Als die erste Überweisung ausblieb, gab Krista Kollmann noch der typischen Egozentrik ihres Exmannes die Schuld. Wird schon besser, hoffte sie, schließlich wusste sie aus sechs Jahren Ehe, dass er immer Gründe fand, Verpflichtungen auszuweichen und sich im Kopf alles so hin dreht, bis er sich im Recht wähnte.
Aber Unterhaltszahlungen für die alleinerziehende Mutter und die gemeinsame kleine Tochter blieben unbeständig wie das Herbstwetter. Mal kam Geld, dann wieder nicht, dann plötzlich weniger, als nach der Trennung vereinbart. Krista Kollmann erinnerte und bat und mahnte. Bis sie genug hatte. „Es war stressiger, sich immer wieder mit meinem Mann auseinanderzusetzen, als fünf Minuten das Herz in die Hand zu nehmen und zum Amt zu gehen.“ Seither muss die 46-Jährige nicht mehr betteln beim Vater ihres Kindes. Krista Kollmann, die mit ihrem wirklichen Namen nicht in der Zeitung stehen möchte, spricht im Gewusel eines Stadtteilcafés sehr offen von ihrem Kampf. Es wird eine Geschichte, die auch von der Macht einer Behörde erzählt.
Der Weg zu Bereichsleiterin Petra Rieger führt durch einen krankenhausähnlichen Gang. Weiße Wände, Linoleumboden, links und rechts vom Flur geschlossene Türen. Dazwischen, in einem offenen Wartebereich, liegen Plüschtiere, Spiele und Malbücher, es gibt eine kleine Teeküche. Hier warten Mütter, gelegentlich auch Väter, bis sie an die Reihe kommen. Im Jugendamt im Ihmezentrum bemüht man sich um ein bisschen Gemütlichkeit im kühlen Behördenambiente. Nicht immer kann das gelingen, Rieger sieht von ihrem Büro auf einen tristen Innenhof, dem sich ein grauer Wohnklotz anschließt.
In diesem Ambiente kümmert sich die Abteilung Unterhaltsrecht um oft hilflose junge Eltern, die allermeisten von ihnen sind Frauen. Fälle, geordnet nach Zunamen. Bren-Bz, Krau-Kreh, Schew-Schuf. Es ist die Abteilung, in der es um Zuspruch, aber auch um handfeste Lebenshilfe geht: Geld. Zu Petra Rieger kommen Mütter, deren frühere Männer nicht zahlen wollen für gemeinsame Kinder und manchmal zweifeln sie auch an, Erzeuger gewesen zu sein. Zählt sie alle Angelegenheiten zusammen, kommt sie auf derzeit 4500 Fälle, bei denen die Stadt Hannover Müttern hilft, verweigerten Unterhalt einzuholen und Vaterschaften festzustellen.
Beistandschaft heißt es im Verwaltungsdeutsch, wenn Jugendämter zum gesetzlichen Vertreter eines Kindes werden. Ein Wort, dessen Kern sagt, worum es geht. Jemandem beistehen in der Not. Um Frauen wie Krista Kollmann zu helfen, muss das Amt zu den Männern. Post von der Stadt mit der Bitte um Offenlegung der wahren finanziellen Verhältnisse zeigt bei Vätern oft erstaunliche Wirkung: Sie antworten. Viele akzeptieren zwar die folgenden Unterhaltsberechnungen nicht, aber es ist etwas anderes, sich mit der Stadt auseinanderzusetzen als mit früheren Frauen und Freundinnen, die für zu schwach gehalten werden, sich ernsthaft gegen verweigerte Zahlungen zu wehren. „Die Mütter sind oft in einer verzweifelten Situation, wenn sie zu uns kommen“, sagt Petra Rieger. Sie erzählt Geschichten von Männern, die plötzlich kein Geld mehr haben wollen. Die behaupten, nicht die wahren Väter zu sein (und damit manchmal recht haben). Die abhauen vor ihren Verpflichtungen. Lang ist die Liste der Ausreden, aber sie wiederholen sich doch.
Krista Kollmann hat noch einige Rechtfertigungen im Ohr. Ihr früherer Mann, Inhaber eines kleinen Betriebes, verkaufte das gemeinsame Haus, baute im Grünen ein neues Heim, geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Seine Maßnahme: Er kürzte den Unterhalt. Mehr sei nicht drin, sagte er. Da war sie selbst bereits arbeitslos. Als Fachkraft in einem kleinen Geschäft hatte sie gearbeitet, bis der neue Besitzer lieber an 400-Euro-Kräften verdiente als Tarifgehälter zu zahlen. Die Mutter eines Kleinkindes verlor ihren Job. Einige Jahre ist das nun schon her, an ihrer Lage hat sich nichts geändert, die 46-Jährige lebt von Hartz IV. Das Job Center zahlte eine neue Ausbildung, und wenn Kollmann Glück hat, steht bald eine Arbeit in Aussicht. Jetzt ist das Geld stets knapp, „in der vierten Monatswoche fragt man sich schon, was noch geht“, wie die Mutter ihrer Tochter ohnehin erklären muss, dass teure MP3-Player, Spielkonsolen oder Essengehen Luxus sind.
Eine Situation, in der Hilfe willkommen ist – und das Jugendamt hat weitreichende Möglichkeiten, Auskünfte einzuholen. Verweigern Männer den behördlich festgesetzten Unterhalt, kann das Amt Väter verklagen, wenn es zuvor eine Beistandschaft für ein Kind übernommen hat. So kam es im vergangenen Jahr in mehr als 200 Fällen. Die Behörde kann über Ordnungsämter, Rentenkasse und Bundeszentralregister Suchanfragen starten, um Adressen zu ermitteln. Erfolg hat solche Fahndung längst nicht immer. Manche Männer verschwinden einfach. In Länder ohne Meldepflicht oder irgendwo in Deutschland. Kaum aufzuspüren ist, wer keiner regulären Arbeit nachgeht, seinen Wohnsitz nicht anmeldet und ohne staatliche Unterstützung lebt.
So weit kam es bei Krista Kollmann und ihrer Tochter nicht. Das Jugendamt zahlt nun jeden Monat den gesetzlich festgelegten Unterhaltsvorschuss von 180 Euro und holt sich anteilig das Geld vom Vater zurück. Vier Millionen Euro Unterhalt hat die Stadt Hannover im vergangenen Jahr für Kinder geltend gemacht, für die das Amt Beistandschaften übernommen hat. Für die meisten Mütter ist das eine große Erleichterunng. Krista Kollmann ist froh, mögliche Auseinandersetzungen um den Unterhalt nicht mehr selbst führen zu müssen.
Die wirtschaftliche Lage dürfte sich für etliche Alleinerziehende mit Beginn des neuen Jahres verschlechtern: Die Bundesregierung kürzte in ihrem vor wenigen Wochen verabschiedeten Sparpaket das Elterngeld für bis zu 14 Monate alte Kinder. Nun bekommen rund 2200 Familien, die Reichensteuer zahlen, diese Unterstützung nicht mehr. Allerdings müssen deutschlandweit auch 50 000 meist junge Mütter, die Hartz IV beziehen, ohne Elterngeld auskommen. Es fehlen mindestens 300 Euro im Monat.
Gunnar Menkens
HAZ.de Anmeldung