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Was tun, wenn Mama nicht mehr kann?

Fehlende langfristige Unterstützung Was tun, wenn Mama nicht mehr kann?

Chronisch kranke Menschen können sich häufig nicht mehr richtig um ihre Familie und Kinder kümmern. Ein Fall aus Hannover zeigt, wie sehr die Menschen kämpfen müssen, um Hilfe von der Stadt zu bekommen - denn das System hat eine Lücke.

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„Sie möchte ein Buch vorgelesen haben oder auf den Spielplatz, doch mir fehlt oft die Kraft“: Anna Scholz mit einem „Sorgenfresser“, den ihre Tochter ihr gebastelt hat.

Quelle: Kutter

Hannover. Vor einem fürchtet Anna Scholz * sich besonders: dass eines Tages ein Mitarbeiter von Schule oder Jugendamt vor der Tür steht, weil ihre Tochter nicht zum Unterricht gekommen ist. „Ich möchte nicht abwarten, dass mein Kind verwahrlost“, beteuert die 48-Jährige. Doch der Gedanke, dass genau dies eintreten könnte, bedrängt die Mutter. Sie kann oft nicht selbst für ihre Tochter sorgen, weil Krankheiten sie seit Längerem schwächen. Beständige Hilfe im täglichen Leben hat die Familie bis heute nicht gefunden.  

Schwere Krankheit

Dass Anna Scholz schwer krank ist, steht außer Frage. Vor allem eine chronische Lungenerkrankung, die bereits 1998 diagnostiziert wurde, hat sich in den vergangenen drei Jahren verschlimmert. Regelmäßig setzen Phasen mit hohem Fieber ein, Scholz muss dann jedes Mal eine Probe ihres ausgehusteten Schleims testen lassen, damit die Ärzte das passende Antibiotikum verschreiben können. Bis zum Testergebnis verbringt die Kranke mehrere elende Tage. Das Medikament verschafft Linderung, aber wenn der Einnahmezyklus beendet ist, setzt nach ein paar Tagen meist wieder eine Entzündung mit Fieber ein.

Zusätzlich belastet Anna Scholz die Sorge um ihre Tochter, eine zarte Sechsjährige. Die Krankheit der Mutter schränkt das Leben des Mädchens stark ein. „Sie möchte ein Buch vorgelesen bekommen oder auf den Spielplatz gehen. Aber mir fehlt oft die Kraft dazu.“ Der Ehemann von Anna Scholz kann das nicht wirklich auffangen. Der 52-Jährige arbeitet in einem Produktionsbetrieb, wechselt dort zwischen Früh-, Spät- und Nachtschicht. „Klar macht er im Haushalt, was er kann. Aber durch diese lange Zeit meiner Krankheit ist auch er erschöpft.“ Dass Maja*, die im August in die Schule gekommen ist, nun die Nachmittage oft allein zu Hause verbringt statt unter Kindern, belastet ihre Mutter. Die Situation führe dazu, dass ihre Tochter sich noch stärker in sich selbst zurückzieht.

Hausarzt Ralf Richtsteiger hat seine Patientin als Kämpfernatur kennengelernt. „Aber die Lungenerkrankung raubt ihr die Energie.“ Für Außenstehende erscheint es manchmal nicht nachvollziehbar, dass die kluge und selbstbewusste Frau ihr Leben oft nicht mehr ohne Hilfe meistern kann. An guten Tagen wirkt sie aktiv und energiegeladen wie eh und je. „Auf Menschen, die nicht medizinisch bewandert sind, macht sie den Eindruck, in stabiler Verfassung zu sein“, sagt ihr Arzt. An schlechten Tagen wird dagegen überdeutlich, dass Anna Scholz und mit ihr die ganze Familie Hilfe braucht.

Keine langfristige Unterstützung

Die Krankenkasse hat Scholz mehrmals Zuschüsse für eine Haushaltshilfe bewilligt. Die Kranke mühte sich dann, möglichst eine vertraute Person aus dem Bekanntenkreis für die Aufgabe zu gewinnen. Ihre Tochter, schüchtern und zurückhaltend, sollte sich nicht immer wieder Fremden gegenübersehen. Doch fand sich nicht immer jemand.

Die vergleichsweise glücklichste Zeit erlebte die Familie, als sich eine Mitarbeiterin einer Sozialstation Anfang des Jahres mehrere Monate um Kind und Haushalt kümmerte. „Maja erinnert sich noch oft daran“, erzählt ihre Mutter. Die erfahrene Helferin begleitete das Kind zum Kindergarten, Spielplatz und zum Tanzen. „Wir konnten alle aufatmen.“ Anna Scholz gelang es in dieser Zeit, Kraft zu sammeln, weil die Helferin ihr den Haushalt abnahm. „Trotz mehrerer  Entzündungsherde in der Lunge konnte ich mein empfohlenes Sportprogramm machen.“ Auch für ihre anstrengende Atemtherapie fand Scholz wie empfohlen zwei Stunden am Tag Zeit. Ihre Lungenfunktion verbesserte sich, manchmal schaffte sie es sogar, abends mit Maja Fahrrad zu fahren.

Ein Arzt hatte die Haushaltshilfe verordnet. Die Krankenkasse übernahm die Kosten zunächst für zwei Monate. Mehrmals erstritt Scholz Verlängerungen. Doch schließlich wies die Kasse darauf hin, dass ihre Unterstützung in diesem Bereich nicht für chronisch Erkrankte gedacht ist. Der Medizinische Dienst der Kassen verweist auf Jugend- und Sozialamt. Der städtische Fachbereich Jugend und Familie argumentiert jedoch, dass es keinen Bedarf für Jugendhilfe gibt, denn ein Erziehungsproblem liegt in der Familie nicht vor. „Dieser ständige Kampf kostet so viel Kraft, das macht mich noch kränker“, sagt Anna Scholz, die früher im Medizincontrolling gearbeitet hat. Seit fünf Jahren ist sie erwerbsunfähig und als schwerbehindert eingestuft.

„Das Arbeitstempo der Stadt ist ein Problem“

Seit Juli müht sich Rechtsanwalt Kai Michael Dietrich nun bei der Stadt um eine Haushaltshilfe für Anna Scholz. „Das Arbeitstempo der Stadt ist ein Problem“, urteilt der Fachanwalt für Sozialrecht. Eine kurzfristige Entscheidung oder zumindest Bearbeitung sei zunächst zugesichert worden. Dann dauerte es aber bis Oktober, bis die Stadt ein medizinisches Gutachten anforderte, berichtet Dietrich. „Hätte der Mitarbeiter mir das im August am Telefon gesagt, hätte ich es sofort geschickt.“ Hausarzt Richtsteiger hat die Erfahrung gemacht, dass chronisch Kranke mit Familie wie Anna Scholz besondere Formen der Unterstützung brauchen, die vom staatlichen Unterstützungssystem nicht in ausreichendem Maß vorgesehen sind. „Die allermeisten Menschen haben aber Angehörige, die selbst helfen können oder bei den Behörden für sie vorfühlen.“

* Name von der Redaktion geändert

... bei Tatjana Makarowski, stellvertretende Abteilungsleiterin Soziale Dienste bei der Caritas Hannover.

Quelle: Villegas

Nachgefragt...

„Beharrlich bleiben und das Wohl der Familie im Auge behalten“

Frau Makarowski, was raten Sie, wenn Eltern ernsthaft erkranken und Familie oder Freunde nicht über längere Zeit bei der Betreuung der Kinder helfen können?

Als Erstes sind die Krankenkassen gefragt, die eine Haushaltshilfe zahlen können, damit das Kind im gewohnten Umfeld bleiben kann. Danach könnten Pflegekasse, Rentenversicherungsträger, Jugendamt oder Sozialamt infrage kommen. Aber auch Betreuungseinrichtungen für Notsituationen sollten in Betracht gezogen werden.

Kommt es nach Ihren Erfahrungen in der Sozialberatung häufig vor, dass verschiedene Kostenträger jeweils auf den anderen verweisen?

Ja, die Streitigkeiten über eine Kostenübernahme werden leider auch auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen. Hier versuchen wir zu vermitteln, denn bis es zu einer Entscheidung kommt, verschlechtert sich die Situation von Kranken und ihren Angehörigen.

Das zuständige Jugendamt argumentiert, dass kein pädagogisches Problem vorliegen würde, wenn die Mutter längerfristig erkrankt ist. Wie schätzen Sie das ein?

Das Jugendamt ist tatsächlich zuständig für das Wohl des Kindes. Aber eine Familie ist in ihrem Zusammenhang zu sehen. Solange eine Mutter ihr Kind nicht gut betreut weiß, kann sich ihr Gesundheitszustand nicht stabilisieren. Das wirkt wieder auf das Kind zurück. Wenn das Jugendamt nicht vorbeugend handelt, werden bald auch pädagogische Probleme auftreten.

Wie wirkt sich so eine ungeklärte Situation Ihrer Erfahrung nach auf eine kranke Mutter aus?

Chronische Erkrankungen führen an sich bereits häufig zu Depressionen. Wenn noch die Sorge um das Wohlergehen der Kinder hinzukommt, verstärkt dies eher das Krankheitsbild, als dass es zur Genesung kommt.

Was können Betroffene machen, wenn sie bei den Behörden nicht mehr weiterkommen?

Beratungsstellen wie unsere allgemeine Lebens- und Sozialberatung können vermitteln und bei den sozialen und behördlichen Fragestellungen unterstützen. Wenn die Situation zu verfahren ist, raten wir, einen Fachanwalt für Sozialrecht zu beauftragen. Oft geben auch die Familienservicebüros der Stadt und Selbsthilfegruppen wertvolle Tipps. Wenn ein Mitglied der Familie psychische Probleme entwickelt, kann man sich an den Sozialpsychiatrischen Dienst der Region wenden. Die Mitarbeiter schätzen die Situation vor Ort ein und beurteilen, ob Krankenkasse, Jugendamt, Sozialamt oder vielleicht eine andere Einrichtung weiterhelfen sollten. Es ist in so einem Fall notwendig, beharrlich zu bleiben und das Wohl der ganzen Familie im Blick zu behalten.

Interview: Bärbel Hilbig

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