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Aus der Stadt Festival macht City zum Konzertsaal
Hannover Aus der Stadt Festival macht City zum Konzertsaal
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00:15 12.07.2016
Von Simon Benne
Die City als Konzertsaal: Jan Skorupski und Dominik Jan Löhrke musizieren auf dem Marktplatz Quelle: Benne
Hannover

Das Publikum ist Laufkundschaft, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Permament stimmt es darüber ab, ob sich das Zuhören lohnt oder ob der Einkauf jetzt doch dringlicher ist. Musiker, die beim Festival "Klassik in der Altstadt" auftreten, müssen sich schon etwas einfallen lassen, um ihr Publikum ständig bei der Stange zu halten. Doch dem Bariton Jangwon-Leonardo Lee gefällt gerade das: "Da entsteht eine echte Kommunikation zwischen Musikern und Zuhörern", schwärmt der Student der Musikhochschule.

Mehrere Hundert Besucher sind am ersten Tag des Festials vors Alte Rathaus gekommen. Zum 16. Mal geht "Klassik in der  Altstadt" in diesem Jahr in Hannover über die Bühne. Beim ersten von drei Festivalsonnabenden präsentieren sich fünf junge Ensembles. Am Ende wird das Publikum darüber abstimmen, wer den Sparda-Bank-Preis bekommt. Einige Musikfans haben sich Klappstühle mitgebracht. Was Wacken für die Heavy-Metal-Freunde, das ist der Marktplatz an diesem Tag für Hannovers Klassikgemeinde. Und das Wetter spielt mit, als die jungen Musiker die City zum Konzertsaal machen.

Die jungen Künstler nutzen die Gelegenheit, Werbung für sich selbst zu machen - und sie holen buchstäblich ein Stück Hochkultur auf die Straße: Mit klarer Intonation und viel Sinn für die Komik, die der Szene in Mozarts "Cosi fan tutte" innewohnt, singen Sopranistin  Ahyoung Kim und Mezzosopranistin Yajie Zhang "Ah, guarda sorella". Als Bariton Lee dann die Guglielmo-Arie intoniert, mit großer Geste, wird es auf dem Platz ganz still. Wenn man vom Plätschern des Brunnens mal absieht. Eine Dame schließt die Augen und dirigiert mit den Händen in der Luft. Als Zhang und Lee sich dann noch in einem Duett sehnsuchtsvoll anschmachten, ernten sie laute "Bravo!"-Rufe. 

"Für uns Sänger ist das eine tolle Erfahrung. Wir haben sonst selten Gelegenheit, uns vor einem so großen Publikum zu präsentieren", sagt Zhang nach dem Auftritt. "Das Festival bietet Musikstudenten ein Podium, das sie sonst nicht haben - und es bringt Menschen mit klassischer Musik in Kontakt, die sonst selten in Konzerte gehen", sagt Organisatorin Ariane Jablonka vom Klavierhaus Döll.

Viele Besucher hier sind gleichwohl seit Jahren Stammgäste: "Die Atmosphäre ist hier toll, und viele der jungen Künstler sind wirklich vielversprechend", sagt Kurt Dörrie, der seit zehn Jahren regelmäßig hierher kommt. Meike Lorenz ist aus der Südstadt in die City geradelt: "Im Konzertsaal bekommt man Kunst meist eine geballte Ladung", sagt sie. "Hier gibt es hingegen Häppchen von ganz unterschiedlichen Stücken und Stilen."

Recht hat sie. Saxofonist Dominik Jan Löhrke und Akkordeonspieler Jan Skorupski lassen es jazzig angehen. Mit Sambaklängen zaubern sie Leichtigkeit auf den Marktplatz, und bei ihrer schlendernden Version von Gershwins "Walking the Dog" wippen die Zuhörer in der ersten Reihe mit dem Fuß. Beim Umblättern der Noten muss Löhrke auf dem zugigen Platz improvisieren. Er braucht beide Hände, um die Blätter mit Wäscheklammern festzuklipseln - und hält sein Instrument solange einfach mit den Zähnen fest. Die Intonation leidet nicht darunter.

"Die Akustik auf einem Marktplatz ist ganz anders als in einem Saal", sagt der Saxofonist: "Man muss lauter spielen, präziser und mit viel Ausdruck." Dass der Platz seine eigenen Gesetze hat, erfahren auch Ioana Cristina Goicea (Violine) und Natusmi Ohno (Klavier): Mitten in ihrem Konzert erklingen plötzlich die Hochzeitsglocken der Marktkirche - und Grieg geht im Geläute unter.

Besser haben es da Karine Minasyan (Sopran) und Vasilena Atnasova (Klavier), die das Publikum in der Kreuzkirche mit Mozart zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Ebenso wie das Klavierduo Hae An Kim und Sun Ho Lee. Das Gotteshaus ist überfüllt, selbst im Altarraum drängen sich Besucher, als die Pianisten den Geist der Romantik beschwören. Als sie Werke von Weber und Schubert spielen, kann man hier die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören, und für eine furiose Ravel-Interpretation ernten sie langen Applaus. Aber bis zur Vergabe des Publikumspreises gehen noch zwei volle Festivaltage ins Land.

Mehr "Klassik in der Altstadt" gibt es am 16. und am 23. Juli, jeweils von 13 bis 18 Uhr. Am 23. Juli, 18 Uhr, wird in der Kreuzkirche der Sparda-Bank-Publikumspreis an das beste Ensemble verliehen.

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