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Aus der Stadt „Mr. Brutalismus“ nimmt Abschied
Hannover Aus der Stadt „Mr. Brutalismus“ nimmt Abschied
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13:15 19.06.2018
Ein Ihmeplatz-Foto als Dank fürs Engagement: Constantin Alexander (li.) erhält von seinem Nachfolger, dem neuen Vereinsvorsitzenden Detlef Reuke, das Abschiedsgeschenk des Vereins überreicht. Quelle: Meding
Hannover

Er hat nach eigener Schätzung 15.000 Besucher durchs Ihme-Zentrum geführt, vier Jahre als Selbstversuch in der Brutalismus-Burg gelebt und sogar einen Kinofilm darüber gedreht – jetzt verabschiedet sich Constantin Alexander aus seinem selbstgewählten „Experiment Ihme-Zentrum“. „Ich gehe mit einem positiven Gefühl, es wird sich etwas verändern“, sagte er am Mittwochabend bei einer Abschlussveranstaltung in der Räumen der von ihm mitgegründeten Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum.

„Von der Ruine zum Hype“ titelte der Abend, was nicht ganz richtig ist, wie Moderator Jan Sedelies kritisch anmerkte: „An dem ruinösen Zustand der beiden Sockeletagen hat sich eigentlich wenig geändert. Da könnte ruhig mal wer Hand anlegen.“ Tatsächlich hat sich durch das Engagement Alexanders aber, da mochte im Raum niemand widersprechen, das Image der Problemimmobilie ganz unzweifelhaft verbessert. Künstler und Kreative haben das Objekt für sich entdeckt, es gibt Ausstellungen und seit 2016 einen Palettengarten und in diesem Jahr hochgerechnet wahrscheinlich rund 7000 Menschen, die die voraussichtlich 300 Veranstaltungen und Workshops in den Räumen der Zukunftswerkstatt besuchen. „Hätte das vor Beginn der Aktivitäten von Constantin Alexander jemand vorausgesagt, es hätte wohl kaum jemand geglaubt“, sagte Hannovers ehemaliger Wirtschaftsdezernent und Zukunftswerkstatt-Vorstand Hans Mönninghoff.

Eine Ruine, mit Leben gefüllt –die Bildergalerie.

„Was passiert mit dem Ort mit dem schlechtesten Ruf der Stadt, wenn man Impulse setzt“, so beschreibt Alexander die Fragestellung, mit der er 2014 in das Gebäude gezogen ist und anfing, in einem Internetblog über die dort lebenden und arbeitenden Menschen, ihre Ideen und Perspektiven zu berichten. Es habe schnell viel Resonanz gegeben, und er habe gemerkt, dass die Meisten positive Anekdoten über das Gebäude erzählten, sagt er. Es gebe ein starkes Auseinanderdriften zwischen den Vorurteilen draußen und dem Potenzial der Immobilie, vor allem was die Wohnqualität betrifft. Wobei: Die Wohnetagen waren nie ein ernsthaftes Problem im Ihme-Zentrum, es sind einzig die Gewerbeflächen und die schiere Größe. „Die Stadt-in-der Stadt-Idee ist immer noch aktuell“, sagt Alexander. Das Ihme-Zentrum sei eben nur als Spekulationsobjekt gescheitert.

Die Feindbilder sind klar verteilt bei ihm. Investoren sind eigentlich immer schlecht, die Stadtverwaltung war lange zu träge, Aktivisten sind immer gut, Bewohner auch meist. Es sei denn, es sind Eigentümer, die auf die festgeschriebenen Grundregeln des Zusammenlebens im Gebäude pochen. Da spricht er dann von „Menschen, die keine Veränderung wollen“, von Erpressung und Verleumdung und dem Verdacht der Korruption, was er aber sofort wieder relativiert. Alexander polarisiert, auch sein Abschied vom Vorstand des Vereins Zukunftswerkstatt war am Ende von heftigen Konflikten geprägt – davon aber ist an dem Abend keine Rede. Dass er etwas zum Positiven verändert hat steht außer Frage.

Sein Menschenbild, sagt Alexander, habe sich durch das Experiment zum Guten verändert: „Die Menschen haben Lust auf Positives“, statt des Geredes über den Betonklotz und die Ruine hätten sie Interesse an Veränderung. Seine Vision: Die beiden Sockelgeschosse müssten eine Art Sonderwirtschaftszone werden, in der kreative, innovative Projekte wirtschaften könnten. „Wir brauchen Veränderung“, sagt er.

Dass sein Engagement auf Zeit sein würde, hatte Alexander von Anfang an klar gesagt. Inzwischen kann er es auch beruflich nutzen: Als „Nachhaltigkeitsforscher“ lehrt er als Dozent in Lüneburg über Veränderungsprozesse und berichtet weltweit von seinem Experiment Ihme-Zentrum und dem Leben in dem Monument des Brutalismus-Baustils. Dem bleibt er erhalten: Zwar nicht mehr als Vorstandsmitglied des Vereins, wohl aber als Bewohner. „Ich habe“, sagt er, „in Hannover noch nie besser gewohnt als im Ihme-Zentrum.“

Von Conrad von Meding

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