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Aus der Stadt „Es fühlt sich toll und richtig an“
Hannover Aus der Stadt „Es fühlt sich toll und richtig an“
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06:47 06.06.2014
Von Michael Zgoll
Wieder vereint: Linda N. und ihre 15-jährige Tochter Anna. Ein hannoverscher Anwalt war mit dem Sorgerechtsfall vor das Bundesverfassungsgericht gezogen – und hatte mit der Aufhebung des OLG-Urteils Erfolg. Quelle: Felix Schleddering
Hannover

Es ist ein Montagmorgen im Oktober 2013, als die 14-jährige Anna aus dem Politikunterricht am Gymnasium Langenhagen herausgebeten wird. Was die Neuntklässlerin in diesem Moment nicht ahnt: Dieser Vorgang wird Monate später das Bundesverfassungsgericht (BVG) beschäftigen. Vor der Tür warten drei Mitarbeiterinnen des Jugendamtes Langenhagen. Ein kurzes Gespräch mit Anna, dann wird sie per Auto in eine therapeutische Einrichtung der Diakonie nahe Gifhorn gebracht. Gegen ihren Willen. Gegen den Willen ihrer Mutter. Die Verzweiflung der beiden ist groß.

Doch seit dieser Woche ist Anna wieder zu Hause: Das BVG hat ein Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Celle aufgehoben, das der Mutter im Zuge eines lang andauernden Sorgerechtsstreits ihre Tochter entzog. Gestern äußerten sich Mutter und Tochter, flankiert von ihrem Anwalt Pajam Rokni-Yazdi und einigen Verwandten, gegenüber der Presse.

„Ich fand es total cool, dass ich wieder aus der Einrichtung ausziehen durfte“, sagte die 15-Jährige. Und: „Es fühlt sich toll und richtig an, wieder zu Hause zu sein.“ Besonders die ersten Wochen, als sie überhaupt keinen Kontakt zu ihrer Mutter aufnehmen durfte, seien „schrecklich“ gewesen. Im Laufe der vergangenen siebeneinhalb Monate in der therapeutischen Einrichtung habe es zwar auch gute Momente gegeben, doch unter dem Strich habe sie sehr unter der Situation gelitten. Auch Linda N., die 44-jährige Mutter, zeigte sich sehr erleichtert über das Verfassungsgerichtsurteil.

Warum wurde die Tochter von der Mutter getrennt, warum dürfen die beiden jetzt wieder zusammensein? Das Drama beginnt im Jahr 2000, als sich die Eltern der damals zweijährigen Anna trennen. Ab 2007 kommt es zwischen ihnen zu wiederholten Sorgerechtsstreitigkeiten, die immer häufiger vor Gericht ausgetragen werden. Auch das Mädchen, das bei der Mutter wohnt, leidet unter der Situation, wird 2010 erstmals von einer Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt. Mitte 2011 schwänzt Anna häufiger die Schule, äußert Suizidgedanken. Während eines zweimonatigen Aufenthalts im Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult diagnostizieren die Ärzte bei ihr eine „mittelgradige bis schwere depressive Episode“ und eine „soziale Phobie“. Dann holt Linda N. ihre Tochter heim – gegen den ausdrücklichen Rat der Mediziner. Im Sommer 2012 kommt Anna noch einmal für sechs Wochen zur Rehabilitation in eine Klinik in Berchtesgaden. Hier geht es ihr schon wesentlich besser als ein Jahr zuvor.

Dass die Mutter das Kind eigenmächtig aus der hannoverschen Klinik geholt hat, mag der Vater nicht hinnehmen: Er beantragt, der Mutter das Sorgerecht zu entziehen. Das Amtsgericht Hannover beschäftigt sich fast anderthalb Jahre mit dem Fall. Von großer Bedeutung ist das Gutachten einer Psychiaterin: Nach ihrer Auffassung besteht zwischen Linda N. und ihrer Tochter eine „symbiotische Beziehung“, die das Kindeswohl gefährdet. Das Mädchen könne sich nicht frei entfalten, da die Mutter es zu sehr einenge. Diese Erkenntnis habe auch zu den „Kontaktsperren“ während Annas Klinikaufenthalten 2011 und 2012 geführt.

Im Juni 2013 urteilt das Amtsgericht, beiden Eltern die Gesundheitssorge für Anna zu entziehen. Gegen dieses Urteil legt Anwalt Rokni-Yazdi Beschwerde beim OLG Celle ein. Doch der Schuss geht nach hinten los: Die höhere Instanz sattelt drauf, entzieht der Mutter nun auch noch Personensorge- und Aufenthaltsbestimmungsrecht.

Kurz nach Verkündung des Urteils im Oktober 2013 wird Anna aus der Schule abgeholt, ohne dass die Mutter eine Chance hat, ihre Tochter vorzuwarnen. Wochenlang dürfen die beiden überhaupt keinen Kontakt aufnehmen, dann nur unter Aufsicht Telefonate führen. Erst nach und nach werden stundenweise Begegnungen erlaubt, später auch Tagesbesuche. Die ehemals gute Schülerin sackt an ihrer neuen Schule ab, hat nur noch einen Notendurchschnitt von vier.

Der „Befreiungsschlag“ kommt mit dem Urteil aus Karlsruhe. Der Beschluss des Amtsgerichts wird erst gar nicht zur Entscheidung angenommen, doch den Spruch des OLG nimmt die erste Kammer des Bundesverfassungsgerichts nach allen Regeln der Kunst auseinander. Der Kern: Eine Kindeswohlgefährdung, die die Trennung der Tochter von der Mutter rechtfertige, sei nicht zu erkennen. Annas Depressionen seien in fernerer Vergangenheit diagnostiziert worden, neuere Erkenntnisse würden besagen, dass das Mädchen sozial integriert, motiviert, fröhlich und allerorten beliebt sei. Auch seien vorgebliche Essstörungen nirgendwo belegt. Selbst das Gutachten der Psychiaterin, das die Trennung von Anna und ihrer Mutter befürwortete, enthalte den wichtigen Zusatz, dass die Tochter mitwirken müsse – was diese nie getan habe. Darum müsse man davon ausgehen, dass das Herausreißen des Mädchens aus seinen sozialen Bezügen mehr Schaden anrichte als das Verbleiben bei der Mutter. Zudem stünden ambulante therapeutische Maßnahmen als mildere Mittel zur Verfügung, wenn denn Behandlungsbedarf bestehe.

Die Langenhagener Jugendamtsleiterin Heidi von der Ah betont, dass die Behörde das Mädchen nicht aus eigenem Antrieb von der Mutter getrennt, sondern nur einen Gerichtsbeschluss umgesetzt hat: „Und nun hoffen wir natürlich, dass Anna mit der neuen Situation klarkommt.“ Das Fazit von Anwalt Rokni-Yazdi: OLG und Jugendamt hätten die Grundrechte von Mutter und Kind massiv verletzt. „Ich wäre froh“, sagt er, „wenn sich manche Gerichte bei der Beweisführung mehr Mühe gäben und nicht so gutachterhörig wären.“

Linda N. will den Kampf um die Tochter auch als Aufforderung an andere Eltern in ähnlicher Situation verstanden wissen: „Man soll sich nicht unterkriegen lassen, selbst wenn die Hürden unüberwindlich hoch scheinen.“

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