Vor deutschen und türkischstämmigen Journalisten sollte ich unlängst in einem Vortrag der Frage nachgehen, ob und wie Migranten im Bundestagswahlkampf vorkommen. Mein Chefredakteur war auch dabei; ich erwähne das jetzt, weil er zum Ende noch mal vorkommt.
Von allein wäre ich auf das Thema nicht gekommen, weil ich den Eindruck habe, dass wir in diesem Wahlkampf kaum eine Rolle spielen. Das war mal anders. In den neunziger Jahren gingen die Parteien auf Stimmenfang, indem sie für oder gegen uns ins Feld zogen – davon ist diesmal nichts zu spüren. Wenn überhaupt, lassen etwa die Grünen in leisen Tönen davon hören, dass sie das Optionsmodell im Staatsbürgerschaftsrecht abschaffen möchten. Dafür ist auch die SPD, die zudem wissen lässt, dass sie Bildungs- und Integrationspolitik in einem Bundesministerium zusammenführen und eine Bildungsoffensive für Migrantenkinder starten möchte.
Von den Christdemokraten ist in puncto Migranten bislang nichts zu vernehmen. Warum? Auch diese Frage wollte ich in meinem Vortrag nicht unbeantwortet lassen und stellte die Hypothese auf, dass die CDU – Roland Koch sei Dank – erkannt hat, dass mit einem Wahlkampf, in dem Migranten zu Buhmännern gemacht werden, keine Stimmen mehr zu gewinnen sind. Weil auch konservative Einheimische langsam merken, dass die Probleme von und mit Eingewanderten eher soziale Ursachen haben. So kommen sie sich näher, die Einheimischen und die Eingewanderten; die früheren Feindbilder funktionieren nicht mehr. Auch weil sich einiges verändert hat in diesem Land, wozu Integrationsgipfel, Islamkonferenz und Medienberichte ihren Teil beigetragen haben. Es gibt ja kaum einen Tag, an dem nicht über Migranten berichtet wird – und dies nicht nur negativ.
All diese Beobachtungen habe ich ausführlich vor deutschen und türkischstämmigen Kollegen referiert. Mein Chef meinte anschließend, ich sei viel zu optimistisch. Ich wollte ihm nicht widersprechen, will aber erneut einen Appell loswerden: Stellen Sie meine Hypothese unter Beweis!
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