In letzter Zeit steht der Rollstuhl mit den Bayern-Logos auf dem Speichenschutz meist am Rand, unter der Treppe neben der Haustür. Nicht, dass Christopher den Bayern abgeschworen hätte, auch, wenn sie ihn nerven zurzeit. Aber irgendwie passt der Bayern-Rolli nicht mehr recht zu ihm. Er hat etwas Kindliches. Und Christopher hat gerade alle Hände voll damit zu tun, erwachsen zu werden.
Christopher van Hülst aus Uetze ist 17. Er leidet unter einer Spina bifida, einem sogenannten offenen Rücken, und einem Hydrocephalus, einem Wasserkopf.
Die Spina bifida ist eine Fehlbildung der Wirbelsäule, genau genommen eine Spaltbildung im Rückenmark. Sie sorgt zum Beispiel dafür, dass Christopher nicht laufen kann. Der Hydrocephalus beschreibt eine Erweiterung der Flüssigkeitsräume des Gehirns, durch die die Hirn-Rückenmarks-Flüssigkeit nicht richtig abfließt. Vielleicht hat er dafür gesorgt, dass Christopher neulich die Mathe-Arbeit in den Sand gesetzt hat. Es könnte aber auch Faulheit gewesen sein, sagt sein Vater. Man weiß das nie genau.
Christopher klagt nicht groß. Die Dinge sind, wie sie sind. Man kann die Sache schließlich auch von der Seite sehen, dass er Monoski fährt und Basketball spielt und dass der verdammte Oberschenkelbruch in der sechsten Klasse, durch den er Monate in der Schule verpasst hat, schlicht und einfach daher rührte, dass er im Winter vom Schlitten abgeflogen ist. „Selber schuld“, sagt Christopher.
Vor ein paar Wochen hat Christopher van Hülst bei der Gala des Behindertensportverbands Niedersachsen (BSN) einen ziemlichen Auftritt hingelegt. Mit der integrativen Turngruppe des TSV Friesen-Hänigsen war er einer der Hauptdarsteller des Showprogramms, und als der Moderator ihn später nach seinem „größten Wunsch“ fragte, sagte Christopher schlicht: ein Ausbildungsplatz, am liebsten in einer Verwaltung. Blitzlichter flackerten, das Publikum applaudierte, Oberbürgermeister Stephan Weil hob spontan die Hand. Am Ende verließ Christopher das GOP mit der Visitenkarte des Oberbürgermeisters und denen anderer wohlmeinender Herren, die allgemein befanden, bei dem Jungen handele es sich um ein pfiffiges Kerlchen. Was es hilft? Man wird sehen.
Seit Christopher vor 17 Jahren überraschend mit einer Schwerbehinderung zur Welt kam, sind Elke und Guido van Hülst ständig auf der Suche nach dem richtigen Maß. Sie wollen den Jungen anspornen, aber nicht überfordern. Sie wollen ihn nicht unter einer Käseglocke aufwachsen lassen, aber ihn auch möglichst nicht den Gehässigkeiten aussetzen, zu denen Jugendliche in der Lage sind. Sie wollen sich für ihr Kind einsetzen, ohne dabei querulatorisch zu sein. „Wenn man irgendetwas mit Gewalt durchsetzt, tut man ihm damit keinen Gefallen“, sagt Vater Guido.
Als Christopher fünf war, sahen sich die Eltern einen Kindergarten der Lebenshilfe an, einen für behinderte Kinder. „Aber das war für uns irgendwie nicht der richtige Weg“, sagt Mutter Elke. Also suchten sie weiter, nach einem ganz normalen Kindergarten, der ihr Kind aufnehmen würde. „Was wollen Sie Ihrem Kind da nur antun?“, fragte eine Kindergärtnerin.
Es brauchte einen Landtagswahlkampf und einen Besuch des SPD-Kandidaten Gerhard Schröder in Uetze, um die Gemeinde zur Einrichtung einer integrativen Gruppe im Kindergarten zu bewegen. Irgendjemand muss dem Kandidaten den Brief gezeigt haben, den die van Hülsts zuvor an die Staatskanzlei geschrieben hatten, jedenfalls ließ Schröder bei seinem Auftritt einen Satz fallen, einen von der Art, wie sie in Wahlkämpfen eben fallen. Das genügte.
Später wollten die Eltern Christopher auf eine ganz normale Grundschule schicken. „Das tue ich mir nicht an“, sagte ein Direktor, drei weitere winkten ebenfalls ab. Nur die Leiterin der winzigen Schule in Obershagen wollte Christopher haben. „Schicken Sie ihn mal her“, sagte die.
Die Zeit in der Obershagener Grundschule kommt Christopher im Rückblick paradiesisch vor. Manchmal ruckelte er sich aus seinem Rollstuhl und setzte sich auf eine Bank, und die Freunde rasten mit dem Rolli auf dem Schulhof herum. Freunde übernachteten bei ihm und er bei ihnen, und wenn ihre Kinderzimmer im ersten Stock lagen, dann krabbelte er eben die Treppen herauf und herunter. „Wenn Kinder noch Kinder sind, dann geht das alles wunderbar“, sagt sein Vater. Heute will Christopher nicht mehr krabbeln.
Nach vier Jahren kam Christopher auf die Realschule, und am Anfang war noch alles gut. Dann kam die Geschichte mit dem Oberschenkelbruch. Christopher war lange weg aus der Schule, und als er wiederkam, wurde nach und nach alles anders. Die Freunde meldeten sich kaum noch, später gar nicht mehr. Niemand fuhr mehr in seinem Rolli irgendwo herum. Stattdessen tauchten sie alle in die Pubertät ab, und bei dem, was seither interessant ist, hat Christopher schlechte Karten. „Die Bude ist nicht eben voll mit Freunden“, sagt sein Vater. Trotz aller integrativen Beschulung sind Christophers Bezugspersonen heute vor allem die Kumpels vom Rollstuhlbasketball und natürlich seine 15-jährige, nicht behinderte Schwester Manja. Im Nachhinein machen sich Christophers Eltern Gedanken darüber, ob es wirklich so gut war, ihn in eine Regelschule zu schicken. „Zweifel bleiben“, sagen sie.
Im Sommer ist das Kapitel Schule vorbei. Immer wieder haben schwere Operationen Christopher monatelang vom Unterricht ferngehalten, dennoch ist er nie sitzen geblieben. „Eine Klasse zu wiederholen kam für mich nicht infrage“, sagt er. „Das wäre mir peinlich gewesen.“ Bezahlt haben seine Eltern und er das mit langen Nachmittagen am Schreibtisch, Deutsch, vor allem Mathe, stundenlang. „Wir sind müde, er ist müde“, sagt Mutter Elke. „Es ist gut, dass es bald vorbei ist.“
Das Dumme ist, dass Christopher durch seinen Hydrocephalus nie so recht weiß, woran er ist. Die Behinderung geht mit Kopfschmerzen einher, mit Schwierigkeiten bei der Konzentration und im Erinnerungsvermögen. Es gebe eben gute und schlechte Tage, sagt Christopher. Ob das aber der Grund war, dass er jüngst beim Eignungstest für den Verwaltungsdienst so schlecht abgeschnitten hat, kann er nicht sagen, es ist wie mit der Mathe-Arbeit. Aber bis er den Test wiederholen kann, steht das Ergebnis in den Akten, das kann auch ein Oberbürgermeister nicht ignorieren. Er soll es auch nicht, sagt Christopher. Man wird sehen, was bleibt vom Applaus, den Visitenkarten und den guten Wünschen. Vielleicht ein Ausbildungsplatz, vielleicht auch nur das Video von der Gala auf dem Laptop.
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