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Warum ist Mühlenberg die Hochburg der AfD?

Spurensuche Warum ist Mühlenberg die Hochburg der AfD?

In Mühlenberg hat die AfD 22,2 Prozent der Stimmen bei den Kommunalwahlen gewonnen. Es ist ihre Hochburg – dabei leben dort besonders viele Migranten. Wer sich vor Ort umhört, bekommt ein Gefühl dafür, wer die Rechtspopulisten dort gewählt hat.  Eine Spurensuche.

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Dreck vor den Häusern, niemand der sich kümmert und fehlende Ordnung und Disziplin – das hört man, wenn man in Mühlenberg nach den Gründen für die vielen AfD-Stimmen fragt.

Quelle: Janke (Archiv)

Hannover. Elena Jarmolinski hört gar nicht auf zu schimpfen. Von ausländischen Jugendlichen erzählt sie, die nachts auf dem Mühlenberger Markt feiern, sodass sie nicht einschlafen kann. Dabei müsse sie schon morgens um 5 Uhr aufstehen. Von vermeintlichen Flüchtlingen erzählt sie, die angeblich schon mittags in den Cafés herumlungern, während die 44-Jährige sich zwischen zwei Pflegejobs, einer Vollzeit- und einer zusätzlichen Halbzeitstelle, aufreibe, um über die Runden zu kommen. Dass früher auf dem Mühlenberger Markt alles sauber und ruhig gewesen sei, sagt sie. Seit einem halben Jahr aber sei jeden Morgen vor ihrer Haustür alles mit Dreck und Flaschen übersät - und zu allem Überdruss fordere ihr Vermieter jetzt von ihr und den anderen Hausbewohnern, sie sollten den „Restmüll“ entfernen.

Man würde eine solch harsche Kritik an den Migranten im Stadtteil eher von einer rechtskonservativen Deutschen erwarten. Sätze wie: „Früher war Deutschland ein schönes Land. Das ist vorbei“ und die damit verbundene Sympathie für die Alternative für Deutschland (AfD). Das Erstaunliche aber ist: Jarmolinski ist selbst Russin. Doch das ist kein Grund für sie, der AfD nicht das Wort zu reden. Die spreche wenigstens aus, was los sei. „Wer hierher kommt, muss die Regeln akzeptieren. Das tun die, die jetzt hierher kommen, nicht“, sagt sie bestimmt. „Und ich bin Ausländerin. Ich weiß gar nicht, wie die echten Deutschen das aushalten.“

Ausländer wollen nicht, dass noch andere Ausländer da sind

Hannover, Mühlenberg, Tag eins nach der Kommunalwahl. In keinem anderen Stadtteil von Hannover ist der Anteil der Migranten so hoch. Bei 62,5 Prozent lag er nach Angaben von Statistikern Mitte 2016. Zum Vergleich: In Waldheim lag die Quote bei lediglich 7,1 Prozent. Ausgerechnet in Mühlenberg, dem Stadtteil mit den meisten Ausländern also, sammelte die Partei, die Fußballnationalspieler Jerôme Boateng unlängst zu einem unerwünschten Nachbarn erklärte, besonders viele Stimmen. Bei den Stadtbezirksratswahlen holte sie 22,2 Prozent, nur 1,2 Prozent weniger als die CDU. Noch erstaunlicher ist: Wer an diesem Tag auf dem Mühlenberger Markt nach Gründen dafür sucht, warum die AfD so viele Sympathien hat, hört Lob dafür vor allem von Migranten.

„Die Ausländer wollen eigentlich eben auch nicht, dass noch andere Ausländer da sind“, sagt eine 32-jährige Türkin achselzuckend. Türken und Bulgaren beispielsweise verstünden sich nicht. „Deutschland braucht Disziplin, Ordnung. Die Leute, die jetzt kommen, haben das nicht“, sagt eine 52-jährige Russlanddeutsche. Mit „die Leute“ sind die Flüchtlinge gemeint. Ausgerechnet in Mühlenberg gibt es allerdings gar kein Flüchtlingswohnheim, also auch kaum Flüchtlinge. Aber das stört den Eindruck offenbar nicht.

Neiddebatte als Ursache für AfD-Zuspruch

Er habe damit gerechnet, dass die AfD in Ricklingen stärker werde, sagt Bezirksbürgermeister Andreas Markurth. Dort habe es Protest gegen ein geplantes Flüchtlingswohnheim gegeben. Der Stimmenanteil der AfD sei dort aber gar nicht so hoch. Eine Neiddebatte hat Markuth unter anderem als Ursache für den Zuspruch für die AfD ausgemacht. Migranten, die schon länger da seien, fürchteten, dass sie wegen der Flüchtlinge benachteiligt würden.

Und so bleibt es an diesem Mittag einer deutschen Rentnerin vorbehalten, eine Lanze für „die Ausländer“ zu brechen, einer Mühlenbergerin zumal, die seit 1974 hier lebt. Mühlenberg sei eben international, zumal mittwochs, wenn Markt sei, sagt die 74-jährige Ingrid Hartmann. Sie sei „total überrascht“, dass die AfD in ihrem Stadtteil so stark sei: „Meine große Angst ist jetzt, dass diese Partei irgendwann alles überrollt.“

Nachgefragt bei Jörn König, AfD-Chef Hannover

„Patriotische Hannoveraner“

 Herr König, rund 10 Prozent für die AfD in der Regionsversammlung, etwa 9 Prozent im Rat. Was können die Bürger jetzt von der AfD erwarten?

Wir werden erst einmal viel über die Abläufe in den politischen Gremien lernen. Ich hoffe, dass wir relativ schnell lernen. Dann werden wir im Rat und in der Regionsversammlung Vorschläge zu unterschiedlichen Themen machen. Dabei werden wir uns auch durch mögliche Anfechtungen anderer Fraktionen nicht entmutigen lassen. Wir verstehen uns als patriotische Hannoveraner, die für die Landeshauptstadt und das Umland das Beste wollen.

Bisher ist die AfD vor allem durch ihre Positionen in der Außen- und Innenpolitik aufgefallen. Auf welche Themen setzen Sie in Hannover?

Wir haben zu Kommunalwahl ein 83-seitiges Wahlprogramm vorgelegt. Sehr wichtig ist für uns, Familien mit Kindern zu entlasten. Dazu gehören die Abschaffung der Kita-Gebühren, die Lernmittelfreiheit und freie Fahrt in Bussen und Bahnen für Familien. Außerdem wenden wir uns strikt gegen die Verteufelung des Autoverkehrs. Die Leute sollen selbst entscheiden, mit welchen Verkehrsmittel sie unterwegs sein wollen. Das gilt erst recht hier im VW-Land Niedersachsen.

Wird sich mit ihrem Einzug die Atmosphäre in den Kommunalparlamenten verändern?

Wir stehen für eine ruhige, sachorientierte Arbeit. Allerdings finde ich die Polemik gegen die AfD irritierend.

Wird die AfD mit anderen Fraktionen zusammenarbeiten?

Wie jetzt zu hören ist, wollen die anderen gar nicht mit uns zusammenarbeiten. Wenn jemand gute Vorschläge macht, haben wir aber kein Problem, zuzustimmen.

Und mit den Hannoveranern?

Da machen wir keine Unterschiede zu den anderen Fraktionen.

Der AfD-Landesverband prüft, gegen den Ausgang der Kommunalwahl in einzelnen Städten zu klagen. War der Wahlkampf in Hannover aus Ihrer Sicht fair?

In Hannover wurde im Dezember ein AfD-Infostand angegriffen. Seitdem hat uns die Polizei gut beschützt, wir konnten relativ ungestört Wahlkampf machen. Und wir haben auch eine erfolgreiche Abschlusskundgebung am Sonnabend veranstaltet. Allerdings haben wir ein Raumproblem: Andere Parteien setzen Wirte unter Druck, wenn diese an uns einen Saal vermieten wollen. Das geht gar nicht.

Interview: Mathias Klein

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