe von Stadt und Land: unter anderem mehr Schulsozialarbeiterstellen und ein multiprofessionelles Team aus Lehrkräften, Pädagogen, Therapeuten. Zeitpunkt des Einsatzes: dieses Schuljahr. Das Land hat eine von insgesamt vier zusätzlichen Vollzeit-Sozialarbeiterstellen des Landes für den Brennpunkt Sahlkamp für die Grundschule Hägewiesen vorgesehen. Konkret verändert habe sich bislang aber nichts, sagte CDU-Ratsherr Felix Blaschzyk am Mittwoch. „Und das, obwohl Hilfe dringend nötig ist.“

Übermüdung ist auch eine Plage, gegen die Skupin ständig ankämpft. Manche Schüler lägen die halbe Nacht wach, weil Nachbarn lautstark dem Alkohol frönten. Andere könnten nicht schlafen, weil sie sich mit größeren Geschwistern ein Zimmer teilten, die bis spät nachts Fernsehen guckten. Die 31-Jährige nutzt an diesem Vormittag das gesamte Instrumentarium modernen Unterrichts, um auch deren Aufmerksamkeit zu erringen. Sie arbeitet mit Zeichensprache, Symbolen, Fotos, sogar mit schalldämpfenden Kopfhörern, um die Kinder zur Ruhe zu bringen. Mal gibt sie den Feldwebel, dann die Schlangenbeschwörerin. „Dieser Job ist genau das, was ich machen wollte“, sagt die Grundschullehrerin. Sie habe gewusst, was sie erwartet. Einen Teil ihrer Ausbildung absolvierte sie an der Grundschule Mühlenberg, auch einer Brennpunktschule. Aber dass es so schwierig werden würde, dachte sie nicht: „Ich weiß nicht, wie lange man das machen kann, ohne krank zu werden“, sagt sie leise. Den übermüdeten Jungen, der sich immer wieder auf den Tisch legt, um die Gliedmaßen zu strecken, hat sie da längst in den „Trainingsraum“ geschickt - ein Klassenzimmer, in dem eine Förderlehrerin sich täglich in der dritten und vierten Stunde um besonders schwierige Fälle kümmert. Zehn Plätze gibt es, für 410 Kinder. Der müde Junge aus der 2d hat eine Dauerkarte.

Lernzuwächse sind enorm

Schlafmangel, das Zusammenleben auf engstem Raum, Lärm - das Leben vieler armer Kinder am Sahlkamp ist zudem von ständiger Unruhe geprägt. Das hat zur Folge, dass sie sich viele Dinge schlechter merken können als andere. Manche Kinder wüssten nach einem Jahr noch nicht die Namen aller Mitschüler, sagt Gabriele Woitalla, auch eine Kollegin von Skupin. Das Spiel „Mein rechter, rechter Platz ist frei“ gerate regelmäßig zur Katastrophe. Deutlich zu beobachten ist das, als ein farbiger Junge für ein Ratespiel an die Tafel darf. Zweimal hat er in der Stunde seinen Ranzen aus- und wieder eingepackt, weil er sich anders allein nicht zu beschäftigen weiß. Jetzt ist er endlich dran. Man sieht, er will zeigen, was er kann, wie die meisten Kinder in der Klasse. Es ist eine der vielen bedrückenden Einsichten an diesem Morgen: An Motivation fehlt es nicht. Im Gegenteil: „Die Kinder saugen jede Form von Zuwendung auf“, sagt Christel Albrecht. Es sei unvorstellbar, welche Freude man mit dem Verteilen eines Stickers erreichen könne. Die individuellen Lernzuwächse seien zum Teil enorm. Dennoch: Von den Vorgaben des Lehrplans blieben zu viele Kinder weit entfernt.

Der farbige Junge an der Tafel klappert inzwischen mit Murmeln, mit der Tür: Vier Geräusche macht er. „Wer weiß die Reihenfolge?“, fragt Skupin. Der Junge soll die Antworten seiner Mitschüler beurteilen. Das Problem: Als sie dran kommen, hat er selbst die Abfolge vergessen. Ganz schief wirkt sein Lächeln, als das deutlich wird. Hilflos beginnt er herumzukaspern.

Kinder wie er erleiden an diesem Morgen noch viele Male Schiffbruch. Ein Beispiel: Milena Skupin führt in Deutsch das tz ein. Witz auf Blitz oder Tatze auf Katze sollen die Kinder reimen. Aber wie heißt die Pfote der Katze? Fuß? Und was reimt sich auf Katze? Kratze? Patze? „Kennt ihr den Katzentatzentanz nicht?“, fragt Skupin schließlich mit ermatteter Stimme, ein Lied des Liedermachers Fredrik Vahle, das heute in fast allen Kindergärten Standard ist. Hier herrscht Ratlosigkeit. Schweigen.

Wie fühlt Skupin sich nach so einem Unterrichtstag? „Erschöpft“, sagt sie - und: „Manchmal kann man sich selbst nicht leiden.“ Dann eilt sie davon, um auf dem Gang einen Streit zwischen zwei Schülern zu schlichten.

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