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Aus der Stadt Chorsingen ist cool – als Event im Rudel
Hannover Aus der Stadt Chorsingen ist cool – als Event im Rudel
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06:31 08.02.2018
Gospelmarathon 2017 Quelle: Gospelkirche Hannover
Hannover

Manchmal muss David Rauterberg seltsame Fragen beantworten. Wenn nach seinen „Rudelsingen“-Abenden junge Menschen zu ihm kommen und wissen wollen, „was wir da mit ihnen gemacht haben, dass sie Udo-Jürgens-Lieder singen, obwohl sie das sonst nie machen würden“. Das Format, das Rauterberg mit seinem Team bundesweit anbietet, ist auch in Hannover mittlerweile enorm erfolgreich, nächste Woche geht das Massenkaraoke mit Livemusik vor der großen Leinwand im Raschplatzpavillon in die nächste Runde, es gibt nur noch Restkarten. 

Und was antwortet Rauterberg nun den unfreiwillig freiwilligen Udo-Jürgens-Mitsängern? “Gemeinsames Singen ist eine gewisse Form von Rausch.“ Und zwar eine mit, wie er es nennt, „begrenzter Verbindlichkeit“. Was auch eine wichtige und richtige Antwort auf eine andere, viel dringendere Frage ist: Wo gehen die jungen Leute singen, die den alten Chören fehlen? 

Wie zum Beispiel dem Männerchor Kirchhorst, der sich im vergangenen Jahr aufgelöst hat. Die Personaldecke wurde immer dünner, zudem schloss irgendwann die Vereinskneipe „Maikäfer“ und somit der Übungsraum, Proben außerorts waren wieder viel Fahrerei und nicht jedermanns Sache. Eine Zusammenarbeit mit dem Polizeichor Hannover half eine Zeitlang gegen den Sängerschwund, doch im vergangenen Jahr gab der Chor schweren Herzens sein Abschiedskonzert. „Wir haben es verpasst, zum richtigen Zeitpunkt junge Leute ranzuziehen“, sagt Werner Schulz, langjähriger Vorsitzender des Vereins. 

Eine fast exemplarische Entwicklung – für die traditionellen Chöre, die Männergesangvereine, je ländlicher, desto drastischer. Der Region um die chorstarke Stadt Hannover gehe es da noch relativ gut, sagt Wolfgang Schröfel, Ehrenpräsident des Niedersächsischen Chorverbands, der sich neben dem Chorverband Niedersachsen-Bremen um die Organisation des Singwesens im Land bemüht. „Die Jugend zieht in die Stadt, die Alten bleiben auf dem Land“. 

Rund 250 Chöre seien in Hannover organisiert, hinzu kämen die Kirchenchöre und freien Gruppen, schätzt Schröfel, die Szene sei, auch dank der Musikhochschule, rege und fluktuierend. Mit Ensembles wie dem Mädchen- und dem Knabenchor gibt es leistungsstarke und zugkräftige Leuchttürme. Zu den renommierten Chortagen im Juni kommt von 2019 an alle zwei Jahre die chor.com, eine Messe mit mehr als 100 Workshops und einem üppigen Konzertprogramm, die nächste Woche vorgestellt wird. 

Chorleiter, sagt Schröfel, gebe es in Hannover genug, allerdings würden die ungern raus aufs Land fahren: „In Osterode einen Chorleiter zu finden, ist schwierig“, sagt der 71-Jährige, der heute im Landtag den Bundesverdienstorden verliehen bekommt. 

Und mit jungen Sängern ist es ohnehin problematisch. Die Eventkultur, der Hang zu „begrenzter Verbindlichkeit“, macht nicht nur den Sportvereinen zu schaffen. Ein Zauberwort der eventisierten Gesellschaft heißt „Projekt“. „Das Konzept eines Chors passt nicht mehr in die Arbeits- und Freizeitwelt junger Menschen“, sagt David Rauterberg, „Projekte dagegen funktionieren, sie bieten die erforderliche Flexibilität.“ 

Das kann das „Rudelsingen“ sein, das kann das schulisch basierte Großhallenereignis „Klasse, wir singen!“ sein. Oder auch der Projektchor der Gospelkirche Hannover in Linden. Kantor Jan Meyer hat gerade mit diesem Format sehr gute Erfahrungen gemacht. Ein Jahr erarbeitet die Gruppe ein Programm für festgelegte Auftritte, danach beginnt eine neue Phase. „Viele bleiben anschließend trotzdem dabei“, sagt Meyer. Hinzu kommen ein offenes Singen und ein fester Chor. Altersdurchschnitt ist 40 bis 50 Jahre, die meisten Sänger sind eher kirchenfern, lieben aber die Körperlichkeit des Goespelsingens. „Das fehlt ihnen in traditionellen Chören“, hat der Kantor beobachtet. 

Wie das Event die Tradition einbinden kann – David Rauterberg setzt mit seinen Rudelsängern schon jetzt eine Idee um: „Wir laden Chöre zu unseren Veranstaltungen ein, die dann auch Kostproben geben dürfen. Wer will, kann sich ihnen direkt anschließen.“ 

Von Uwe Janssen

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