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Aus der Stadt Mit dem iPad wird Latein wieder spannend
Hannover Aus der Stadt Mit dem iPad wird Latein wieder spannend
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00:18 14.10.2017
Von Saskia Döhner
Was zeigt die Münze? Luis und Benjamin versuchen, mithilfe eines iPads die Aufgabe von Lehrerin Dagmar Fenge zu lösen.Fotos: Heidrich Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

Ehe es für die Schüler ans Übersetzen geht, greift Dagmar Fenge in die iCloud. Die Lateinlehrerin schickt ihren Schülern aus der digitalen Materialsammlung per E-Mail das Bild einer antiken Münze. Sekunden später beugen sich die Siebtklässler der Helene-Lange-Schule über ihre iPads, um sich Motiv und Inschrift anzuschauen. Neben dem Tablet kommt im Lateinunterricht auch eine interaktive Tafel zum Einsatz - schließlich soll die iPad-Klasse in einem Pilotversuch der Stadt Hannover digitales Lernen erproben. Neben der Helene-Lange-Schule sind fünf weitere Schulen beteiligt.

Der 13-jährige Pablo zoomt die Münze auf seinem Bildschirm größer. Dargestellt sind drei Kämpfer, die zwei anderen an einer Brücke gegenüberstehen. Die Brücke ist beschädigt, ein Mann schwimmt im Wasser. „Was fällt euch zu der Münze ein?“, fragt Pädagogin Fenge ihre Klasse. Die Schüler wissen nur, dass es um eine Kampfszene zwischen Römern und Etruskern an der Brücke Pons Sublicius geht. Das war damals die einzige Stelle Roms, die nicht durch Stadtmauern gesichert war.

Latein-Unterricht muss nicht antiquiert sein. Wie der auch mit iPads funktioniert, zeigt die Helene-Lange-Schule.

Die Kinder spekulieren. Ein Junge meint, dass der Mann im Wasser ein Etrusker ist, der auf die andere Seite schwimmt. „Nein, das ist ein Römer, der flieht“, meint eine Mitschülerin. „Oder der opfert sich?“, wirft ein anderer Klassenkamerad ein. Fenge notiert alle Vermutungen am Whiteboard.

Antike Sprachen und moderne Medien - passt das? „Na klar“, sagt die 48-jährige Fenge. „Man sollte sie einsetzen, wo es sinnvoll ist, nicht einfach nur, weil es schick ist.“ Anfangs sei sie etwas skeptisch gewesen. „Aber jetzt bin ich ganz begeistert.“

„Cocles“ steht auf der Münze. „So heißt ein Strand in Costa Rica“, sagt ein Junge, „das habe ich gerade gegoogelt.“ Aber gemeint ist nicht das Surferparadies in Mittelamerika, sondern der römische Volksheld Horatius Cocles, der im Jahr 507 vor Christus die Stadt gegen die Etrusker verteidigte. Fenge verteilt jetzt die Blätter mit dem lateinischen Text. Vor dem Übersetzen sollen die Kinder den Text erschließen, wichtige Namen am Whiteboard markieren, Begriffe, die zu einem Wortfeld gehören, unterstreichen. Die Lehrerin hört nur zu, wertet nicht, lässt die Kinder reden: „Nehmt aufeinander Bezug, fragt das intelligente Kollektiv“, ermuntert sie die Schüler lächelnd. Mit dem „intelligenten Kollektiv“ meint sie die Klassengemeinschaft.

Latein hilft bei Fremdsprachen

Dann wird übersetzt. Satz für Satz. Wer eine Vokabel nicht weiß, fragt die Mitschüler. „Dann ruft Horatius durch Zorn“, übersetzt ein Junge wörtlich. „Würdest du das im Deutschen sagen?“, fragt Fenge. „Nein“, antwortet der Siebtklässler. Am Ende einigt man sich auf „im Zorn“.

Von den rund 142 000 Gymnasiasten in Niedersachsen, die die Jahrgänge fünf bis zehn besuchen, haben 39 200 Latein als zweite oder dritte Fremdsprache gewählt. Das sind 35,4 Prozent. Damit ist Latein nach Englisch und Französisch (rund 50 000 Schüler, 45,3 Prozent) die drittbeliebteste Fremdsprache - noch vor Spanisch, was rund 23 400 Kinder (21,2 Prozent) lernen.

Die zwölfjährige Sinem hat sich für die Sprache entschieden, weil sie Ärztin werden will: „Dafür brauche ich Latein, außerdem interessiert mich die Sprache auch wirklich“, sagt die stille Schülerin. Jonah, der sich bei jeder Frage meldet, sagt: „Ich finde Latein gut.“ Dass es nicht mehr gesprochen wird, außer vielleicht im Vatikan, stört den 13-Jährigen nicht. „Es ist auch gut für andere Sprachen, man kann viel ableiten.“ Das hat auch Julia überzeugt: „Ich habe gehört, dass man damit leichter Spanisch lernt“, sagt die Zwölfjährige. „Und die Römer und ihre Kultur finde ich auch spannend.“

Für Lehrerin Dagmar Fenge ist es wichtig, dass die Schüler mehr als Vokabeln und Grammatikregeln lernen: Es geht um Sprachreflexion. Die Schüler sollen überlegen, was der Autor mit seinen Worten sagen wollte. „Sie lernen, genau hinzugucken und sich mit Ausdrucksmöglichkeiten auseinanderzusetzen.“ Es geht auch um die Reflexion der Kultur. Was war im alten Rom wichtig? Welche Tugenden zählen heute? Opfert man sich heute noch für die Gemeinschaft? Ist der Einzelne wichtiger oder das große Ganze?

„Der Lateinunterricht ist keine Grammatikbaustelle“, sagt Fenge überzeugt, „mir geht es um die Inhalte.“ Fenge lehrt nicht nur Latein an der Helene-Lange-Schule, sie bildet auch Referendare in Pädagogik weiter.

Mehr Raum für Sprachen

Latein ist im Aufwind, davon ist Stefan Gieseke, Vorsitzender des Altphilologenverbandes und Lehrer am Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium, überzeugt. Durch die Umstellung auf das Abitur nach 13 Jahren an den Gymnasien gebe es wieder mehr Raum für Alte Sprachen. „Man kann ein Jahr länger Originaltexte lesen“, schwärmt Fenge. Kinder, die gern strukturiert arbeiteten und vielleicht Scheu hätten, sich mündlich in einer fremden Sprachen auszudrücken, wählten Latein.

Antike Mythen, aber auch bei Jugendlichen beliebte Science-Fiction- und Fantasy-Bücher führten zum Latein, berichtet Fenge. Die einen wollten wissen, was Harry Potters Zaubersprüche bedeuteten. Die anderen kämen über die „Percy Jackson“-Reihe, die das New York von heute mit der griechischen Götterwelt verbindet. Der Titelheld ist in Wirklichkeit Poseidons Sohn. Auch im Zeitalter des Internets sei die Antike noch faszinierend, meint Fenge.

Mit ihrer Klasse hat sie eben noch über römische Werte geredet. Zu Hause sollen die Kinder aufschreiben, welche Werte ihnen wichtig sind. Den AcI (Akkusativ mit Infinitiv), den man an diesem Textbeispiel auch hätte beibringen können, verschiebt Fenge auf die nächste Stunde.

Nachgefragt bei...

Stefan Gieseke, Vorsitzender des Altphilologenverbandes und Lehrer am KWR

Herr Gieseke, warum sollte man im Jahr 2017 überhaupt noch eine antike Sprache lernen? Schrecken Grammatikpauken und Vokabeltests nicht eher ab?
Die Frage unterstellt, dass Latein nur aus Grammatik- und Vokabellernen bestünde. Das ist ein altes Vorurteil, das leider nicht aus den Köpfen herauszubekommen ist. Latein ist eine Sprache, und um eine Sprache zu beherrschen, sind Sprachregeln und Vokabelkenntnisse nötig. Wie in jeder Sprache. Man muss sich das aneignen. Zweck ist es, in der Sprache zu kommunizieren. In Latein ist diese Kommunikation allerdings eine besondere: Die Schüler kommunizieren mit der Antike, entdecken die Wurzeln unserer Kultur.

Für welche Kinder ist Latein besonders geeignet?
Für Kinder, die sich für Geschichte interessieren, Kinder, die sich vielleicht nicht trauen, eine Sprache zu sprechen. Und für Eltern, die für ihre Kinder eine fundierte Allgemeinbildung anstreben, Eltern, die feststellen, dass ihren Kindern die sprachbildende Wirkung von Latein auch für die deutsche Sprachfähigkeit hilfreich sein kann.

Also für Schüler mit ausländischen Wurzeln?
Nein, das beschränkt sich nicht nur auf Kinder mit Migrationshintergrund, sondern auch Kinder mit Deutsch als Muttersprache profitieren davon, dass Latein – als einziges Unterrichtsfach – Grammatik modellhaft veranschaulicht. Die Regelhaftigkeit der lateinischen Sprache gleicht einem Strategiespiel. Und nebenbei schult es die Sprachkompetenz im Deutschen.

Ist Latein durch die Rückkehr zu G 9, also dem Abitur nach 13 Jahren, im Aufwind?
Das scheint so, aktuelle Zahlen vom Land, die das belegen könnten, haben wir noch nicht, aber an einigen Schulen gibt es nach den Sommerferien eine Lateinklasse mehr. An nahezu jedem Gymnasium und an immer mehr Gesamtschulen wird Latein unterrichtet.

Wie muss moderner Lateinunterricht sein?
Die aktuellen Lehrbücher leisten dazu einen großen Beitrag, indem sie die Themen altersgerecht präsentieren und die Sprachvermittlung sinnvoll reduzieren. Moderne Präsentationstechniken helfen uns auch dabei, das Leben der Römer zu veranschaulichen.

Gibt es genügend Nachwuchslehrer?
Aktuell gibt es wieder deutlich mehr Bewerber als zu besetzende Stellen. Wenn Schüler einen guten Lateinunterricht erlebt haben, dann beginnen sie ein Latein­studium, das sie dann häufig ins Lehramt führt. Mich als Lehrer freut das. Im Rückblick hat aus jedem Oberstufenkurs, den ich unterrichtet habe, mindestens eine Schülerin oder ein Schüler danach begonnen, Latein oder Griechisch zu studieren. Der Kontakt hält bei allen noch immer.    

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