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Auf der Suche nach der typisch deutschen Esskultur

Recherche im Küchenmuseum Hannover Auf der Suche nach der typisch deutschen Esskultur

Die Studentin der Emory University in Atlanta, Claudia Kreklau, will erforschen, wie sich die deutsche Esskultur im 19. Jahrhundert entwickelt hat – und die Quellenlage in den USA ist da eher dürftig. Deshalb recherchiert sie in der Bibliothek des Küchenmuseums in Hannover. Die HAZ hat einen Blick in die alten Kochbücher geworfen. 

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Doktorandin Claudia Kreklau aus den USA erforscht im Küchenmuseum die deutsche Esskultur – mithilfe der deutschlandweit wohl einmaligen Bibliothek des Küchenmuseums.

Quelle: Eberstein

Hannover . Sie hatten es schon lange geahnt. Rund 7000 Kochbücher, darunter auch einige seltene Exemplare aus dem 18. und 19. Jahrhundert, präsentiert auf 22 Regalmetern und jederzeit öffentlich zugänglich – das kann es bundesweit nicht allzu oft geben. Nun haben die Macher des Küchenmuseums World of Kitchen (WOK) den Beweis: Ihre Bibliothek ist tatsächlich etwas ganz Besonderes. Sie ist so einzigartig, dass eine junge Wissenschaftlerin eigens aus den USA angereist ist, um die Bestände zu sichten.

„Ich bin platt, das ist wirklich eine geniale Sammlung“, sagt Claudia Kreklau. Die 28-Jährige, die an der Emory University in Atlanta (Georgia) ihre Doktorarbeit vorbereitet, hat sich eine anspruchsvolle Aufgabe vorgenommen: Sie will erforschen, wie sich die deutsche Esskultur im 19. Jahrhundert entwickelt hat – und die Quellenlage in den USA ist da eher dürftig. „Darum habe ich geschaut, wo ich in Deutschland am besten weiterkomme, und bin dabei schnell auf das WOK gestoßen“, sagt die Doktorandin. Sehr zur Freude von WOK-Chef Carl-Werner Möller und seinem Team.

Im Küchenmuseum World of Kitchen in Hannover kann man sich Kochbücher aus dem 19. Jahrhundert anschauen.

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Claudia Kreklaus Interesse an der deutschen Küche ist auch in ihrer Biografie begründet. Sie ist Deutsche. Geboren in der niedersächsischen Nordheide, zog sie mit ihren Eltern im Alter von neun Jahren nach Madrid, studierte dann in England Geschichte und lebt seit 2013 in den USA.

Für eine Woche war sie im WOK in der Lister Spichernstraße zu Gast – der ersten Station auf ihrer Forschungsreise in die alte Heimat. Etwa 50 Bände aus den historischen Beständen des Museums hat sie gesichtet und mit einer Digitalisierungs-App gescannt, darunter ein Faksimile des „Braunschweigischen Kochbuchs“ von 1789, einen Original-Druck von 1859 mit dem Titel „Die Kochkunst in der Stadt und auf dem Lande“ und eine handschriftliche Rezeptsammlung, die als „Illustriertes Koch-Notizbuch“ um 1850 zusammengetragen wurde. „Wie viele Seiten das am Ende waren, habe ich gar nicht mehr gezählt“, sagt Claudia Kreklau.

7000 Bände rund ums Kochen

Die Kochbuch-Bibliothek des Küchenmuseums World of Kitchen (WOK) ist durch Spenden zusammengetragen worden. Der Großteil der 7000 Bände stammt aus den Fünfziger- bis Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts, auch aktuellere Werke gehören dazu. Etwa 100 Bände datieren um die Jahre zwischen 1900 und 1929, weitere 70 wurden in den Dreißiger- und Vierzigerjahren gedruckt. Ein knappes Dutzend der bibliophilen Schätze sind Faksimiles und Originale aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Das Besondere: Fast alle Bücher können – bei vorsichtiger Handhabung – eingesehen werden, allerdings werden sie nicht ausgeliehen.
Der Großteil der Kochbücher kommt aus Deutschland. Es gibt aber auch Exemplare aus der internationalen Küche. Eine der Perlen ist die „Bibel der Köche“ des französischen Meisterkochs Georges Auguste Escoffier, der „Guide Culinaire“ von 1907. Wer die Bibliothek nutzen möchte, sollte sich unter Telefon 54 30 08 58 ankündigen. Geöffnet ist das Museum in der Spichernstraße 22 dienstags bis sonnabends von 11 bis 19 Uhr. Die Nutzung ist kostenlos, eine Spende aber erbeten.  jk

Zurzeit ist sie damit beschäftigt, möglichst viele Daten zu sammeln. Einen der Schwerpunkte macht dabei das Werk von Henriette Davidis aus. „Das war sozusagen die Beststellerautorin der Kochbücher im 19. Jahrhundert.“ Allein 35 Ausgaben des 1845 erstmals erschienenen und immer wieder aufgelegten Standardwerks mit dem schlichten Titel „Praktisches Kochbuch“ besitzt das WOK.

„Schon um 1900 gab es vegetarische Kochbücher"

Beim Blättern durch die Rezepte zeigt sich, dass Maccaroni offenbar auch schon seinerzeit gern gegessen wurden. „Schon um 1830 wusste jeder, was eine Maccaroni ist“, erklärt Claudia Kreklau. Zumindest in den bürgerlichen Familien, die in den Städten lebten. Die Röhrennudeln wurden aus Italien importiert, von kleineren deutschen Produzenten hergestellt oder zu Hause selbst gemacht. In dem Kochbuch-Klassiker finden sich natürlich jede Menge nahrhafte Fleisch- und Fischgerichte. Und viel Pudding, darunter die berühmte Welfenspeise. Aber auch fleischlose Mahlzeiten wie Kartoffelpfannkuchen und Kastanienauflauf sind vertreten. „Schon um 1900 gab es vegetarische Kochbücher, das ist also keine Erfindung der heutigen Zeit“, weiß die Doktorandin.

Das mag, so meint sie, auch eine Gegenreaktion darauf gewesen sein, dass ab 1860 der Trend zu Fertigprodukten einsetzte. Los ging es mit dem „Liebig Fleisch-Extrakt“, einer hochkonzentrierten Rindfleischpaste, die heute wohl am ehesten mit der gekörnten Fleischbrühe im Glas zu vergleichen ist. Praktischerweise wurde in den Kochbüchern auch gleich für solche Innovationen in der Küche geworben: Im Anhang von zwei Bänden aus den Jahren 1890 und 1911, die Claudia Kreklau im WOK gefunden hat, taucht bereits eine ganze Palette von Suppen- und Bouillonwürfeln aus dem Hause Knorr auf – und die berühmte Maggi-Würze. „Ich möchte auch zeigen, welche Rolle Deutschland bei dieser Form der Modernisierung der Esskultur gespielt hat“, sagt sie. „Man glaubt ja immer, der Trend zum Fertigprodukt kommt aus den USA.“

Eine eigene Kochbuchsammlung hat die Expertin fürs Essen nicht. „Erstens“, sagt sie, „lasse ich mich gern bekochen, und zweitens bin ich so viel auf Reisen, da würde sich die Anschaffung gar nicht lohnen“. Nach dem Aufenthalt im WOK stehen Stationen in mehreren anderen deutschen Städten auf der Liste der jungen Wissenschaftlerin. In Bremen, Berlin, Dortmund, Karlsruhe, Leipzig und Dresden will sie noch in Archiven stöbern. In zwei Jahren muss die Doktorarbeit fertig sein. Und natürlich wird das WOK ein Exemplar für den Bibliotheksbestand bekommen.

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