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Das Comeback der Schallplatte

Gut aufgelegt Das Comeback der Schallplatte

Totgesagte drehen sich länger: Die Schallplatte war nie ganz weg und findet neben den treuen Liebhabern eine neue Zielgruppe.

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Der Krankenpfleger, der auch der Platte wieder auf die Beine hilft: Sven Jürgens, Chef von Monsterrecords.

Quelle: Alexander Körner

Hannover. Die Zeiten für Musikhörer sind einfach geworden. Ein paar Mausklicks im Internet – schon wird der neue Lieblingssong in der virtuellen Musikbibliothek auf dem Computer gespeichert. Downloadportale wie iTunes und musicload sind die neue Marktmacht, während der Absatzmarkt für Tonträger, vor allem CDs, seit Jahren zerbröselt. Doch gerade dieses sterbene Branchensegment ist im Begriff, einen Kult neu zu beleben: Musikliebhaber legen wieder häufiger die Schallplatte auf. Und zwar nicht nur die Nostalgiker, die Ewigtreuen von Jazz und Klassik, sondern auch mehr junge Musikfans.

25 Music, der Plattenladen an der Lister Meile – eine Drehscheibe des hannoverschen Plattenhandels. Zhenya stöbert hoch konzentriert durch die Stapel der Scheiben. Darüber hängt ein Zettel mit der Aufschrift „Soul“. Unter Zhenyas linkem Arm klemmen schon fünf bunt verzierte Vinylalben. Soul, Funk und Disko, das sind seine liebsten Genres. Am besten in Form von Musikstücken aus den Siebzigern und Achtzigern. „Die findet man meist nur auf Vinyl“, sagt der 25-Jährige, der seit sechs Jahren Schallplatten sammelt. Wie etwa ein Album von Jazzlegende Herbie Hancock aus dem Jahr 1982.

Totgesagte drehen sich länger: Die Schallplatte war nie ganz weg und findet neben den treuen Liebhabern eine neue Zielgruppe.

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Vier Plattenläden gibt es zurzeit in Hannover, der Stadt Emil Berliners, des Erfinders der Schallplatte vor 125 Jahren. Ihre Erfolgsgeschichte wurde nach gut 100 Jahren von der Musikindustrie für beendet erklärt. Aber die Fans hielten und halten sich nicht daran. Die Vinylscheibe erlebt ein zwar bescheidenes, aber bemerkenswertes Comeback: Viele aktuelle Alben von Künstlern aus Rock, Pop und Alternative gibt es nicht nur als CD, sondern auch wieder auf Vinyl gepresst. Das Debüt „Born to Die“ von US-Sängerin Lana del Rey etwa, oder das neue Werk von Xavas, hinter dem das Duo Xavier Naidoo und Kool Savas steckt.

Für Grafikdesigner und Musikliebhaber Zhenya sind Schallplatten besser als CDs und Downloads, „einfach, weil sie echter und wärmer klingen“. Platten seien etwas Greifbares, eine Erinnerung, die man in die Hand nehmen könne. Im Gegensatz zu der Musik im „seelenlosen“ MP3-Format, die irgendwo im virtuellen Ordner eines Computersystems ihr Dasein fristet. „Eine Schallplatte, das ist Kunst, nicht nur musikalisch, sondern auch optisch. Oft kaufe ich eine Platte nur, weil mir das Cover so gut gefällt“, erzählt Zhenya.
Mit dieser Meinung steht er nicht allein da, wie Verkaufszahlen belegen. Um rund 40 Prozent ist der Umsatz von Schallplatten in der ersten Hälfte des Jahres gestiegen, teilte der Bundesverband Musikindustrie kürzlich mit. Das sind zwar nur verschwindend geringe 1,3 Prozent aller Musikverkäufe. Doch rechnet der Tonträger-Branchenverband damit, dass 2012 erstmals seit Jahrzehnten wieder mehr als eine Million Schallplatten verkauft werde, wie Verbandsprecher Florian Drücke sagt. Nicht eingerechnet sind dabei die Gebrauchten, die auf den zahlreichen Plattenbörsen den Besitzer wechseln. Doch die Zahlen bedeuten nicht, dass die Schallplatte nun den Markt zurückerobern wird. Sie ist und bleibt ein Liebhaberstück – das indes gerade neu entdeckt wird.

Sven Jürgens ist einer von diesen Liebhabern. Vor ein paar Wochen hat sich der Krankenpfleger seinen Jugendtraum erfüllt: einen eigenen Plattenladen. Bei Monsterrecords in der Calenberger Neustadt verkauft er nun an drei Tagen in der Woche Vinyl. Alte Schätze wie ein Album der Very Merry Macs aus den Fünfzigern. Neuerscheinungen wie das aktuelle Album der Britpopper von The Verve. Und Raritäten wie die Fußball-Singles, auf denen noch Udo Jürgens mit der deutschen Fußball-Nationalelf singt. Monsterrecords hat sogar schon eine kleine Fangemeinde. „Mittags, wenn ich den Laden aufmache, stehen meist schon ein paar richtig Plattenverrückte vor der Tür. Die kommen auch abends nochmal wieder, um bloß nichts zu verpassen, was ich tagsüber reinbekommen habe“, erzählt Jürgens.
Er kann sie gut verstehen, schließlich hat er zu Hause selbst knapp 4000 Platten. „Ich hätte natürlich gern noch viel mehr, doch dafür ist die Wohnung zu klein. Meine Frau war schon froh, als ich 1000 zum Verkauf aussortiert habe.“ Eine Platte biete so viel, nicht nur einen besseren Klang. „Manchmal riecht sie sogar ein bisschen nach den schönen Stunden, die man mit ihr verbracht hat“, sagt Jürgens.

Doch einen Trend sieht er nicht aufkommen, vor allem nicht bei Jugendlichen. Manchmal kommt sein Sohn mit seinen Freunden im Laden vorbei. „Das erste Mal haben die 13-jährigen Jungs gefragt, was das denn sei, was ich da verkaufe“, erzählt der 42-Jährige und lacht. Und wenn mal Musikfreunde unter 30 Jahren in seinen Laden kommen, dann wegen der Hip-Hop-Platten. Denn auch da gibt es viele gute Stücke nicht auf CD oder im Internet.

Olaf Töpelmann, Mitinhaber des Musikgeschäfts Ohrwurm-CDs in Linden, ist da anderer Meinung. „Retro ist wieder angesagt und die Schallplatte als physischer Tonträger ist wieder cool“, sagt er über die Erfahrungen, die er mit jungen Kunden gemacht hat. Eigentlich ist Ohrwurm-CDs, dem Namen entsprechend, seit 25 Jahren ein CD-Geschäft, das Platten nur nebenbei verkauft. Doch zum Jubiläum hat Töpelmann weitere 1000 Schallplatten ins Sortiment aufgenommen; ältere, gebrauchte. „Die waren rasend schnell verkauft.“

Doch ob Trend oder nicht, ohne Plattenspieler braucht sich kein Musikfreund Vinyl zu kaufen. Aber ein Blick in Elektronikläden wie Conrad und Saturn zeigt: Es gibt wieder oder noch immer welche. Und nicht nur die Modernen mit USB-Anschluss, über den man die ganze tolle Musik gleich auf den Computer ziehen kann. „Wenn man einen vernünftigen Klang haben will, sollte man schon einen ganz normalen Plattenspieler kaufen“, rät Jörg Erwin, Inhaber des Elektronikfachgeschäfts Art und Voice. 200 Euro aufwärts kosten solche Geräte bei ihm. Im Internet gibt es schon welche ab 85 Euro. „Die reichen völlig aus, um das schöne Musikgefühl hervorzubringen“, meint Sven Jürgens. Manchmal kann ein Mausklick also doch ganz hilfreich sein, auch wenn es um Analoges geht.

Isabel Christian

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