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Das Icarus-Projekt

Ein ungewöhnliches Forschungsprojekt Das Icarus-Projekt

Es klingt wie Science-Fiction – und ist doch schon Wirklichkeit: Wissenschaftler statten Zugvögel mit Kameras und Sendern aus und verfolgen den Weg der Tiere um den Globus genau. Mit den gesammelten Daten lassen sich vielleicht bald Stürme vorhersagen und Seuchen verhindern. Und das ist erst der Anfang: Mit Tausenden von Tieren, vom Wal bis zum Insekt, beginnt eine neue Vermessung der Welt.

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„Es war einmal ein Junge. Er war ungefähr 14 Jahre alt, groß und gut gewachsen und flachshaarig. Viel nutz war er nicht, am liebsten schlief oder aß er, und sein größtes Vergnügen war, irgend etwas anzustellen.“ So beginnt Selma Lagerlöfs Geschichte von Nils Holgersson, dem frechen kleinen Nichtsnutz, der Tiere quält und zur Strafe in einen Wichtel verwandelt wird. Doch dann bricht dieser Taugenichts, dieser Tunichtgut mit einer Schar Wildgänse auf zu einer langen Reise und lernt, Verantwortung zu übernehmen und Freundschaften zu schließen: „Wie gerne säße ich auf dem Rücken des Gänserichs Martin“, dachte der Junge. „Wie prächtig wäre jetzt ein Ritt durch die warme stille Luft da droben, von wo ich auf die mit grünem Gras und mit herrlichen Blumen geschmückte Erde herunterschauen könnte!“

Auch in der folgenden Geschichte kommt an zentraler Stelle ein Martin vor, doch ist hier er derjenige, der auf der Gans sitzt und mit ihr mitfliegt – im übertragenen, mittelbaren Sinne zumindest. Martin Wikelski, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell, kennt natürlich die Geschichte von Nils Holgersson, der eines schönen Morgens mit den Wildgänsen auf- und davonzieht und von oben seine Heimat entdeckt.

„Im Grunde machen wir jetzt genau das“, kommt er mit seiner ersten Erklärung gleich auf den Kern des Projekts zu sprechen. „Unser Vehikel ist die Technik, die wir auf dem Tier anbringen; durch sie reisen wir mit – und kommen auf diese Weise überall hin.“ Die Technik: Das sind Sender, die bald von millimeterkleinen Kameras begleitet werden. „Dann wissen wir auch, was das Tier sieht zu dem Zeitpunkt einer Bewegung, einer Aktion, die wir aus der Datenübertragung ablesen.“

Man merkt Martin Wikelski die Begeisterung an über das Projekt, dessen ungeheure Dimensionen zwar schnell sichtbar werden, das in den Details aber erst nach und nach wirklich sprachlos macht. Denn dieses Vorhaben könnte das Dasein auf diesem Planeten bis ins Kleinste erkennbar machen. Das Leben auf der Erde – allumfassend seziert und in seine Einzelheiten sauber zerlegt und sichtbar gemacht im Sekundentakt.

Die Rede ist von Icarus, Akronym für das Vorhaben „International Cooperation for Animal Research Using Space“. Die Initiative, die weltweit immer mehr Unterstützer findet und vom Max-Planck-Institut in Radolfzell koordiniert wird, hat zum Ziel, die globalen Wanderbewegungen selbst kleinster Tierarten durch ein Satellitensystem zu beobachten.

Tierwanderungen zählen zu den faszinierendsten Schauspielen auf der Erde. Milliarden Singvögel ziehen jedes Jahr von Kontinent zu Kontinent. Auch viele Fledermaus- und unzählige Insektenarten bewältigen große Streckenabschnitte. Ebenso legen Tiere zu Land und im Wasser große Distanzen zurück; unterwegs als Einzelgänger oder in riesigen Herden oder Schwärmen. Jeden Moment ziehen unzählige Arten über den Globus – manche nur kurze Strecken, andere überqueren ganze Kontinente. Doch wo genau sich Vögel, Fledermäuse und Co. im Tages- oder Jahresverlauf herumtreiben, weiß man oft nicht.

„Von vielen der ansonsten gut erforschten Zugvögel kennen wir nicht einmal deren Winterquartiere – und dort verbringen sie immerhin einiges an Zeit“, sagt Martin Wikelski. Solches Wissen ist nicht nur blanke Forscherneugier: „Es liegt ja auf der Hand, dass selbst die besten Schutzmaßnahmen für eine Vogelart im Brutgebiet wenig nutzen, wenn die Tiere in einem unbekannten Winterquartier oder auf dem Weg dorthin zu Schaden kommen.“ Die Gründe für die Reisen sind vielfältig: Wetter und Witterungsbedingungen über das Jahr, Paarung, Nahrungssuche, Schutz vor Fressfeinden; Umweltbedingungen und Gefahren bestimmen die Wanderungen maßgeblich mit. Vögel und Wale etwa wählen ihre Routen so, dass sie Winden und Meeresströmungen folgen und dadurch Energie sparen.

Vögel sind auf den ersten Blick sicher die beeindruckendste Spezies: Seeschwalben zum Beispiel fliegen 20 000 Kilometer von der Beringstraße bis zur Antarktis. Was man bislang über viele Zugvögel wusste, erschloss sich zumeist über die Ringe, die Vogelkundler seit mehr als hundert Jahren den gefiederten Zweibeinern anlegen. Nur: Oft sah man den Vogel genau zweimal in dessen Leben – zum Zeitpunkt der Beringung und wenn man ihn vielleicht Jahre später wieder gefangen hatte oder tot fand. Was aber geschah dazwischen? Und wo, auf welchen Routen?

„Mithilfe unserer Sender kann ich jetzt für jeden Zeitpunkt herausbekommen, was dieser oder jener Storch auf der arabischen Halbinsel oder irgendwo in Afrika gerade macht“, sagt Wikelski. „So können die Tiere auf dieser Erde für uns Ohren und Augen sein.“ Die potenzielle Zahl dieser Ohren und Augen mutet unfassbar an. Es gibt geschätzt allein dreimal mehr Zugvögel als Menschen auf diesem Planeten. Mehr als 20 Milliarden gefiederte Individuen kreuzen Jahr für Jahr über unseren Köpfen – die meisten von ihnen ziehen nachts, was die herkömmliche Beobachtungsforschung nicht gerade einfacher machte.

Alessia ist ein weiblicher Storch, der 2014 in Böhringen bei Radolfzell aus dem Ei geschlüpft ist. Ihr Aufenthaltsort lässt sich jederzeit bestimmen – ebenso wie der von Thang Kaar Soed Zang und Thang Kaar Om Zhin, zwei bhutanesischen Geiern, oder Nigrita, einer Galapagosschildkröte. Alessia ist inzwischen – ebenso wie Storchenkumpel Balou – ganz nach Storchenart oft Tausende Kilometer entfernt unterwegs und funkt unaufhörlich mit einem Gerät auf ihrem Rücken, das nur unwesentlich größer ist als ein Lippenstift.

Denn so muss man sich die Sender der Pionierphase vorstellen: sieben Zentimeter lang und 2,5 Zentimeter hoch bei einem Gewicht von immerhin 40 Gramm. Inzwischen nähert man sich im Zuge mehrerer Miniaturisierungsschritte einem Gerätegewicht von nur noch fünf Gramm – bei gleichzeitiger technischer Aufrüstung: Neben einer Solarzelle und einer wiederaufladbaren Batterie für die Energieversorgung sowie einem GPS-System für die Positionsbestimmung und einem 3-D-Beschleunigungsmesser bietet die jüngste Generation an Sendern auch Raum für zusätzliche Sensoren. Entscheidend ist der Beschleunigungsmesser. Er enthüllt einiges über die Aktivitäten des Tieres – etwa, ob der Vogel gleichmäßig fliegt, intensiv flattert, ruht oder was auch immer gerade tut oder unternimmt.

„Moderne Spitzentechnologie ist essenziell. Mit ihrer Hilfe können wir Tiere beobachten zu Zeiten, zu denen sie bisher einfach verschwunden waren“, erklärt Wikelski. So ergaben die Messungen in der Vorbereitungsphase von Icarus, dass Störche häufig in einem bestimmten „Energiesparmodus“ fliegen – und dass es darin sogar mehr und weniger Geübte gibt. Die Routinierten unter ihnen schlagen nur auf rund einem Zehntel ihrer oft enorm langen Zugrouten mit den Flügeln; die restliche Strecke legen die bis zu viereinhalb Kilogramm schweren Spitzenflieger segelnd zurück und bewältigen auf diese Weise Distanzen von bis zu 10 000 Kilometern.

Zudem gelang es den Wissenschaftlern, bis auf den Meter genau den Flugplan der verschiedenen Storchpopulationen zu ermitteln, darunter viele „Hauptverkehrswege“ – quasi die Autobahnen der Weißkittel. Dabei verhält sich Storch nicht gleich Storch. Die in Usbekistan lebenden Weißstörche etwa sind das ganze Jahr über standorttreu und ziehen trotz enormer Klimaschwankungen vor Ort überhaupt nicht. Alle anderen Bestände begeben sich zweimal im Jahr auf große – und manche an ihrem Hauptstandort zwischendrin noch auf kleine – Wanderschaft. So migrieren die großen Schwärme, die den Sommer über in Baden-Württemberg verbringen, mit Beginn des Herbstes nach Spanien; die Störche dort weichen nach Mauretanien und Mali. Und zum ersten Mal überhaupt ließ sich der Weg der in Tunesien beheimateten Adebar verfolgen: Sie queren Nordafrika auf direktem Weg strikt Richtung Süden und kampieren am Tschadsee; segeln aber plötzlich auch mal im Hochwinter über die Sahara zurück ans Mittelmeer nach Libyen. Überhaupt war man allseits überrascht, dass manche der Vögel auf ihren Winterzügen ganz Afrika kreuz und quer durchstreifen.

Geheimnisse wollen rund um den Globus gelöst werden. In Russland auf der Insel Kolgujew in der Barentsee wurden Blessgänse besendert, im Himalaja Blutfasane, an verschiedenen Orten weltweit Kraniche. Und wenngleich etliche Vogelarten mehr, so interessieren zahllose weitere Tierfamilien die Wissenschaftler nicht minder: In Ghana statteten Forscher Flughunde mit Sendern aus, in Panama Agutis, eine bis zu 65 Zentimeter lange Nagerart; Wüstenspringmäuse waren es in Kasachstan; des Weiteren Leder- und andere Meeresschildkröten, die die Weiten der Ozeane durchstreifen, sowie Galapagosriesenschildkröten, auf denen sich neben einem Sender auch mal gut eine kleinere Kamera zusätzlich platzieren lässt.

Immer länger wird die Liste, auf der sich das Verhältnis von Geplantem zu Umgesetztem zugunsten von Letzterem verschiebt: Störe, Haie, Orcas oder auch Aale, die aus immer noch nicht verstandenen Gründen aus den Flüssen Europas 5000 Kilometer und mehr bis ins Sargassomeer schwimmen, um dort zu laichen. In der Vergangenheit vereinzelt besendert wurden große Raubkatzen, Buckelwale, Elefanten, Nashörner, Hasen und etliches Getier mehr ebenso wie einige Größen- und Gewichtsklassen darunter Libellen, Hummeln, Frösche, Nachtfalter, Bienen. Schmetterlinge und, und, und …

Von Christian  Jung

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