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„Es gibt auf beiden Seiten Vorurteile“

Bürgermeister aus Partnerstadt zu Gast in Hannover „Es gibt auf beiden Seiten Vorurteile“

Moti Dotan, Landrat in Unter-Galiläa und damit mit dem Regionspräsidenten vergleichbar, ist derzeit mit seiner Delegation in der Partnerregion Hannover zu Gast. Unser Redakteur Mathias Klein hat ihn getroffen und mit ihm über das Gefühl von Sicherheit gesprochen - in Hannover und in Israel. 

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Moti Dotan, Bürgermeister von Untergaliläa, ist derzeit zu Gast in Hannover. 

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Moti Dotan ist seit 15 Jahren Landrat in Unter-Galiläa. Die Position ist mit dem des Regionspräsidenten ungefähr vergleichbar. Der heute 66-Jährige wurde in Unter-Galiläa für die Arbeiter-Partei auf seinen Posten gewählt. Die landwirtschaftlich geprägte Region liegt im Norden Israels zwischen Mittelmeer und See Genezareth. Sie ist rund 300 Quadratkilometer groß, das ist rund ein Achtel der Fläche der Region Hannover. In Unter-Galiläa leben in 18 Dörfern etwa 14.000 Menschen, darunter Juden, Moslems, Christen und Drusen. 

Herr Dotan, ihr Besuch in Hannover dieses Jahr war überschattet von Sicherheitsbedenken. Vonseiten der israelischen Regierung heißt es, Deutschland werde von islamistischen Terroristen überschwemmt, daher erging auch die Aufforderung, Termine aus Sicherheitsgründen nicht anzukündigen. Wie ist es denn konkret mit Ihrer Sicherheit hier?

Ich fühle mich hier sicher. Und ich bin nicht die israelische Regierung. Aber lassen sie mich von den Problemen berichten. Wir haben einen Austausch zwischen Schülern der Justus-von-Liebig-Schule in Hannover und der Kadoorie-Schule bei uns. Und plötzlich kam die Anweisung aus dem israelischen Erziehungsministerium, dass die Schüler nicht nach Deutschland fahren dürfen. Das hat mich sehr aufgeregt. Ich habe an den Minister geschrieben und ihm gesagt: Ja, es gibt Gefahren. Nämlich dann, wenn die Schüler nach Israel kommen, aber nicht, wenn sie nach Deutschland gehen. Dann kam die Erlaubnis, dass die Schüler aus Unter-Galiläa nach Hannover reisen dürfen, und sie sind gekommen. Ich habe ein anderes Gefühl als die israelische Regierung. Wir waren während unseres Aufenthalts in Berlin und dort trafen wir viele fröhliche, junge Israelis. Und die sagten, dass sie sich hier sicher fühlen.

Wie fühlen Sie sich hier in Hannover?

Ich fühle mich sehr gut. Wir haben für den Besuch unserer Delegation ein sehr gutes und sehr spannendes Programm. Ich habe hier viele Freunde wiedergetroffen. Und es ist natürlich ein besonderer Höhepunkt, dass wir bei der zentralen Eröffnungsfeier der Woche der Brüderlichkeit dabei sein konnten.

Wie geht es Ihnen persönlich im Hinblick auf Ihre Sicherheit?

Ich habe nicht das Gefühl, dass mich hier jemand überfallen will.

Wie ist das zu Hause?

Wir leben in einer sehr schwierigen Zeit. Wenn ich durch Jerusalem gehe, schaue ich mich ständig um. In Hannover ist das nicht nötig.

Woran liegt das?

In Israel haben wir große soziale Probleme. Viele Moslems sind sehr, sehr arm. Und das führt zu einer Radikalisierung. Zum Beispiel gab es einen zwölfjährigen Jungen, der sich als Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Und anschließend hat seine Mutter im Fernsehen gesagt, dass sie stolz auf ihren Jungen sei. Für die Moslems ist der Tod heilig, für uns das Leben. Ich weiß nicht, wie man diese kulturellen Unterschiede überwinden soll. Bestimmte palästinensische Gruppen versuchen, die Palästinenser aufzuwiegeln, indem sie zum Beispiel behaupten, die Israelis wollten die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg zerstören. Aber das stimmt nicht. Insgesamt muss man sagen, die Situation ist nicht einfach, aber wir haben gelernt, damit zu leben.

Gibt es Unterschiede bei der Sicherheitslage zwischen Jerusalem und Unter-Galiläa?

Ja, große. Bei uns in Unter-Galiläa ist der größte Teil der Bevölkerung Arabisch. Und die israelischen Araber sind zufrieden. Wir leben alle sehr gut und friedlich zusammen. In Jerusalem sieht man sehr viele Soldaten, bei uns ist das nicht nötig.

Was macht die Beziehungen zur Region Hannover für Sie so besonders?

Ich bin seit 15 Jahren Landrat. Die Partnerschaft gab es schon, als ich mein Amt antrat. Zu diesem Zeitpunkt besuchten sich Delegationen mit Menschen im gesetzten Alter gegenseitig. Das habe ich beendet, weil ich nicht wollte, dass die Partnerschaft ein Touristenbüro ist. Ich wollte mehr Jugendaustausch. Und wir änderten auch dort das Programm. Jetzt ist es üblich, dass die Schüler beim Austausch auch mindestens ein Wochenende in einer Familie verbringen. Es geht darum, voneinander zu lernen.

Und funktioniert das?

Es gibt auf beiden Seiten viele Vorurteile. Zum Beispiel in Israel, dass alle Deutschen Nazis sind. Und in Deutschland, dass wir Moslems töten. Wenn man aber sieht, wie die jungen Leute zusammensitzen, dann spürt man, wie gut sie sich gegenseitig verstehen. Ich glaube, der Austausch kann dazu beitragen, eine bessere Zukunft zu formen. Und in Unter-Galiläa weiß jeder jetzt etwas gutes über Hannover zu berichten.

Aber ist das nicht ein ungleiches Verhältnis? Hier ein Ballungsraum mit einer Million Menschen und bei Ihnen ein landwirtschaftlich geprägtes Gebiet mit Olivenanbau und gerade einmal 15.000 Menschen?

Manchmal frage ich mich auch, was die Region Hannover in Unter-Galiläa will. Aber ich glaube, wir leben eine sehr gute Partnerschaft, trotz aller Unterschiede.

Hier in der Region gibt es von einigen Kritik, dass Unter-Galiläa nicht bedeutend genug für eine Partnerschaft mit der Region Hannover sei. Diese Kritiker wenden Ihren Blick zum Beispiel nach Haifa. Was sagen Sie denen?

Haifa ist eine nette, schöne Stadt. Aber dort interessiert sich niemand für Hannover. In Unter-Galiläa spricht jeder über Hannover, in Haifa wäre Hannover eine von vielen Partnerstädten. Bei uns ist Hannover ein Diamant, in Haifa wäre Hannover nur ein kleiner Stein. Haifa würde aus Hannover nur Geld erwarten, das machen wir nicht.

Wenn Sie drei Wünsche für Verbesserungen für die Partnerschaft hätten, welche wären das?

Ich habe eigentlich nur einen Wunsch: Ich wünsche mir mehr Gemeinschaft der Menschen in dieser Partnerschaft. Eine große Verständigung der Menschen. Das würde uns beim Bau einer friedlichen Zukunft helfen.

Hier in Hannover ist es kalt, in Israel ist es haben sie derzeit 20 Grad. Mussten Sie sich für Ihren Besuch warme Kleidung kaufen?

Ich habe mir einen Wintermantel aus Wolle gekauft. Mit dem lässt es sich hier ganz gut aushalten. Aber ich habe ihn auch nicht jeden Tag gebraucht.

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