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„Das ist doch nicht demütigend“

Bundesjugendspiele in Hannover „Das ist doch nicht demütigend“

Höher, schneller, weiter – oder weniger? Um den Sinn der Bundesjugendspiele ist eine hitzige Debatte entbrannt. Eine Sportplatzrunde bei den Bundesjugendspielen der Otfried-Preussler-Grundschule im Erika-Fisch-Stadion zeigt: den meisten Schülern gefällt das Sportfest.

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Schüler der Otfried-Preussler-Grundschule beim Wettlauf.

Quelle: von Ditfurth

Hannover. Der Viertklässler schiebt die Zunge in den Mundwinkel. Ein Sportler muss fokussieren können. „Kräftig anlaufen – und an der Markierung springst du, so weit du kannst!“, sagt Adelheid Meck. Die Sportlehrerin klopft ihm noch einmal auf die Schultern – und ab geht’s. Viggo rennt, die Mitschüler feuern ihn an, Viggo springt – und landet bei gut 2,90 Meter. Ordentlich. Er rappelt sich auf, schüttet den Sand aus den Schuhen, ältere Schüler harken die Grube glatt – und in der Schülerriege schiebt schon der Nächste die Zunge in den Mundwinkel.

Die Otfried-Preußler-Schule zelebriert an diesem Vormittag im Erika-Fisch-Stadion ein Hochamt der Leibesertüchtigung. Die Wochen vor den Sommerferien sind die große Zeit der Bundesjugendspiele (BJS). An dieser Grundschule gibt es genau genommen ein Sportfest: „Dabei können die Schüler das Sportabzeichen machen“, sagt Adelheid Meck, „das macht mehr her als eine BJS-Urkunde.“ Ansonsten ist alles wie bei den Bundesjugendspielen: Es gibt Schlagballwerfen, 50-Meter-Sprint, 800-Meter-Lauf. Und zwischendurch das große Warten, das die Sportjugend mit Plaudern, Frühstücken und der Suche nach Schatten am Rande des Platzes überbrückt.

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Es gibt eine Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele. Was halten Sie davon?

Die Bundesjugendspiele, eingeführt 1951 nach dem Vorbild der „Reichsjugendwettkämpfe“ aus der Weimarer Republik, gehören zum Kanon bundesdeutscher Kindheitserinnerungen. Schon in den Fünfzigern haben Schüler bei Bundesjugendspielen ihre Leibchen durchgeschwitzt, ebenso wie später in den Siebzigern ihre Kinder die orangefarbenen Trainingsjacken. Das Knallen der Starterklappe, der Sprung in die Sandgrube, die ewige Rätselfrage, ob der Bundespräsident wirklich alle Urkunden selbst unterschreibt – all das gehörte über Jahrzehnte so unverbrüchlich zu einer Jugend in Deutschland wie der sonnabendliche Fernsehabend oder der erste Blick in die „Bravo“.

Den Teilnehmern konnten die Bundesjugendspiele als Olympia des kleinen Mannes in Erinnerung bleiben – oder als Martyrium an der Tartanbahn. Das hing ganz davon ab, ob die Blicke der Mitschüler bewundernd oder mitleidig ausfielen; besonders die Blicke der Mitschüler anderen Geschlechts. Denn die Bundesjugendspiele sind der Tag, an dem die Schule so körperlich wird wie sonst nie – und an dem die eigene Leistung unmittelbar und öffentlich vergleichbar wird.
„Die meisten Kinder haben Spaß daran und freuen sich drauf“, sagt Sportlehrerin Adelheid Meck, während sie den Schülern der 4c Schlagbälle in die Hände drückt. Viggo und Emilia feuern Malwine an: „Du schaffst es!“ Die Mitschüler bejubeln die Zehnjährige, noch ehe der Ball gelandet und das Ergebnis verkündet ist. „Ich bin seit 40 Jahren im Schuldienst – dass jemand bei Bundesjugendspielen gehänselt wird, habe ich noch nie erlebt“, sagt Lehrerin Meck: „Kinder finden es meist toll, sich spielerisch mit anderen zu messen.“

Das sieht Christine Finke anders: Die  49-jährige Mutter aus Konstanz hat in der vergangenen Woche eine Internet-Petition gegen die Bundesjugendspiele gestartet – und eine breite Debatte ausgelöst. Binnen weniger Tage unterstützten 20.000 Menschen ihr Anliegen. Die meisten prangern Leistungsdruck an; in den Sportspielen sehen sie ein demütigendes Ritual für schwächere Schüler.

Kritiker überschütteten die vermeintlich überbehütende Helikopter-Mutter Finke hingegen mit Häme. Sportverbände kritisierten den Vorstoß. Das Bundesfamilienministerium verwies auf die „positive Gemeinschaftserfahrung“ der Spiele. In Rheinland-Pfalz wurde ein Schulzentrum nach einer Drohung gegen die Bundesjugendspiele zeitweise geschlossen. Die hitzige Diskussion wurde schnell zu einer Stellvertreterdebatte darum, wie wichtig Wettbewerb und Leistungsbereitschaft in der Schule und im Leben überhaupt sind.

„Es ist doch nicht demütigend, bei Bundesjugendspielen schlechter als andere abzuschneiden“, sagt Rita Girschikofsky vom Stadtsportbund. Viele pochen wie sie darauf, dass ein Verzicht auf Wettbewerb lebensfremd ist und dass man den Umgang mit Niederlagen besser auf dem Sportplatz lernt als später am Konferenztisch. Gleichwohl könne man schon über Veränderungen bei den Bundesjugendspielen nachdenken, sagt Girschikofsky: „Man könnte sie stärker als Mannschaftswettbewerb organisieren.“

Höher, schneller, weiter – oder weniger? Um den Sinn der Bundesjugendspiele ist eine hitzige Debatte entbrannt. Eine Sportplatzrunde bei den Bundesjugendspielen der Otfried-Preussler-Grundschule im Erika-Fisch-Stadion.

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Tatsächlich wurden die Spiele schon 2001 überarbeitet; für jüngere Klassen sind sie seither weniger leistungsorientiert. Acht Jahre später wurden sie auch für behinderte Schüler geöffnet. Dennoch sind sie an vielen Schulen längst keine Selbstverständlichkeit mehr. In Hannover gibt es offenbar eine schleichende Abkehr von der Traditionsveranstaltung.

Am Gymnasium Goetheschule finden in diesem Jahr zwar Bundesjugendspiele für die Jahrgänge 4 bis 7 statt. Für die Jahrgänge 8 bis 10 jedoch steht ein „Spielewettkampf“ auf dem Programm. Auch an der Schillerschule gibt es seit Jahren ein Sportfest, bei dem der Gemeinschaftsgeist im Vordergrund stehen soll. Ebenso an der St.-Ursula-Schule: „Wir haben damit gute Erfahrungen gemacht“, sagt Schulleiter Norbert Junker: Bei dem Fest stehen Mannschaftssportarten im Mittelpunkt, und es gibt einen Sponsorenlauf, bei dem Schüler Geld für eine Spielecke für den Schulhof erjoggen.

Die Käthe-Kollwitz-Schule geht hingegen den umgekehrten Weg: Nach einigen Jahren Pause wird es dort jetzt wieder klassische Bundesjugendspiele geben. Dass Schüler mit schweren Traumata aus der Weitsprunggrube heimkehren könnten, glaubt Schulleiter Eckhard Franklin nicht: „Wettkampf ist nun einmal Teil des Sports.“ Auch Norbert Junker von der St.-Ursula-Schule hält die Sorgen vor übergroßem Leistungsdruck für überzogen: „Sportliche Niederlagen gibt es auch im regulären Unterricht“, sagt er. „Entscheidend ist doch, wie alle Beteiligten damit umgehen.“

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