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Das Café im Herzen der Stadt

Kröpcke im Wandel der Zeit Das Café im Herzen der Stadt

Sahnige Torten und wohlerzogene Kellner: Der Kröpcke-Bau in der Innenstadt wird 40 Jahre alt – auch wenn seine Geschichte bis 1869 zurückreicht. Das Café ist auch heute noch sehr beliebt – manche meinen sogar, es ist bedeutsamer für Hannover als das Rathaus.

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200 Plätze innen. 500 außen. Die Brasserie, die Weinbar, die Feinkostabteilung, die Bäckerei, das ist das Café Kröpcke heute.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Der junge Kellner hebt dezent die Hand. Drei Damen, aufgebrezelt und aufgedreht, wollten gerade an ihm vorbeistürmen. „Wie viele Personen?“, fragt er und lächelt gewinnend. Eine der Frauen hält verwirrt drei Finger hoch. Dann versteht sie und sagt: „Oh.“

Genau. Oh. Es brummt im Café Kröpcke. Da kann man die hannoversche Institution - die vor 40 Jahren nach ihrem großen Umbau so eröffnet wurde, wie wir sie heute im Wesentlichen kennen - nicht einfach entern. Man muss warten, bis etwas frei wird. Der junge Kellner (wohlfrisiertes dunkles Haar, weißes Hemd, graue Schürze) hat sich strategisch günstig neben dem Buch mit den Platzreservierungen postiert. Kein Türsteher, kein Gorilla, dafür ist er viel zu freundlich. Ein behutsamer Besucherverkehrslenker. Er sorgt dafür, dass es zwischen Trüffeltorte und „Zwetschge Royal“, zwischen Kaffeespezialitäten und Barbarie-Entenbrust mit Kirschblaukraut keine Gästestaus gibt. Es soll ja gemütlich bleiben.

200 Plätze innen. 500 außen. Die Brasserie, die Weinbar, die Feinkostabteilung, die Bäckerei, das ist das Café Kröpcke heute. Unter lauschigen Federbüschellampen bittet eine Frau darum, den einen und dann auch den anderen Riesling erst mal probieren zu dürfen, bevor sie bestellt, und natürlich darf sie das. Anderswo würde die Bedienung womöglich missmutig den Kopf schütteln, hier nicht. Draußen frieren sich die Raucher bei den aktuellen Temperaturen den Arm ab und träumen von der Maishähnchenkeule in Sojasauce, die den Leuten drinnen Gemüt und Magen wärmt. Wenn man alle Gäste zusammenzählen könnte, die seit der Neueröffnung 1976 das Kröpcke frequentiert haben, würde man auf wie viel kommen? Geschäftsführer Mathias Baller überschlägt kurz. Ergebnis: 37 Millionen. Locker.

Der Kröpcke liegt mitten in der hannoverschen Innenstadt und ist ein beliebter Treffpunkt. Nach dem Umbau erstrahlt der Platz in neuem Glanz. Eine Zeitreise.

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Es soll Menschen geben, die das Kröpcke für bedeutsamer als das Rathaus halten. Dabei dürfte es eigentlich gar nicht Kröpcke heißen, und der Platz dazu erst recht nicht. Denn der Erfinder des Cafés hörte auf den Namen Johann Robby, stammte aus der Schweiz, war Zuckerbäcker und eröffnete sein Café 1797 - in der Leinstraße. Erst Enkel Georg verlegte es 72 Jahre später in die Georgstraße, und vermutlich nicht des Namens wegen. Der Bau war prächtig. Immer wieder wird erzählt, ein Pavillon der Pariser Weltausstellung habe als Vorbild fungiert. Vermutlich hat Architekt Otto Götze das Café aber einfach dem Zeitgeist entsprechend entworfen - kreuzförmiger Grundriss, Kuppel, Schornsteine, Gusseisen.

In diesem Café nun war dann endlich 1889 jener zunächst eher unscheinbare Kellner beschäftigt, der den Laden später übernahm und ihm 1895 seinen eigenen Namen gab: Kröpcke. Wilhelm Kröpcke. „Wir gehen zu Kröpcke“, entwickelte sich zur stehenden Redensart der hannoverschen Spaziergänger, und dann hieß bald auch der Platz wie das Café.

Der wohlfrisierte junge Mann lässt zwei ältere Herrschaften passieren, die erst mal einen Blick auf die Kuchenauslage werfen wollen, bevor sie sich anstellen (was sie dann tun). Hinten am Tresen sitzen zwei jüngere Herrschaften, sie im roten Strick, er in einer modischen Jacke, die an Bademantel erinnert, und starren auf ihre Smartphones. Früher, denkt man, haben die Leute noch miteinander geredet im Café.

Früher, das waren die Zeiten, als man den Gästen Eisen- und Straßenbahnfahrpläne zur Weinkarte auf den Tisch legte, damit sie den Anschluss nicht verpassten. Als Unverheiratete ohne Verlobungsring am Finger an dem wohlfrisierten Kellner niemals vorbeigekommen wären. Es gab sogar Zeiten, in denen Frauen generell unerwünscht waren. Früher, das war auch, als Wilhelm Busch im Kröpcke seinen Kaffee und Schlimmeres trank, als der Philosoph Theodor Lessing auf dem Sofa sinnierte, als Erich Maria Remarque hier - nein, nicht an seinen Romanen arbeitete, sondern an seinen nächsten Reklamesprüchen, denn er war damals in der Werbeabteilung der Conti-Gummiwerke beschäftigt.

Ein Mann in gelber Wattejacke - Typ Fabrikant-und-nur-zufällig-nicht-auf-Sylt - drängelt sich einfach am jungen Kellner vorbei. Er späht mit seinem Chef-Blick über die vollbesetzten Tische, aber der Blick vertreibt niemanden, nicht mal das Smartphone-Paar, das gar keines mehr ist, sondern innig plaudert. Frustriert zieht der Mann wieder ab. Nach einer Viertelstunde ist er demütig zurück - und bekommt sofort einen freien Stuhl.

Bei den Luftangriffen am 26. Juli 1943, die das Zentrum der Stadt zerstörten, fiel auch das Kröpcke in Schutt und Asche. Als Ersatz musste eine Holzbaracke dienen, aber darauf landete dann noch eine Bombe. 1947 eröffnete pünktlich zur ersten Hannover-Messe ein Zelt-Café. Kein Geringerer als der Architekt Dieter Oesterlen, von dem beispielsweise das Historische Museum und der Landtag im Leineschloss stammten, schuf dann einen luftigen Glas-Leichtmetall-Pavillon für das Nachkriegskröpcke. Der hielt immerhin von 1948 bis 1971. Von da an war Pause angesagt, seinerzeit wurde in Hannover noch mehr gebaut als heute, auch wenn man das kaum glauben mag - die U-Bahn kam. Das verwandelte den Platz in ein tiefes Loch und bedeutete für das Café Kröpcke: Abriss.

Aber dann! 18. November 1976. Neueröffnung, mit der Schweizer Gastrokette Mövenpick, die von den Hannoveranern erst kritisch beäugt, aber sehr schnell ins Herz geschlossen wurde. Und war da nicht irgendwas mit der Herkunft der Zuckerbäcker? Fast wie eine Tradition.

Den Architektenwettbewerb für den Gebäudekomplex - in dem man außer Lebensmitteln auch einige andere Mittel zum Leben bekommen kann, Schuhe und Unterwäsche und Fußballfan-T-Shirts und dergleichen - hatte der Hamburger Architekt Joachim Matthaei gewonnen. Allerdings musste er seine Planungen etwas modifizieren, eigentlich hatte er mehr Glas vorgesehen. Es sind diese parallelllaufenden tonnenhaften Kupferblechdächer geworden, passend zur U-Bahn, mit der Ästhetik einer Maschinenhalle oder eines Lockschuppens.

Und doch schön, oder? Fand damals nicht jeder. Die FAZ, die Frankfurter Arrogante Zeitung, sprach von „Darmgeschlinge“. Übrigens denkt man fast automatisch, auch die Überdachung des U-Bahn-Eingangs am Lister Platz oder die inzwischen abgerissenen Tonnendächer am ZOB seien von Matthaei. Sind sie nicht. Sie stammten von Architekt Detlev Draser aus der Bauverwaltung. Und sie standen eher als das Kröpcke.

Drinnen im Café bestellt ein frisch eingetroffenes junges Paar die hausgemachte Ingwerlimonade, ein älterer Herr will gewöhnlichen schwarzen Kaffee ohne irgendwas, und ein Paar, das seine Eheringe bestimmt schon vor 1976 in der Trauringschmiede um die Ecke gekauft hat, zerteilt gemeinschaftlich und hochkonzentriert ein Stück Schwarzwälder. Der junge Kellner am Eingang streicht sich über die Haartolle. Er hat Pause. Kurz. Gleich brummt es wieder.

Von Bert Strebe

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