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Aus der Stadt Das Schweigen brechen
Hannover Aus der Stadt Das Schweigen brechen
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00:15 22.02.2014
Von Felix Harbart
Irritation auf den zweiten Blick: Plakate wie diese sollen auf das Problem Kinderhandel aufmerksam machen – und sind von Freitag an in der Nord/LB zu sehen. Quelle: Moritz Küstner
Hannover

Es war in einem Haus, in das Frauen eigentlich nicht hineindürfen. Ein verklinkerter mehrstöckiger Bau in der Braunstraße, Calenberger Neustadt, von den Wohnhäusern links und rechts kaum zu unterscheiden, äußerlich.

Was Cinderella von Dungern während eines Polizeipraktikums 2012 jedoch im Inneren erblickte, übertraf dann doch sogar ihre Befürchtungen. Dutzende von Prostituierten, die, von breitschultrigen Securitymännern überwacht, den Polizisten nur mit auswendig gelernten Phrasen antworteten. Kaum zu sagen, wer dort freiwillig arbeitete und wer nicht. Dazu Scharen von Freiern, die sich solche Fragen wohl kaum stellten. „Das ist wie eine Parallelwelt, die in ganz normalen Vierteln existiert“, sagt sie heute. Damals brachte ihr die Visite in einem der größten Bordelle Hannovers eine wichtige Erkenntnis: Dass sie auf dem richtigen Weg ist.

Das Schweigen über diese Zustände zu brechen, das ist das Ziel, das sich Cinderella von Dungern gesetzt hat. Die 42-Jährige, Mutter eines erwachsenen Sohnes und Frau des Wedemärker Milch-Unternehmers Jörgen Hemme, ist promovierte Ökonomin, Unternehmensberaterin - und derzeit vor allem Streiterin für ein großes Ziel: den Themen Menschenhandel und Sklaverei in Deutschland mehr Aufmerksamkeit zu bringen. Broken Hearts heißt die Stiftung, die sie 2011 gegründet hat - und mit der sie von morgen an hier in der Stadt ein deutliches Zeichen setzen will.

In der Nord/LB wird dann eine Ausstellung mit Plakaten eröffnet, die Grafikstudenten zum Thema entworfen haben. Der Kopf einer Frau ist darauf zum Beispiel zu sehen, jung und hübsch, aber ohne Mund - und im festen Griff einer kräftigen Hand. „Gib den Opfern eine Stimme“, steht darunter. Oder das Bild einer Frau in Unterwäsche, auf den ersten Blick wie bei einer H&M-Anzeige, nur, dass daneben „Anita, 19 Euro/Std.“ steht, und darunter: „Schau genau hin! Frauen werden als Ware gehandelt. Tu was gegen illegale Prostitution!“ Die Justizministerin und der Polizeipräsident sprechen zur Eröffnung. „Menschenhandel und Sklaverei, das gibt es auch in unserer Nachbarschaft“, sagt von Dungern.

Und was bringt eine bestens ausgebildete Frau aus gutem Haus dazu, sich von der Karriere ab- und einem so düsteren Thema zuzuwenden? Tatsächlich deutet in den ersten 40 Jahren ihres Lebens auf den ersten Blick wenig auf einen solchen Bruch hin. Cinderella Freifrau von Dungern wächst in Fuhrberg als Tochter eines Bankiers auf, neben dem Basketballspielen wird ihr auch die Jagdreiterei zum Hobby. Sie studiert in St. Gallen, schreibt ihre Dissertation über „Private Banking in China“ und arbeitet bei Banken. Das ist die Karriereseite.

Doch zu Cinderella von Dungern gehört auch eine andere, vielleicht nicht ganz so offenkundige Seite: das Unbehagen an dieser reinen Welt der Wirtschaft und des Wohlstands. „Ich habe mich da immer wie in einem Ballon gefühlt“, sagt sie über ihr Leben in der Schweiz, in München und zuletzt in Hamburg. Abgehoben eben. Deshalb hat sie in der Schweiz ein Brunnenprojekt für Afrika betreut und in München eine Initiative für drogenabhängige Mütter. „Ich wollte mich mehr im realen Leben bewegen.“

Ihren Wunsch hat sie recht gründlich umgesetzt: Mit ihrem Mann lebt sie nun auf dem Bauernhof in der Wedemark. Um über Zwangsprostitution zu recherchieren, begleitete sie Polizisten in Flatratebordelle, Laufhäuser und auf den Straßenstrich in der Herschelstraße. Die Stiftung gründete sie schließlich von der Abfindung, die sie nach ihrer Stelle als kaufmännische Leiterin bei einem Schienenunternehmen erhalten hatte.

Warum dieser Name: Broken Hearts? Von Dungern erzählt von ihrer ersten, unglücklichen Ehe. Und von dem Zerwürfnis mit Verwandten, nachdem sie Missstände in deren Unternehmen angeprangert hatte. Sie wolle sich nicht anmaßen, die Traumata von Opfern nachempfinden zu können. „Aber ich weiß zumindest, was Enttäuschungen sind.“

Erfolgreich ist sie jedoch auch in ihrem neuen Bereich. Im Herbst erhielt sie den Kommunikationspreis „Kompass“ des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Ein anderer Erfolg war ihr aber wohl wichtiger. Da meldete sich zum Beispiel eine Schulklasse aus Süddeutschland bei ihr, die die Plakate auf dem Kirchentag in Hamburg gesehen hatte. Von Dungern vermittelte den Kontakt zu einer 19-jährigen, hochschwangeren ehemaligen Zwangsprostituierten. Die Schüler organisierten einen Spendenlauf und brachten 3000 Euro zusammen - Geld, das einem Opfer von Menschenhandel ganz konkret hilft.

Die Ausstellung „Menschenhandel und Sklaverei - heute!“ ist vom 21. Februar bis 30. März in der Nord/LB zu sehen. Schulklassen können sich unter (05 11) 3 61 52 73 zu Führungen anmelden.

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