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Darum sind halbleere Alkoholflaschen ein Problem

Congnac-Tasting Darum sind halbleere Alkoholflaschen ein Problem

Jürgen Deibel hat das teuerste Cognac-Tasting in Europa veranstaltet. Die neun Flaschen haben 20.000 Euro gekostet und waren am Ende ausgetrunken. Was macht aber nun einen guten Cognac für Normalverbraucher aus? Und worauf muss man noch bei hochwertigeren Spirituosen achten?

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Kennt sich mit teuren Spirituosen aus: Jürgen Deibel.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. Sie haben gerade in Wien ein Cognac-und-Brandy-Tasting veranstaltet. Stimmt es, dass es die bisher teuerste Probierrunde in Europa war?

Ich habe jedenfalls keine Informationen darüber, dass es jemals ein Tasting gegeben hat, auf dem mehr von diesen teuren Cognacs verkostet worden sind. Wir hatten insgesamt neun Produkte zur Degustation, sechs Cognacs und drei Brandys. Wenn man nur die Einkaufspreise zugrunde legt, waren wir bei 16.000 Euro, nimmt man die Endverbraucherpreise sind wir weit jenseits der 20.000 Euro.

Sie veranstalten oft solche Spirituosentastings. Haben Sie so etwas in dieser Größenordnung schon einmal gemacht?

In Europa jedenfalls nicht.

Aber anderswo schon?

Ja, in Russland zum Beispiel.

Ach. Ist es dort normal, dass man für solche Beträge alkoholische Getränke probiert?

Ja, durchaus. Es ist nicht unbedingt normal, aber es kommt häufiger vor.

Wer hat an der Cognac- und Brandyverkostung in Wien teilgenommen?

Das waren ausschließlich sogenannte Multiplikatoren. Also Gastronomen, Sommeliers, Händler und Leute aus der Barszene. Keine Endverbraucher.

Das klingt so, als stünde die Information im Vordergrund und nicht der Spaß.

Das stimmt. Einerseits informiere ich die Gäste, das steht für sie an erster Stelle, deshalb kommen sie dort hin. Andererseits kommt der Spaß automatisch dazu. Wenn man neun solcher Preziosen probieren darf, dann ist das schon etwas ganz Besonderes, und so etwas macht natürlich auch Spaß.

Wie geht man bei solch einer Degustation mit dem um, was man gerade im Glas hat: ganz, ganz vorsichtig?

Nein, ich gehe damit genau so um, wie mit allem anderen, was ich sonst im Glas habe. Natürlich habe ich einen großen Respekt davor - denn wenn ich weiß, dass sich hundert Jahre alte Destillate im Glas befinden, dann ist mir klar, dass hier mindestens drei Generationen von Kellermeistern daran gearbeitet haben. Natürlich verspüre ich dabei auch Ehrfurcht vor der Leistung dieser Menschen.

Wie geht man bei solchen Gelegenheiten mit den Gläsern um? Wird frisch eingeschenkt? Oder steht schon alles fix und fertig da?

Wenn Sie den Raum betreten, ist alles vorbereitet. Die neun Gläser stehen vor Ihnen, alles ist durchnummeriert und eingeschenkt.

Aber verfliegt da nicht der Alkohol aus dem Glas, das zuletzt probiert wird?

Das ist bei solchen Destillaten nicht der Fall. Es ist sogar spannender, wenn der Cognac einen Moment gestanden hat. Dann verändert sich das Aroma noch ein wenig. So kann man eher die frischen Destillate riechen, welche die Grundlage bilden. Wir lassen den Cognac erst einen Moment stehen, dann riechen wir. Erst dann bewegen wir das Glas. Das ist das, was sehr viele Kunden in den Bars falsch machen: Der Barkeeper stellt ihnen das Glas hin und sie fangen gleich an, den Cognac kreisen zu lassen. Wer hier aber sofort den Tornado im Glas macht, der riecht nur den Alkohol - und ihm entgeht etwas. Trotzdem ist das Drehen wichtig, wenn man die Feinheiten der Reifung in den Fässern erriechen möchte.

Wie fühlt man sich nach so einem Tasting?

Sehr gut. Es befindet sich ja jeweils auch nur ein Zentiliter im Glas. Und selbst diese kleine Menge trinkt man nicht immer vollständig aus. Ein Tasting heißt, dass man probiert, es heißt nicht, dass man sich betrinkt. Ich finde es immer wieder furchtbar, wenn Menschen zu Tastings kommen und dann Party machen wollen. Darum geht es bei Tastings nicht. Sie dienen vor allem dem Kennenlernen neuer Spirituosen.

Was ist, wenn man so ein Tasting veranstaltet und verschnupft ist?

Schnupfen ist ein Alptraum. Nichts riechen, nichts schmecken - das ist furchtbar.

Trainieren Sie Ihre Nase?

Ja, mit Aromastoffen und mit bewusstem Wahrnehmen von Aromen in meiner Umwelt. Es geht auch ganz simpel. Man muss am Essen riechen, muss sich Aromen vergegenwärtigen. Oder beim Spazierengehen einfach mal bewusst darauf achten: Das also ist nasses Laub, das ist eine Wiese, und hier, am Kanal, das ist der Diesel der Schiffe. Man muss wahrnehmen, innehalten und darüber nachdenken - so trainiert man seinen Geruchssinn am besten. Ich habe viel mit jungen Menschen zu tun, und leider haben viele von ihnen es ein bisschen verlernt zu riechen. Das finde ich sehr schade.

Wenn man nicht so viel Cognac trinkt, steht meist lange Zeit eine halbleere Flasche herum. Ist das ein Problem?

Naja, man sollte schon zusehen, dass man die Flasche nach ein paar Jahren geleert hat. Wichtig ist der Schulterstand der Flüssigkeit. Eine fast volle Flasche kann ich länger aufbewahren als eine fast leere. Es hängt mit der Menge des Sauerstoffs in der Flasche zusammen: je mehr, desto schlechter.

Gibt es neue Trends bei Cognac, Brandy und Weinbrand?

Ja, wir können sehen, dass wieder mehr Cognacs für Cocktails verwendet werden.

Das müsste einem Cognac-Puristen doch in der Seele wehtun.

Nein, gar nicht. Für die ersten Cocktails von Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren sowohl Cognac als auch Brandy die erste Wahl als Basisspirituose. Erst später kamen Whisky und Wodka dazu. Insofern verzeichnen wir jetzt eine interessante Rückkehr zu den Ursprüngen. Für mich ist es kein Problem, wenn jemand einen guten Cognac für einen Cocktail nimmt. Ein guter Cocktail ist wie ein Orchester. Da sollten auch alle Solisten sehr gut sein.

Aber ein Weinbrand aus Ihrem jüngsten Tasting käme dafür wohl doch nicht in Frage. Oder?

Das stimmt. So etwas würde wohl auch niemand machen. Wobei: Ganz ausschließen würde ich das eigentlich nicht. Es gibt genug Leute mit sehr viel Geld, die dem Barkeeper sagen könnten, dass sie ihren Sazerac mit einem Louis XIII gemischt haben wollen.

Das würde ein guter Barkeeper doch wohl verweigern.

Nein, wer so etwas macht, ist ein schlechter Barkeeper. Der gute Barkeeper würde zwar empfehlen, den Cognac pur zu trinken, aber wenn der Gast den Cocktail wünscht, dann würde er das Beste geben, einen guten Cocktail zu mischen. Die Aufgabe des Barkeepers ist es nicht, den Gast zu belehren. Das darf er nicht.

Apropos Belehrung. Eine hätte ich gern von Ihnen. Es ist Adventszeit, die Menschen suchen Geschenke für Väter und Ehemänner. Können Sie einen Tipp für diejenigen geben, die Cognac verschenken wollen?

Ich würde sagen, man sollte so etwa bei 50 bis 80 Euro anfangen. In dem Bereich bis 250 Euro gibt es schon hervorragende Destillate. Wir reden da von den Kategorien XO, Extra, Hors D‘Age oder Napoléon. Damit ist man sicher sehr gut aufgestellt.

Und die Flasche sollte dann aber nicht nur bis Ostern, sondern bis zum nächsten Weihnachtsfest halten. Oder?

Wichtig ist, dass man mit Genuss trinkt. Der Beschenkte sollte sich beim Genießen an den Schenkenden erinnern und auch daran, dass er es hier mit der Arbeit von Generationen von Kellermeistern zu tun hat. So ein Cognac ist schließlich flüssige Geschichte.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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