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Aus der Stadt Der Bombensichere wird gesprengt
Hannover Aus der Stadt Der Bombensichere wird gesprengt
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00:15 15.07.2013
Am Tiefpunkt: Wo einst Bürger vor Bomben Schutz suchten, lebte für kurze Zeit eine bunte Kunstszene – nun soll alles dem Erdboden gleichgemacht werden. Quelle: Decker
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Hannover

Das Arbeitszimmer in seiner Wohnung ist vollgepackt mit Büchern, Fotos, Festplatten, Bildschirm und Computer. Seit Jahren ist Guido Jan­thor von seinem Rechner in Ahlem aus unterwegs in den elektronischen Archiven des weltweiten Datennetzes. Sein Forschungsgegenstand: Die Bunker der Stadt Hannover. Was Janthor inzwischen zusammengetragen hat, nötigt auch Historikern Respekt ab. Er hat mit Zeitzeugen gesprochen, Dokumente gesammelt und fotografiert, was in Hannover übrig geblieben ist von den Luftschutzanlagen des Zweiten Weltkriegs.

Guido Janthor hat sich ein Arbeitsfeld ausgesucht, das detektivischen Spürsinn erfordert. Die Zeitungsarchive geben wenig her. Der Bau der Bunker war Geheimsache. Von den damals beteiligten Baufirmen sind viele in Konkurs gegangen und viele Archive auf dem Müll gelandet. So ist auch Janthor auf Hilfe angewiesen. Wer Fakten, Bilder oder Zeugenaussagen zur Geschichte der hannoverschen Bunkerbauten beitragen kann, findet alle Kontaktdaten und einen Überblick über das bisher gesammelte Material unter www.luftschutzbunker-hannover.de.

In der umfangreichen Quellenliste dieses Internetauftritts, der sogar einen Geschichtsleistungskurs der Wilhelm-Raabe-Schule von 1993 aufführt, findet sich ein Name gleich mehrfach: Michael Foedrowitz. Der Wissenschaftler hat unter anderem an der Universität Hannover Zeitgeschichte studiert und arbeitet heute in Berlin. Sein Buch „Bunkerwelten“ gilt als Schlüsselwerk zur Geschichte der Bunkerbauten in Norddeutschland. Foedrowitz vermerkt, dass man erst mit Kriegsbeginn 1939 in Hannover damit begann, Bauten für den Luftschutz ernsthaft voranzutreiben. Unter anderem wurden auch Kellergewölbe öffentlicher Gebäude entsprechend ausgebaut - als eines der ersten der Fahrradkeller des Neuen Rathauses. 250 Personen fanden hier Schutz vor Luftangriffen. Für die damals 471.000 Einwohner der Stadt sollten ursprünglich 64 Bunker mit 40.000 Plätzen entstehen. 58 wurden schließlich noch fertig.

Der Bunker am Klagesmarkt ist so ein Bau, der dem hochgesteckten Ziel diente, den „absoluten Volltrefferschutz für die gesamte Zivilbevölkerung“ zu gewährleisten. 1940 wurde in der ersten Welle des sogenannten Sofortprogramms mit dem Bau begonnen. 1268 Menschen sollten in dem Tiefbunker Platz finden. Weil viele Männer um diese Zeit schon an den Fronten des Krieges kämpften, wurden unter anderen belgische und französische Kriegsgefangene als „Fremdarbeiter“ eingesetzt. Sie nahmen im Winter 1940/1941 mit den Ausschachtungsarbeiten das 85 mal 20 Meter große Bauwerk am Klagesmarkt in Angriff.

Dem Abbruchunternehmen, das mit seiner Arbeit in der nächsten Woche beginnen soll, stellt sich eine gewaltige Aufgabe. Die Außenwände des Tiefbunkers sind 1,80 dick, die Deckenstärke wird mit 1,40 Metern angegeben. Wie viel Stahl hier verbaut wurde, ist kaum bekannt. Im Historischen Museum gibt es allerdings einige wenige Bilder aus der Bauphase (hier zum ersten Mal veröffentlicht), die Teile der gewaltigen Bewehrung zeigen, mit der der sogenannte Volltrefferschutz gesichert werden sollte. Die Fotos lassen erahnen, was da alles aus dem Untergrund des Klagesmarktes gerissen werden muss.

In Hannover wurden damals nur wenige Tiefbunker angelegt: der Größte unter dem Ernst-August-Platz am Hauptbahnhof, in dem 2130 Schutzsuchende Platz finden sollten, und ein kleinerer unter dem Continentalplatz/Ritterstraße mit 501 Plätzen. Die Konzentration auf Hochbunker hatte einen einfachen Grund. Über der Erde ließ sich erheblich kostengünstiger bauen. Man benötigte nur ein Sechstel der Materialmenge, um bei gleichem Schutzgrad die gleiche Zahl an Plätzen schaffen zu können. Dünnere Wände bieten über der Erde ebenso viel Schutz, weil bei frei stehenden Bauten der Druck einer Explosion leichter entweichen kann.

Unter der mächtigen Betondecke mögen die Menschen vor Bombenangriffen sicher gewesen sein, aber auf dem Weg in die Schutzräume verloren viele ihr Leben. In seiner Dokumentation über den Bunker am Klagesmarkt vermerkt Guido Janthor: „Am 15. Juli 1944 wurden auf den Stufen des Klagesmarktbunkers 22 Erwachsene und sechs Kinder zu Tode getrampelt, als 300 Menschen versuchten, den Bunker in Panik zu verlassen.“ Insgesamt sollen bei Massenpaniken vor den beiden Eingängen und den zwei Notausgängen am Klagesmarkt vor und nach Luftangriffen 58 Menschen umgekommen sein. 58 von 6782, die nach einem statistischen Bericht der Stadt Hannover bei den mehr als 100 Luftangriffen ums Leben kamen.

Die Kunst im Keller

Darauf konnte auch nur Reinhard Schamuhn kommen: Er verwandelte den Tiefbunker unter dem Klagesmarkt 1969 in ein Kunstcenter. Die Idee sollte sich zwar nicht als so haltbar erweisen wie die des Flohmarkts (die Schamuhn vom verstorbenen HAZ-Redakteur Klaus Partzsch ausgeliehen hatte), aber zur Eröffnung im Dezember waren alle noch guten Mutes. Bürgermeister Otto Barche fand blumige Worte und lobte das „in der Bundesrepublik einzigartige Projekt“. Und die Künstler drängelten sich geradezu im Untergrund.

Schamuhn hatte keine Mühe, Mitstreiter zu finden. Innerhalb von 14 Tagen waren die rund 100 je sechs Quadratmeter großen Kabinen in farbenprächtige Kleinstgalerien verwandelt. Die Stammbesetzung des renommierten Kunstmarktes an der Leine nistete sich nun unter Tage ein. Maler, Grafiker, Bildhauer und sogar ein Möbeldesigner. Dazu kam eine avantgardistische Theatergruppe namens floodlight, die satirische Kurzszenen aufführte, ein Stereostudio, zwei Fotoateliers, eine Lesebühne sowie Mal- und Bastelräume für Kinder.

Die ersten Monate liefen ordentlich. Der Trägerverein sprach von 20.000 Besuchern pro Jahr. Aber irgendwann zogen die arrivierten Künstler sich leise zurück, und immer mehr Autodidakten bevölkerten die Kabinen im Untergrund. Die Euphorie der Anfangszeit war verflogen. Vielleicht waren die winzigen, feuchten Räume unter der Erde doch nicht so inspirierend wie anfangs geglaubt. Der Ideengeber machte bald nicht mehr mit, und der „Verein zur Förderung des Kunstcenters“ hatte mit heftigen Finanzproblemen zu kämpfen. Mit den Jahren offenbarte Schamuhns Idee nämlich einen Geburtsfehler: Die Räume unter dem Klagesmarkt waren nur schwer zu beheizen. Die Belüftung erwies sich als außerordentlich kostspielig, genau wie die Beleuchtung. Ein Fenster gibt es nun mal nicht in einem Bunker. 1973 war dann schließlich bei den Stadtwerken (wie sich das Unternehmen damals noch nannte) eine Rechnung von 34.000 Mark aufgelaufen. Jetzt erschien das anfangs so hochgelobte Projekt plötzlich als „ein Faß ohne Boden“, wie es im Kulturausschuss hieß.

Eine dauernde Unterstützung wollten sich die Kulturpolitiker nicht leisten, und so war nach 40 Monaten das unterirdische Schauspiel vorbei. Die Stadt übernahm die letzte Stromrechnung, und der Eigentümer des lichtlosen Klotzes, das Amt für Zivilschutz, verlangte eine aufgeräumte Immobilie. So fanden sich am Ende 15 Künstler zusammen, die zentnerweise Müll und Gerümpel ans Tageslicht schleppten und in Containern verstauten. Zurück blieben nur die Ölbilder, die Reinhard Schamuhn an die Wände gemalt hatte, und die Reste eines längst vergessenen „Rivierafestes“, ein Sandhaufen vor himmelblauer Kulisse, in der sich einstmals hübsche Mädchen von Höhensonnen bescheinen ließen. In einem feuchten Bunker unter der Erde muss das ein sehr ironisches Bild gewesen sein.

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