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Aus der Stadt Das Ende des Schweigens
Hannover Aus der Stadt Das Ende des Schweigens
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20:10 25.01.2010
Von Thorsten Fuchs
„Bis heute komme ich mir vor, als stünde ich nackt vor den Menschen, wenn ich erzähle, wie ich verprügelt wurde": Salomon Finkelstein, Überlebender von Auschwitz. Quelle: Steiner

Das Erzählen, es hat etwas Verführerisches, und zugleich liegt darin eine große Gefahr. Wie schwer ist es schon, etwas Erfreuliches zu schildern, eine Reise zum Beispiel. Um wie viel schwerer ist es dann, von Schrecklichem zu berichten, so, dass andere es nachfühlen können. Und wie leicht geraten die Wörter dabei zu leeren Formen, zu Stanzen, die man wiederholt und wiederholt und von denen man zugleich spürt, dass sie hinter der Wirklichkeit stets zurückbleiben.

Salomon Finkelstein, dieser weißhaarige Herr mit den stets heiteren braunen Augen, weiß um diese Gefahr. Er ist ein geselliger Mensch, er liebt Geschichten, und zugleich misstraut er dem Erzählen. Deshalb hat er so lange geschwiegen. „Ich bin nicht so gewandt, dass ich die Dramatik der damaligen Zeit in die heutige übertragen könnte“, sagt er. „Auschwitz ist nicht darstellbar.“ Das ist ein ungewöhnliches Eingeständnis für jemanden, der seit fünf Jahren in Schulen über den Holocaust berichtet und der heute, am Vorabend des Holocaust-Gedenktages, im niedersächsischen Landtag sprechen will. „Erinnerungen eines Überlebenden“, so ist sein Vortrag überschrieben. Aber vielleicht ist das Wissen um die Grenzen des Erzählens eine gute, sogar nötige Voraussetzung, um es dennoch zu versuchen. Vor fünf Jahren, beim 60. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, sprach der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski über die Pflicht der Überlebenden, ihre Erfahrungen weiterzugeben. „Er hat mir ins Herz gesprochen“, sagt Finkelstein. Da wusste er, dass er nicht schweigen darf.

Salomon Finkelstein wurde 1922 in Lodz in Polen geboren, und von der Harmonie, die er dort zwischen Juden und Deutschen erlebte, erzählt er schwärmerisch, fast sehnsüchtig. Viele Deutsche waren Kunden des Vaters, sie kauften die Strickwaren, die er in seiner Fabrik herstellte, und der junge Salek, wie ihn alle nannten, lernte ihre Sprache, er las ihre Bücher. „Es war eine unglückliche, eine einseitige Liebe zu den Deutschen“, erzählt Finkelstein. Diese Liebe endete wohl nicht mal, als die Deutschen 1939 Polen überfielen, der ältere Bruder gen Osten flüchtete und die Wehrmacht auch Lodz besetzte. „Aber als eine Woche später die SS kam, da begann das Grauen.“

Die Finkelsteins werden in das Getto gepfercht, das die SS in der Altstadt von Lodz errichtet. Bei Frankfurt an der Oder muss er an der Autobahn mitbauen. 1943 wird er nach Auschwitz deportiert, wo er im Lager Buna Gebäude für die IG Farben errichten muss. Im Januar 1945, als die Rote Armee auf das Lager zurückt, wird Finkelstein mit anderen Häftlingen auf chaotischen Wegen Richtung Westen geschafft, bis er im KZ Dora-Mittelbau landet, wo die Nazis die „Vergeltungswaffe“ V2 bauen. Das Kriegsende erlebt er auf einem der sogenannten Todesmärsche. Seine Bewacher werfen die Waffen fort, als sie auf alliierte Soldaten treffen. Da ist er frei. Jedenfalls in einem äußeren Sinn. Aber was heißt schon frei – angesichts der Bilder und Erinnerungen in Finkelsteins Kopf. Es sind nur kurze Szenen, die er aus dieser Zeit schildert. Finkelstein will sich so kurz vor seiner Rede im Landtag nicht verbrauchen. Es ist die Sorge, seine Worte könnten nicht eindringlich genug sein. „Ich habe Angst vor der Routine.“ Aber das Erzählen birgt nicht nur Gefahren, es ist auch ein Bedürfnis, und so erzählt er eben doch. Vom Hunger im Getto – „die Menschen mussten sich an den Wänden festhalten, so schwach waren sie“. Von seiner Begegnung mit KZ-Arzt Josef Mengele in Auschwitz – der einen Strich an die Wand malte und die Kinder in den Tod schickte, die an diesen Strich nicht heran reichten. Von dem SS-Offizier, der auf einen Schornstein zeigte: „In die Freiheit kommst du nur auf diesem Weg.“ Und von seinem Freund Abraham Mastbaum, der, als Finkelstein, dem Tode nah, in seiner Baracke lag, ans Fenster klopfte und sagte: „Ich habe eine Kartoffel für dich.“

Salomon Finkelstein erzählt all dies in seinem Wohnzimmer in der hannoverschen Südstadt, in einer bescheiden bemessenen, aber stilsicher eingerichteten Dreizimmerwohnung. Weiße Barockmöbel, ein Leuchter aus Glas, Orient-Teppiche auf Parkett, ein Klavier. Finkelstein, im weißen Hemd und anthrazitgrauem Anzug, weiß Schönheit zu schätzen. Vielleicht umso mehr, als sie ihm lange unerreichbar war. Dass er nach dem Krieg nach Hannover kam, hat mit seinem Freund Mastbaum zu tun, der sich nach der Befreiung in Bergen-Belsen hierher durchgeschlagen hatte. Seine Eltern waren in Auschwitz ermordet worden, auch seine Brüder wähnte er tot. „Wohin hätte ich gehen sollen?“ Dass er blieb, hatte mit seinen Freunden zu tun, „vielleicht auch mit einer Frau“, sagt er lächelnd, und ganz sicher damit, dass er Erfolg hatte. Finkelstein ließ sich von der Trauer nicht lähmen. Er gründete, wie sein Vater in Lodz, eine kleine Strickwarenfirma, betrieb einen Wäscheversand, und sein Glück war, dass er später mit einer Firma den Zuschlag erhielt für den Winterdienst in Frankfurt am Main. „Antisemitismus“, sagt er, „habe ich hier nicht zu spüren bekommen.“

Und es war ja auch nicht so, dass er mit niemandem über seine Geschichte hätte reden können. Es gab ja die anderen Überlebenden, Wladyslaw Szpilman zum Beispiel, den Pianisten, dessen Leben Roman Polanski 2002 verfilmte. Finkelstein lernte ihn in den sechziger Jahren in Warschau kennen. „Er hat mich oft hier besucht, wenn er auf Konzertreise war, hat hier auf meinem Klavier gespielt.“ Und dann gab es schließlich auch dieses kleine Wunder, das sich 1980 ereignete. Finkelstein bekam einen Brief vom Roten Kreuz. Sein jüngerer Bruder, teilte man ihm mit, lebe. Wenige Tage später standen sie sich in Israel gegenüber. „Es war ein unfassbares Gefühl.“ 2005 erfuhr er, dass auch sein älterer Bruder überlebt hatte, er war erst 1996 in Russland gestorben. Mit dessen Kindern und seinen eigenen drei Töchtern feierte Finkelstein vor zwei Jahren ein Fest. Ein Wiedersehens-, ein Überlebensfest, ein später Triumph über die dunklen Zeiten.

Verschlossen jedoch blieb Finkelstein gegenüber Fremden, auch um sich selbst zu schützen. „Bis heute“, sagt er, „komme ich mir vor, als stünde ich nackt vor den Menschen, wenn ich erzähle, wie ich verprügelt wurde.“ Ein Gefühl des Ausgeliefertseins begleitet ihn – und Scham. Beides überwindet er, um jungen Menschen dies zu sagen: „Denkt an den kleinen Finkelstein“, so schließt er seine Erinnerungen in Schulen, „und helft mit, dass so etwas nie wieder geschieht!“ Vor den Menschen heute im Landtag, all den Abgeordneten, Ministern, Gästen, werde er sich etwas anderes einfallen lassen müssen, glaubt er. Man spürt die Anspannung in ihm vor diesem Auftritt, die Bedeutung, die diese Rede für ihn hat. „So wie mit den Kindern kann ich ja mit ihnen nicht reden.“ Aber vielleicht ist es genau die richtige Art, seine ganz eigene, und vielleicht kann es für ihn an diesem Tag auch gar keinen falschen Ton geben.

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