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Darf man auf dem Mahnmal Bier trinken?

Richtiges Verhalten Darf man auf dem Mahnmal Bier trinken?

Das Mahnmal am Opernplatz für die von den Nazis ermordeten Juden ist ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche. Viele sitzen dort, einige trinken Bier und essen Pizza. Ist das in Ordnung? Wo liegt die Grenze zwischen richtigem und falschem Verhalten mit dem Gedenken?

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Auf ein Bier am Mahnmal: In den Abendstunden lassen manche Hannoveraner ihren Tag an der Gedenkstätte ausklingen.

Hannover. Ernst-August Haller gefällt nicht, was er beim Bummeln über den Opernplatz sieht: Zwei Frauen sitzen auf den untersten Stufen des Mahnmals und stoßen mit Bierflaschen an. Ein paar Zigaretten später ziehen sie weiter - und lassen die leeren Flaschen dort zurück, wo seit 1994 an die von den Nazis ermordeten Juden erinnert wird. „Ich finde, man sollte dem Objekt mit einem gewissen Respekt begegnen“, sagt der 67-jährige Haller. Und er ist nicht der einzige, der Probleme damit hat, dass die Gedenkstätte für viele Jugendliche kein Ort der Erinnerung ist, sondern ein ganz normaler Treffpunkt.

Wenn jemand sich auf die Stufen setze, sei das in Ordnung, meint Passant Haller. Dort Bier zu trinken, Pizza zu essen oder herumzutollen, das sei aber zu viel. „Aber ich bin da auch konservativ“, sagt er. Mit seinen Kindern hat er in den Achtzigerjahren das Konzentrationslager in Auschwitz besucht. Sie sollten verstehen, welches Leid die Nazis den Juden zugefügt haben. Daher habe auch das hannoversche Mahnmal eine hohe Bedeutung für ihn, wie auch für die ganze Stadt, sagt er, während er auf die steinerne Pyramide schaut. „Mich berührt das.“

Das Mahnmal ist von seinem Schöpfer allerdings extra als Treffpunkt konzipiert worden: Michelangelo Pistoletti hat dort eine Stele geschaffen, auf der sich Menschen gegenübersitzen und ins Gespräch kommen können. Seit die Gedenkstätte 1994 am Opernplatz errichtet worden ist, gibt es deshalb Diskussionen darüber, was ein würdiger Umgang mit dem Monument ist. Auch unter den Jugendlichen: „Als wir das erste mal hier waren, wussten wir noch nicht, dass man darauf gehen soll“, sagt der 18-jährige Ole. Er sitzt mit seinem Kumpel Justin auf den steinernen Stufen. Damals habe er beobachtet, wie kleine Kinder auf den Namenstafeln herumgetobt seien, auf denen die von den Nazis getöteten Juden aus Hannover verewigt sind. „Da haben wir uns schon ein bisschen gewundert“, sagt Ole. Dem 17-jährige Justin sind vor allem die schwarz gekleideten Gruppen aufgefallen, die überwiegend auf dem Rasen am Opernplatz sitzen - manchmal aber auch auf dem Mahnmal. „Mich stört, dass die immer so laut Musik hören und ihren Müll liegenlassen“, sagt Justin. Essen würde er auf dem Monument jedenfalls nicht. „Ich würde mich eher auf einen Stein weiter abseits setzen.“

Bei der Jüdischen Gemeinde Hannover sieht man das recht entspannt. „Es gibt keinen richtigen oder falschen Umgang mit Mahnmalen“, sagt der Vorsitzende Michael Fürst. Man müsse nicht in „Ehrfurcht erstarren“ - und auch Essen oder Biertrinken sei kein Problem, solange nichts auf das Monument geschüttet werde. Aber wo liegt die Grenze zwischen richtigem und falschem Verhalten? Ist es in Ordnung, sich auf die in Stein gemeißelten Namen ermordeter Juden zu setzen? Darf man an einem Ort, der an die Grausamkeit des Nationalsozialismus erinnert, essen? Und dürfen dort Kinder spielen? „Die Grenze liegt da, wo das Verhalten unanständig wird“, mein Fürst.

Das Kinder und Jugendliche auf der Plastik herumklettern, findet Ingrid Wettberg, Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde, nicht gut. „Aber das kann man auch nicht ganz verhindern“, sagt sie. „Man kann ja keine Wache davorstellen.“ Die Informationstafel, die seit etwa drei Jahren über Geschichte und Konzept des Mahnmals aufklärt, habe schon viel bewirkt: Viele Leute wüssten sonst schließlich nicht, dass es ein sensibler Ort sei. Auch die Verschmutzung sei inzwischen deutlich weniger geworden, meint Wettberg. 2016, so erklärt die Stadt, seien fünfmal Schmierereien und andere Verunreinigungen am Mahnmal entfernt worden: Angesicht der Lage und der Anzahl der Besucher sei das ein geringer Wert, betont die Stadtverwaltung.

Die Polizei hat den Bereich um den Opernplatz insbesondere am Wochenende im Blick. Sonnabends versammelt sich dort zu später Stunde die Emo-Szene, auch Gothik-Fans und Punks kämen dort zusammen, berichtet Polizeisprecher André Puiu. Regelmäßig kontrollierten die Beamten deshalb, ob dort Minderjährige Alkohol tränken. „Es ist aber nicht so, dass dort ein Kriminalitätsschwerpunkt ist“, sagt Puiu. Einsätze wie Anfang Juli, als am Opernplatz ein 20-Jähriger vorläufig festgenommen wurde, der dort bei einem Notarzteinsatz randaliert hatte, seien die Ausnahme.

Für manche ist das Mahnmal auch ein willkommener Ort, um mit platten Phrasen zu provozieren. „Warum muss ich noch immer für Hitlers Verbrechen bezahlen?“, sagt etwa ein 16-Jähriger mit Irokesen-Haarschnitt, der auf einer Rasenfläche an der Oper sitzt. Nein, er sei kein Nazi, sondern Punk, schiebt er schnell hinterher. Was genau er bezahlen muss, sagt er nicht. Das Mahnmal schweigt - und lässt die Namen der Opfer sprechen. Wenig später kommt ein Pfandsammler vorbei und nimmt die Flaschen der beiden Frauen mit. Manche Dinge regeln sich an einem so prominenten Ort eben von selbst.

Nachgefragt bei Michael Krebs

„Man muss nicht vor Schreck erstarren“

 Herr Krebs, Sie gehörten damals mit der Moderatorin Lea Rosh und anderen zum engen Kreis der Initiatoren des Mahnmals. Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute die Gedenkstätte am Opernplatz sehen?

Gut. Das Heute hat schließlich ein Gestern. Das Mahnmal ist ein öffentliches Objekt, das der Willkür einer Nutzung ausgesetzt ist – und das war uns damals sehr wohl bewusst. Es ist gut, wenn Menschen dieses Objekt in ihren Alltag integrieren.

Wo liegen die Grenzen der Nutzung?

Alles, was Zerstörung ist, mutwillige Schändung, Beschmieren, das geht gar nicht. Es kann zwar niemand die Geschichte ändern durch Schändung eines Mahnmals, aber die Gesellschaft muss so etwas auch nicht hinnehmen – ich glaube, das ist Konsens. Das heißt jedoch nicht, dass Menschen nicht auf dem Mahnmal sitzen dürfen, ein Bier trinken, lachen. Das Lachen gehört zum Leben dazu. Wenn es das Grauen vor 75 Jahren nicht gegeben hätte, vielleicht würden die Menschen, deren Namen auf dem Mahnmal eingraviert sind, und ihre Enkel und Urenkel heute auch auf einem Mahnmal sitzen und das Leben genießen. Und dort lachen.

Die Stadt hat ja nun eine Erklärtafel installiert ...

Das finde ich gut. Wenn sich Menschen für das Mahnmal interessieren, dann können sie sich auf der Tafel kundig machen. Aber bitte verstehen Sie das richtig: Ich finde nicht, dass alle immer vor Schreck erstarren müssen, wenn sie das Mahnmal sehen. Das Mahnmal ist ein Angebot, sich zu erinnern, aber es ist auch ohne die Erinnerung als Objekt in der Stadt nutzbar.

Es hat damals, als das Mahnmal gebaut wurde, viele Debatten gegeben. Würden Sie heute etwas anders machen?

Ach wissen Sie, ich bin jetzt 70 Jahre alt. Ich würde die ganzen Diskussionen heute weniger emotional führen. Sie waren zuweilen fast weinerlich. Aber was zählt, ist das Ergebnis: Gut, dass wir das Mahnmal haben.

Interview: Conrad von Meding

Was meinen Sie?

Soll das Mahnmal auf dem Opernplatz für Jugendliche tabu sein, die dort Bier trinken und Pizza essen?

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