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Logistikunternehmen stoßen an Wachstumsgrenzen

Dachser und EDC Logistikunternehmen stoßen an Wachstumsgrenzen

In der Region Hannover ist keine Branche in den vergangenen Jahren so stark gewachsen wie die Logistik - jetzt stößt sie an Grenzen. Den beiden Firmen Dachser und EDC fehlt es an schnell verfügbaren Grundstücken in Autobahnnähe.

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Eine Halle als Warendrehscheibe: Dachser schlägt in Langenhagen Güter für Industrie und Handel um.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Auf dem Bildschirm am Arbeitsplatz von Disponentin Kira Langer bei der Niederlassung Langenhagen des Logistikkonzerns Dachser erscheint ein Auftrag. Ein Kosmetikhersteller will 13 Europaletten mit Ware abholen lassen, ein Fall für einen Zwölftonner-Lastwagen. Langer kann den Standort jedes einzelnen Fahrzeugs, das für Dachser unterwegs ist, per GPS einsehen. Sie sucht einen geeigneten Lastwagen aus und schickt dem Fahrer eine Anfrage. Dieser quittiert kurze Zeit später, was Langer an einer grünen Markierung erkennen kann.

Für die Spedition Dachser sind jeden Tag 800 Fahrzeuge unterwegs. Wir haben der Spedition einen Besuch abgestattet und hinter die Kulissen geschaut.

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Langers Bildschirm zeigt jede Menge Reihen weiterer Aufträge und steht damit irgendwie bildlich für die Branche, die in der Region Hannover in den vergangenen Jahren im Vergleich das größte Wachstum hingelegt hat. Man kannte sie früher unter dem Begriff Spediteursgewerbe, aber der langt nicht mehr. Heute spricht man von Logistik. Es geht nicht mehr nur darum, Dinge von einem Ort zum anderen zu bringen. Logistik meint ausgeklügelte, oft automatisierte, zeitgenaue Warenlager- und -verteilsysteme in einer globalisierten Wirtschaft.

Michael Krantz, bei der Wirtschaftsförderung der Region Hannover zuständig für die Logistikbranche, kann den Boom mit Zahlen unterfüttern. 80 Unternehmen haben sich seit 2003 in der zentral und verkehrsgünstigen Region neu angesiedelt oder ihre Standorte erweitert. Dabei sind Investitionen von 1,3 Milliarden Euro geflossen und 7800 neue Arbeitsplätze entstanden. Insgesamt bringt es der Wirtschaftszweig auf mehr als 80 000 Beschäftigte in Hannover und dem Umland. „Die Region ist nach Hamburg der wichtigste Logistikstandort im Norden und als Drehscheibe für Warenströme von europaweiter Bedeutung“, sagt Krantz. Die Lage als Autobahnknotenpunkt bringt auch Vorteile.

Dachser-Niederlassungsleiter Michael Zdravkovic hat die Entwicklung miterlebt. Dachser ist im Jahr 2000 als einer der ersten ins Gewerbegebiet zwischen Autobahn und Flughafen gezogen und hat acht Jahre später noch einmal erweitert. „Am Anfang konnte ich von hier bis Garbsen gucken. Jetzt sind wir umstellt“, sagt er. Gegenüber wirbeln gerade Fahrzeuge Staub auf, die auf den Baustellen für die Branchengrößen DB Schenker und DHL unterwegs sind. Wenn die ihre Hallen in Betrieb nehmen, ist der sogenannte Airport Business Park an der Münchener Straße so gut wie dicht.

Allein für Dachser sind jeden Tag 800 Fahrzeuge unterwegs. Der Konzern hat eine Abteilung für Nahrungsmittel (modern heißt es Food Logistics), für die ersten Fahrzeuge nachts um 3 Uhr vom Hof rollen. Außerdem gibt es die Abteilung für Industriegut, die unter anderem Bau- und Elektromärkte mit Waren versorgt. „Wir liefern jedes Format und jedes Gewicht“, sagt Verkaufsleiter Jochen Bitzer. Das klingt banal, hat aber in dem auf die Abmessungen von Europaletten fixierten Gewerbe eine Folge: „In unserem Lagerbetrieb kann man nichts automatisieren.“ Deshalb sind in der Dachser-Halle noch Männer wie Kirill Beller unterwegs, der seinen Hubwagen mit beachtlicher Geschwindigkeit durch das Lager steuert und die Waren an die Ladeluken für die Lastwagen bringt.

Das sieht bei EDC, ebenfalls in Langenhagen an der Autobahn 2 gelegen, etwas anders aus. Das Unternehmen, bekannt als Hersteller von Ton- und Datenträgern, muss sich wandeln. „Es wird immer CDs und DVDs geben, aber bald nur noch in einer Größenordnung, wie es jetzt bei Schallplatten der Fall ist“, prognostiziert Heinz-Peter Engelskirchen, einer von drei geschäftsführenden Gesellschaftern. Diese durch das Internet befeuerte Entwicklung hat nicht erst gestern eingesetzt, und EDC reagierte entsprechend. „Logistik war schon immer Bestandteil unseres Geschäfts, weil wir unsere Produkte verteilt haben“, sagt Engelskirchen.

Insgesamt 700 Mitarbeiter arbeiten bei der Firma EDC in Langenhagen und der Betrieb will sich am Standort weiter vergrößern.

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So fiel die Entscheidung, in diesem Bereich zu investieren und den Kundenkreis auszubauen. „Wir haben heute ein vollautomatisches, intelligentes Lager und Dispositionssystem“, sagt Verkaufsleiter Martin Joswig. Zu den Kunden zählen Elektromärkte, Pharmaunternehmen oder Automobilzulieferer. Laut Engelskirchen macht die Logistik mittlerweile 40 Prozent des Gesamtumsatzes von mehr als 100 Millionen Euro aus. Trotz des hohen Automatisierungsgrades sind 300 der rund 700 Mitarbeiter in diesem Unternehmensbereich tätig.

EDC wächst weiter und will am Standort großflächig erweitern. Das Baurecht lässt das zur Zeit nicht zu. Dachser am Flughafen kommt aktuell mit dem Platz aus, aber wenn er irgendwann nicht mehr reichen sollte, wären auch dort die Möglichkeiten erschöpft. Schon heute, sagt Prokurist Jörg Brinkmann, ist zu Stoßzeiten die Münchener Straße verstopft; der Verkehr kann nur schwer abfließen: „Sie müsste eigentlich ausgebaut werden.“

Zumindest die Flächenproblematik ist bei der Region längst Thema. Aktuell fehlt es an schnell verfügbaren Grundstücken in Autobahnnähe, weshalb etwa südlich von Wunstorf, bei Barsinghausen-Groß Munzel und in Laatzen-Rethen neue ausgewiesen werden. Das ist auch nötig, wenn die Wachstumsbranche Logistik nicht an ihre Grenzen stoßen soll - ausgerechnet aus logistischen Gründen.

Mitarbeiter dringend gesucht

„Wenn in Fernsehkrimis ein Schauplatz für ein Verbrechen gesucht wird, nimmt man häufig irgendeine Hinterhofspedition“, sagt Michael Zdravkovic, Niederlassungsleiter von Dachser in Langenhagen. Die Logistikbranche versucht, dieses Image zu korrigieren – unter anderem deshalb, weil sie den Fachkräftemangel schon zu spüren bekommt und für den Nachwuchs attraktiver werden muss. In den Monatsberichten der Agentur für Arbeit in Hannover taucht sie in den Rubriken offene Stellen und Ausbildungsplatzangebot regelmäßig weit vorne auf, gesucht werden sowohl Fahrer als auch Lagerlogistiker.
Die Zeiten, als sich viele Aushilfskräfte in den Hallen tummelten, sind längst vorbei. Das liegt an den Anforderungen. „Unsere Beschäftigten müssen technisch versiert sein, Warenkunde beherrschen und sich mit EDV-Anwendungen auskennen“, nennt Verkaufsleiter Jochen Bitzer Beispiele.
Auf Initiative der Region ist ein runder Tisch gegründet worden, der nach Möglichkeiten sucht, die Personalsituation zu verbessern. Es gibt Werbeaktionen, Unternehmenspräsentationen, spezielle Informationsveranstaltungen und einiges mehr. Eines allerdings macht den Logistikern latent zu schaffen: „Wir sind keine Billigheimer, können aber nicht die Gehälter zahlen, die die Industrie bietet. Das gibt der Markt nicht her“, sagt Jochen Bitzer.   se

Dachser: Eine Familie mit 25.0000 Mitarbeitern

Der Allgäuer Thomas Dachser gründete 1930 in Kempten ein Fuhrunternehmen als Ein-Mann-Betrieb. Zum Vergleich die Unternehmenskennzahlen aus dem Jahr 2014: Dachser ist ein weltweit operierender Konzern, der Industrie- und Konsumgüter umschlägt und per Lastwagen, Flugzeug und Schiff transportieren lässt. Im Lastwagenverkehr kommen Nahrungsmittel hinzu. Der Konzern beschäftigt insgesamt knapp 25 000 Mitarbeiter an 437 Standorten in allen fünf Erdteilen. 40 davon sind Niederlassungen; zu diesen zählt auch diejenige am Flughafen in Langenhagen. Trotz der Entwicklung ist Dachser immer ein Familienunternehmen geblieben, wofür Thomas Dachser vor seinem Tod im Jahr 1979 in einer Charta Sorge getragen hat. Seiner Verfügung gemäß dürfen keine Gesellschafteranteile außerhalb der Familie veräußert werden. In der Geschäftsführung sitzt immer nur höchstens ein Familienmitglied. Und schließlich bleiben mindestens 90 Prozent der Gewinne im Unternehmen.

EDC: Von der Schellackplatte zur Logistik

Es gibt kaum ein Unternehmen in der Region, dass eine derart wechselvolle Geschichte hatte wie die heutige EDC. Gegründet als Deutsche Grammophon von Emil Berliner 1898 in Hannover, hat das Unternehmen fast alle Trends in der Musikspeichertechnik gesetzt – erste Schellackplatte 1898, erste Langspielplatte aus Kunststoff 1951, erste Serienfertigung von Musikkassetten 1965, erste Massenproduktion von CDs 1982. Zu diesem Zeitpunkt gehörte das Unternehmen bereits zu Polygram. Der Konzern wurde 1999 wiederum von Universal geschluckt. Sechs Jahre später entließ der Musikkonzern die Langenhagener unter dem Namen Entertainment Distribution Company (EDC) in die Selbstständigkeit. Der Betrieb, inzwischen börsennotiert, wurde zwischenzeitlich vom berüchtitgten Hedgefondsmanager Robert Chapman dominiert,  der zur Erleichterung der Belegschaft aber nach einem halben Jahr wieder ausstieg. 2011 übernahm das Management die Firma – seitdem herrscht Ruhe.

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