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„Hier darf ruhig mal was kaputtgehen“

Bundeswehr eröffnet Feldjäger-Übungszentrum „Hier darf ruhig mal was kaputtgehen“

Die Feldjäger – die Polizei der Bundeswehr – eröffnen am Freitag ein modernes Übungszentrum in der Vahrenheider Emmich-Cambrai-Kaserne. Doch was machen Feldjäger eigentlich genau? Ein Besuch.

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„Die Waffe muss frei schwingen!“: Schießausbilder Torsten Kemm (rechts) bringt zwei Feldjägern den richtigen Umgang mit dem Sturmgewehr G36 bei.

Quelle: Schaarschmidt

Hannover. Plötzlich wird die Situation bedrohlich. Der Mann auf der Leinwand steht aus dem Sessel auf und zückt ein Messer. Damit rennt er auf den Oberstabsgefreiten Daniel Kitzmann zu. Aber der reagiert schnell und gibt einen gezielten Schuss aus seinem Gewehr ab. Er trifft den virtuellen Angreifer ins Bein, der sackt zu Boden. Verletzt wird niemand – denn es handelt sich nur um eine Simulation auf dem Schießstand der Feldjäger an der Emmich-Cambrai-Kaserne. Aber das Geschehen auf dem Bildschirm wirkt dank moderner Technik sehr realistisch. Kitzmanns Vorgehensweise war genau richtig, lobt Oberstleutnant Michael Flüchter: „Wir wollen den Angreifer nicht töten, sondern handlungsunfähig machen.“

Flüchter leitet das neue Übungszentrum der Feldjäger, das am Freitag zwischen Kugelfangtrift und Vahrenwalder Straße offiziell eröffnet wird. Dorthin sollen künftig Bundeswehrsoldaten aus ganz Deutschland kommen, um auf der modernen Anlage zu trainieren. „Damit wird Hannover zum bundesweiten Zentrum für Feldjäger“, sagt Flüchter.

Mitte April wird das Übungszentrum der Feldjäger der Bundeswehr in Dienst genommen. Erste Bilder aus der Emmich-Cambrai-Kaserne.

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Doch was machen Feldjäger überhaupt? „Wir sind die Militärpolizei der Bundeswehr“, erklärt Flüchter. Ein moderner Dienstleister, der andere Soldaten da unterstützt, wo Hilfe benötigt wird – beim Heer, bei der Luftwaffe und bei der Marine. Die Feldjäger begleiten beispielsweise Fahrzeugkolonnen auf der Autobahn und sichern militärische Veranstaltungen wie den großen Zapfenstreich ab. Sie sind auch bei Auslandseinsätzen dabei – zurzeit unter anderem im Kosovo, in Mali und in Afghanistan. Dort sind sie unter anderem in die Ausbildung einheimischer Polizeikräfte eingebunden. Manchmal geht es sogar darum, Leben zu retten, berichtet Flüchter: „Wir sind beteiligt bei der Rettung von Flüchtlingen, deren Boote gesunken sind.“

Feldjäger-Jobs: Gas geben im Ausland

Fahren gehört zum Handwerk: Die heulenden Motoren und quietschenden Reifen sind schon aus Hunderten Metern Entfernung zu hören. Diese Geräusche zeugen davon, dass Fahrtraining Teil der Ausbildung ist. Und dafür braucht man Platz. Den haben die Feldjäger auf dem Gelände der Emmich-Cambrai-Kaserne: „Wir können uns auf 45 000 Quadratmetern Fläche austoben“, sagt Fahrausbilder Rüdiger Vorpahl. Obwohl die längste Gerade nur etwa 200 Meter lang ist, erreichen geübte Fahrer Geschwindigkeiten von bis zu 120 Kilometern pro Stunde. Rasen steht allerdings nicht auf dem Lehrplan, betont Vorpahl. Es wird das geübt, was Feldjäger als Personenschützer im Auslandseinsatz beherrschen müssen: Auf engen Straßen sicher fahren, auch mit wenig Platz wenden und in dichtem Abstand folgen. Auch für die Sicherheit ist gesorgt, die Strecke wird von einem breiten Kiesbett eingefasst.

So dramatisch sind die Einsätze in der Heimat meist nicht. Aber auch die Suche nach Soldaten, die den Dienst verweigern, gehört weiterhin zum täglichen Job. Bei der Bundeswehr heißen diese „eigenmächtig Abwesende“. Davon gibt es aber viel weniger als früher, berichtet der Oberstleutnant. Logisch, denn die Bundeswehr ist mittlerweile eine Berufsarmee, für die sich die Soldaten freiwillig entscheiden. Wer das tut, muss auch nach der Ausbildung ständig üben. Bei den Feldjägern dauert die drei Jahre lang. Aber beendet ist sie eigentlich nie, findet Flüchter. „Mein Wahlspruch ist: Nur Übung macht den Meister.“ Und diese Übungen sollen unter möglichst realistischen Bedingungen stattfinden. Bei der Bundeswehr heißt das „einsatznahe Übungsszenarien“. Dafür nutzen die Verantwortlichen die ganze Weite und Vielfältigkeit des Geländes in Vahrenheide. So wurde ein altes, abgeschaltetes Heizkraftwerk nicht etwa abgerissen, sondern sinnvoll umfunktioniert.

Künftig werden Hunderte Feldjäger dort über die engen Metalltreppen und vorbei an den gewaltigen Maschinen durch das Gebäude kraxeln. Mit voller Ausrüstung auf dem Rücken „kommt man da richtig ins Schwitzen“, kündigt Flüchter an. Beim Ausdenken der Szenarien sind den Ausbildern keine Grenzen gesetzt: „Wir wollen die Teilnehmer immer wieder in neue Situationen bringen, die sie dann lösen müssen.“ Das kann ein Betriebsunfall sein oder die Bergung eines Soldaten, der sich selbst das Leben genommen hat. Oder die Jagd nach Terroristen und anderen Kriminellen.

Spuren sichern, wo es keine Polizei gibt

Wenn die Polizei weit weg ist: Was mag in dem Raum mit dem Schild „Tatort“ an der Tür nur passiert sein? Ein Aktenschrank wurden offenbar durchwühlt, die Ordner auf dem Boden verteilt. Daneben eine aufgebrochene Geldkassette – selbst das mutmaßliche Tatwerkzeug, ein Brecheisen, liegt noch herum. Inmitten des Durcheinanders kniet Ausbilder Florian Wulf und nimmt mit einem Pinsel Fingerabdrücke. Mit seinem weißen Papieranzug, dem Mundschutz und den blauen Plastiküberschuhen sieht er aus wie die Beamten der Spurensicherung in TV-Krimis. Das hat einen Grund: Die Feldjäger bilden Ermittler aus, die Tatorte von Verbrechen untersuchen. Das tun sie nur im Ausland, denn in Deutschland wäre in solchen Fällen die Polizei zuständig. „In Krisengebieten gibt es häufig keine funktionierende Polizei“, betont Wulf. „Dann müssen unsere Spezialisten diesen Job erledigen.“

Speziell dafür haben die Ausbilder im Nachbargebäude auf mehreren Stockwerken ein Hotel originalgetreu nachgebaut. Dort wird das taktische Vorgehen geübt und der sogenannte Zugriff. Zimperlich dürfen die Soldaten dabei nicht zur Sache gehen. In den Zimmern stehen echte Möbeln, die einiges aushalten müssen. „Hier darf auch ruhig mal etwas kaputtgehen“, sagt Flüchter – und tritt zum Beweis gegen einen Holztisch, der quer durch den Raum und gegen ein Bett fliegt. Insbesondere den mit Kerben übersäten massiven Holztüren sieht man an, dass sie schon mehr als einmal mit Gewalt aufgebrochen worden sind.

Eines haben alle Zimmer und die Flure des künstlichen Hotels gemeinsam: An allen Wänden hängen Überwachungskameras. „Wir zeichnen jeden Schritt auf“, berichtet Flüchter. So können die Vorgesetzten die Bilder anschließend noch einmal abspielen und mit den Soldaten besprechen. Kritik wird dabei viel weniger streng und laut vorgetragen als früher bei der Bundeswehr, versichert Flüchter. „Bei uns darf jeder mal einen Fehler machen. Auch zweimal den gleichen, wenn er eigentlich weiß, wie es geht.“ Der Umgangston sei insgesamt längst nicht so rau, wie es oft in Klischees über die Bundeswehr heißt. „Das können wir uns gar nicht leisten, denn die jungen, gut ausgebildeten Leute sind unser wichtigstes Kapital“, erläutert der Oberstleutnant.

Zur Not mit der Waffe

Trotz Anspannung Ruhe bewahren: Der Einsatz von Schusswaffen muss immer das letzte Mittel sein, betont Oberstleutnant Flüchter. Aber im Ernstfall kommt er eben vor – und dann muss jeder Handgriff sitzen, dann müssen in kürzerster Zeit weitreichende Entscheidungen gefällt werden. „Das können wir auf dem überdachten Schießstand bei jedem Wetter üben“, sagt Flüchter. Es wird mit scharfer Munition geschossen – und mithilfe moderner Computerprogramme. Mit ihnen werden Videosequenzen abgespielt, die die Feldjäger selbst gedreht haben. In verschiedenen Varianten. So kann das Gegenüber friedlich auftreten oder aggressiv und beleidigend – in beiden Fällen lautet die Devise: Trotz der angespannten Lage Ruhe bewahren. „Rumballern ist natürlich nie eine Lösung. Es ist immer Fingerspitzengefühl gefragt“, sagt Flüchter. Deshalb wird nicht nur an der Waffe trainiert – auch Diplomatie steht auf dem Lehrplan.

Auf dem Gelände der Emmich-Cambrai-Kaserne war lange die Offiziersschule des Heeres. Sie siedelte 1998 nach Dresden um. 2009 zog die Schule für Feldjäger aus Sonthofen auf das Gelände – wegen der zentralen Lage, sagt Flüchter. Die Errichtung des Übungszentrums ist eine weitere Aufwertung des Standortes.

Die Sanierungsarbeiten dauerten 48 Monate. Dabei wurden insgesamt 25 Gebäude umgebaut, acht neu errichtet. Zusammengenommen verfügt die Kaserne über 900 modern ausgestattete Einzelzimmer. Rund 80 Millionen Euro sind damals in den Standort investiert worden. An der Schule werden rund 7000 Soldaten pro Jahr ausgebildet.  

Von Gerko Naumann  

Was macht die Bundeswehr wo am Standort

Die Bundeswehr beschäftigt derzeit in Hannover 850 Soldaten und 1136 zivile Angestellte. Sie sind auf drei Kasernen und 20 Dienststellen verteilt – der Standort im Überblick:

1. Emmich-Cambrai-Kaserne: 
Schule für Feldjäger und Stabsdienst, Sanitätsdienst, Facharztzentrum, evangelisches und katholisches Militärpfarramt.

2. Alter Flughafen (früher Kreiswehrersatzamt): 
Karrierecenter und Bundeswehr-Dienstleistungszentrum (Verwaltung).

3. Scharnhorst-Kaserne: 
Feldjägerregiment 2, Kommando Feldjäger der Bundeswehr, Bundeswehrfachschule, zivilberufliche Aus- und Weiterbildung, Heeresmusikkorps, Amt für den Militärischen Abschirmdienst, Arztgruppe/Betriebsmedizin.

4.  Kurt-Schumacher-Kaserne: 
Landeskommando Niedersachsen, Bundesamt für Ausrüstung, 
Informationstechnik und Nutzung 
der Bundeswehr, Bundesamt für 
Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen, Bundesamt für 
das Personalmanagement der 
Bundeswehr, Familienbetreuungs­zentrum, Standortältester.

kon     

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