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Das ist an der MHH alles falsch gelaufen

Chaotische Zustände Das ist an der MHH alles falsch gelaufen

Durch chaotische Bauplanung und mangelnde Aufsicht hat sich die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) tief in die roten Zahlen manövriert. Der Misserfolg hat viele Ursachen. Jetzt soll die Hochschule für eine Milliarde Euro saniert und in Teilen neu gebaut werden. Stellt sich die Frage: Wie in aller Welt soll das gut gehen?

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Die Medizinische Hochschule Hannover. 

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Es war eine bittere Diagnose für den Patienten, daran änderte auch der lapidare Ton der Experten nichts: „Die Medizinische Hochschule Hannover ist überschuldet“, schrieb der Landesrechnungshof in seinem Jahresbericht. „Eine Rückführung des aktuellen Bilanzverlustes von rund 114 Millionen Euro erscheint derzeit nicht realistisch.“ Fehlplanungen, Baupannen und eine ausufernde Personalpolitik haben den größten Landesbetrieb Niedersachsens tief in die roten Zahlen und in die negativen Schlagzeilen geführt. Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Was für Auswirkungen wird die Krise haben? Und wie kann der Patient MHH wieder fit gemacht werden?

Kratzer an der Vorzeigeklinik

Es ist ein Problem, das sich nicht nur in nackten Zahlen darstellen lässt: Die MHH ist ein Leuchtturm in der medizinischen Forschung, mit 10 000 Mitarbeitern zudem der größte Landesbetrieb Niedersachsens und einer der größten Arbeitgeber in Hannover. Nachrichten über Planungspeinlichkeiten und defizitäre Bilanzen kratzen an der Reputation der Hochschule, machen die Anwerbung von Spitzenkräften schwieriger und sorgen für Verunsicherung in der Belegschaft und bei den Patienten.

Auf der Suche nach den Wurzeln der Fehlsteuerung muss man einige Jahre zurückgehen. Es war im Jahr 2011, als im Wissenschaftsministerium erstmals auffiel, dass die Zahlen nicht stimmten: Die MHH machte Verluste, und nicht geringe. Rund 23 Millionen Euro pro Jahr standen auf der Minusseite, und es drohte, mehr zu werden. Doch das Ministerium, damals noch unter der Leitung von Johanna Wanka (CDU), schritt nicht ein - aus Sorge, dass der Patient eine Rosskur nicht überleben würde.

"Die MHH muss zur Chefsache werden"

Die Medizinische Hochschule Hannover hat sich tief in die roten Zahlen manövriert. Das kann sich die MHH sich nicht lange leisten - und sie hat es auch nicht verdient. Die MHH muss jetzt Chefsache werden. Dass Ministerpräsident Stephan Weil das noch immer nicht mit Nachdruck betreibt, ist verwunderlich. Eine Analyse von Hendrik Brandt.

Eine Haltung, für die SPD-Landtagsabgeordnete Thela Wernstedt sogar ein gewisses Verständnis zeigt, auch wenn sie klar sagt: Hier begannen die Probleme der MHH, nicht erst unter Rot-Grün. „Die Steuerung einer solchen Institution ist schwierig“, so Wernstedt, die früher selber MHH-Ärztin war. Forschung, Krankenversorgung, Zustand der Gebäude, Personalmanagement und Budget unter einen Hut zu bringen, sei sehr herausfordernd. In Krankenhäusern spielten sich nunmal fast täglich existenzielle Lebenskrisen ab. „Hier werden Menschen geboren, von Krankheiten geheilt, hier werden Diagnosen auf den Tod gestellt und es wird gestorben“, so Wernstedt. Dazu gebe es eine Forschung, die jeden Tag versuche, die Grenzen des Machbaren zu verschieben. Das alles kostet Geld.

Die EHEC-Krise

Manchmal viel mehr Geld als erwartet. 2011 brach die EHEC-Epidemie aus: Über 3800 Menschen infizierten sich in Deutschland an dem Darmkeim, 53 starben. Über Wochen war die Intensivstation der MHH an ihrem Limit, die Kosten schossen durch die Decke. Kann in so einem Fall ein Haushaltspolitiker der Klinik den Geldhahn zudrehen?

Ein neues Labor - neu gebaut und nie genutzt, eine 3,2 Millionen teure Apotheke, viel zu teures Spitzenpersonal. Bei der Medizinischen Hochschule Hannover liegt einiges im Argen. Die wichtigsten Punkte.

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Die EHEC-Krise war einer der wenigen Fälle, in denen die Krankenversorgung ein Minus machte. Größere Sorgen macht den Krankenhausmanagern oftmals die Forschung. Die MHH buhlt wie alle Unikliniken um die besten Köpfe. Die Preise sind hoch, nicht nur für Gehälter, sondern auch für Personal und Ressourcen, die man den Forschern für ihre Arbeit zur Verfügung stellt. Der Kampf lohnt sich, denn Koryphäen holen oftmals Millionenbeträge pro Jahr an Drittmitteln in die Klinik zurück, von der Reputation ganz zu schweigen. Doch der Poker kann ruinös sein - wenn es kein Limit gibt.

Und genau das fehlte der MHH. Und hier ist nicht Pech oder äußere Unwägbarkeit im Spiel - hier hat das System versagt. Ebenso wie bei den peinlichen Fehlplanungen mehrerer MHH-Gebäude, die entweder nie entstehen oder nach ihrer Fertigstellung nicht zu benutzen sind.

Die MHH in Zahlen

Die MHH ist mit 10.000 Beschäftigten der größte Betrieb des Landes Niedersachsen. In 90 Stationen der Medizinischen Hochschule gibt es insgesamt etwa 1500 Betten. Die MHH hat jährlich rund 450.000 Patientenkontakte . Etwa 60.000 Kinder, Frauen und Männer werden stationär behandelt – die meisten Patienten in der Fachabteilung für Frauenheilkunde und Geburtshilfe (mehr als 8000 im Jahr). Es gibt pro Jahr etwa 35.000 Operationen , darunter rund 400 Organtransplantationen . An der MHH studieren 3500 Studenten . Die Medizinische Hochschule Hannover hat im Jahr 2015 Erträge von 695 Millionen Euro erzielt, darunter ist auch ein Landeszuschuss von 194 Millionen Euro. Gleichzeitig gab sie unter anderem 485 Millionen Euro für Personal und 236 Millionen für Material aus. Am Ende blieb ein Minus von 1,5 Millionen Euro übrig. mak

Kritik an MHH-Führung

Die schlechte Planung lasse einen kritisch auf die MHH-Führung blicken, meint Wernstedt. Es habe sich außerdem offenkundig innerhalb der Klinik die Machtbalance verschoben: „Die Forschung hat ein derartiges Übergewicht bekommen, dass die Unterbringung der Patienten, die Arbeitsbedingungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Arbeitsabläufe, Diagnostik und Therapie anfangen zu leiden“, sagte die Abgeordnete im Landtag. Universitäten würden große Freiheiten genießen. Aber: „Die MHH hat in den letzten Jahren genug Anlässe geboten, zu überdenken, ob es gerechtfertigt ist, diese Freiheiten zu gewähren“, so die ehemalige Palliativärztin. Eine harte Abrechnung unter anderem mit dem Chefplaner des Hauses, Vize-Präsident Andreas Tecklenburg, der seit 2004 im Haus ist.

Viele der kritischen Entscheidungen fallen unter die Ägide des MHH-Präsidenten Dieter Bitter-Suermann. Ein Patriarch und Pragmatiker, ein Macher, wie geschaffen für die starren und steilen Hierarchien des Medizinbetriebs. In den letzten Jahren seiner Amtszeit bis 2013 wurde der Personalkörper in der Forschung über alle Limits hinaus vergrößert – und das Ministerium trug die Entscheidungen mit. Dazu kommen Planungspannen, die man zum Teil mit Abstimmungsproblemen erklären kann: Denn die MHH darf nicht selber ihre Gebäude bauen, sie muss dem Staatlichen Baumanagement des Finanzministeriums ihre Bedarfe mitteilen – und das übernimmt den Bau. Fehlt es an Abstimmung, kann auch hier viel schiefgehen, denn das Baumanagement hat naturgemäß wenig Ahnung von medizinischen Bedarfen. Eine enge Abstimmung ist da unverzichtbar. Kindergeburtstag ohne Aufsicht Das Wissenschaftsministerium übt die Aufsicht über die MHH, einen Landesbetrieb, aus. Diese Aufgabe ist auf mehrere Referate im Ministerium verteilt, über allem steht die Ministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne). Zu wenig Leute, um der Hochschule in fachlicher oder medizinischer Sicht auf Augenhöhe zu begegnen, aber darum geht es bei der Landesaufsicht in der Regel auch nicht. Die Kunst sei, meint ein Insider zur HAZ, dass man den Landesbetrieb MHH auf keinen Fall wie einen Landesbetrieb führen dürfe. „Man muss sich kümmern.“ Notfalls sogar jede Woche. Viele Sanktionsmöglichkeiten habe man nicht, „das Ministerium muss agieren wie eine Unternehmensberatung: Es muss gucken, nachbohren, Fragen stellen. Immer wieder die richtigen Fragen stellen.“ Das sei aber ziemlich lange im Ministerium unterblieben – und damit lief die MHH aus dem Ruder wie ein Kindergeburtstag ohne Aufsicht.

Wie ein Kindergeburtstag ohne Aufsicht

Genau diesen Punkt hat auch der Landesrechnungshof kritisiert. Für die Opposition im Landtag ist damit Ministerin Heinen-Kljajic die Schuldige: „In der Mitte des Chaos steht immer die Wissenschaftsministerin“, schimpfte Jörg Hillmer (CDU). Bei der MHH schaue das Land seit Jahren konsequent weg, der Tanker MHH dümpele führungslos dahin. Statt echter Führung schiebe Heinen-Kljajic die Zuständigkeiten von sich weg: „Ein Gutachter hier, ein Berater dort – die Verantwortung verschwindet dahinter“, so Hillmer. SPD und Grüne weisen den Vorwurf zurück: Die Ursachen für die Fehlentwicklung lägen in schwarz-gelber Regierungszeit, sagt Ministerin Heinen-Kljajic: „Wir haben bei der Regierungsübernahme zig Fälle dramatischer Fehlplanung und mangelnder Aufsicht vorgefunden“, die MHH sei nur einer davon. Erst mit Rot-Grün habe es wieder eine Kontrolle gegeben. Enge Begleitung Im Kern ist das richtig, wie auch der Landesrechnungshof bescheinigt: Ein Jahr nach dem Regierungswechsel in Niedersachsen habe Heinen-Kljajic die Zügel angezogen, seit Herbst 2014 gibt es intensive Gespräche und Quartalsberichte der MHH ans Ministerium über ihre Personalausgaben. Doch das Defizit wuchs unter ihrer Aufsicht weiter – weil sich Ministerium und MHH gegen einen harten Kurswechsel entschieden. Der nicht genehmigte Stellenaufbau wurde nicht zusammengestrichen, es gab auch kein Kürzungsprogramm. Ein harter Schnitt, das glaubt auch der Landesrechnungshof, hätte die MHH handlungsunfähig gemacht und die Reputation nachhaltig beschädigt. Das Kümmern des Ministeriums führte dennoch zu Ergebnissen: Die Bilanzen wurden schrittweise besser. Die Schlussrechnung für das Jahr 2016 ist noch nicht fertig, alle Beteiligten erwarten aber erstmals seit Jahren wieder ein Plus in der MHH-Bilanz.

Doch es bleiben Zweifel, ob die gegenwärtige Konstruktion tragfähig ist für die Zukunft. Das Land will rund eine Milliarde Euro investieren, um das marode MHH-Gebäude durch einen Neubau zu ersetzen. Wenn man bedenke, wie Bauvorhaben in der Vergangenheit gelaufen seien, könne einem bei dieser Vorstellung angst und bange werden, meint der FDP-Finanzexperte im Landtag, Christian Grascha: „Die MHH darf nicht vom Millionengrab zum Milliardengrab werden.“ Wie man das verhindern könne, sei „die Kernfrage“, meint auch MHH-Präsident Christopher Baum: „Wir müssen uns auch fragen, in welcher Organisationsform man ein solches Großprojekt durchführt.“ Bei dieser Planung werden wichtige Weichen für die Zukunft der Uni gestellt. Die Führung müsse die "Riesenchance", die sich durch den Neubau der Klinik ergebe, optimal nutzen, sagt Baum m HAZ-Interview.

Wer ist wofür zuständig?

Das Ministerium: Die MHH ist dem Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur zugeordnet. Die Aufsicht verteilt sich auf das Referat 23 (Medizin), Referat 26 (Hochschulentwicklung) und Referat 27 (Hochschulcontrolling). Die Sanktionsmöglichkeiten sind aber gering, da viele Hochschulmittel festgeschrieben sind. Die Zuwendungen des Landes machen im Etat der MHH, die darüber hinaus Forschungsmittel einwirbt und über die Krankenversorgung Geld von den Krankenkassen bekommt, etwa ein Drittel aus.?Das Baumanagement: Beim Staatlichen Baumanagement werden alle Bauvorhaben des Landes zentral bearbeitet – egal, ob es um die Sanierung eines Amtsgerichts in Aurich oder den Neubau des Landtags-Plenarsaals geht. Dazu kümmert sich das Baumanagement auch um Liegenschaften des Bundes. Insgesamt betreuen die Ingenieure und Architekten der Behörde in Niedersachsen 6500 Landes- und 16?000 Bundesgebäude. Pro Jahr werden dafür Bauaufträge in Höhe von 511 Millionen Euro vergeben. Das Hochschulpräsidium: Das Präsidium der Medizinischen Hochschule Hannover besteht aus dem Präsidenten Professor Christopher Baum sowie den Vizepräsidenten Andreas Tecklenburg und Andrea Aulkemeyer. Das Trio ist zuständig für die Entwicklungsplanung der Hochschule, den Wirtschaftsplan, die Aufteilung der Budgets und die Zielvereinbarungen mit dem Wissenschaftsministerium. Weitreichende Beschlüsse und Planungen müssen vom Senat der Hochschule mitbeschlossen werden.

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