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Misshandlung im Männerwohnheim

Das Opfer aus Zimmer 100

Von Sonja Fröhlich

Der Bewohner eines Männerwohnheims an der Schulenburger Landstraße wurde misshandelt. Jetzt stehen zwei Männer und eine Frau vor Gericht. Der Fall lässt erahnen, wie es um die Situation in den Unterkünften bestellt ist.
Foto: Ein Bewohner des Männerwohnheims an der Schulenburger Landstraße wurde misshandelt. Die drei mutmaßlichen Täter stehen nun vor Gericht.

Ein Bewohner des Männerwohnheims an der Schulenburger Landstraße wurde misshandelt. Die drei mutmaßlichen Täter stehen nun vor Gericht.

© Elsner

Hannover. Als die Polizeibeamten durch die Gänge laufen, sind die Zimmertüren im Männerwohnheim an der Schulenburger Landstraße geschlossen. Das ist ungewöhnlich. Nur eine einzige Tür steht offen, die zu Zimmer 100. Es ist das Zimmer von Detlev B. Der 55-Jährige liegt gekrümmt auf dem Boden, sein Körper ist voller Blut, das Gesicht geschwollen. „Ich habe schon einiges gesehen, aber nicht so etwas“, sagt eine junge Polizistin später vor Gericht. „Der hatte ja gar keine Augen mehr.“

Es ist der Nachmittag des 13. Juli 2011, draußen regnet es leicht, noch in der Nacht wird Hannover von einem stundenlangen Stromausfall lahmgelegt werden. Eben in dieser Nacht werden auch drei Tatverdächtige festgenommen: Markus H., Daniel von der B. und eine junge Frau namens Klaudia L. Sie kommen in Untersuchungshaft. Sie sollen dem Bewohner Geld und Schmuck abgenommen und ihn schwer misshandelt haben. Die Verletzungen waren laut einem Gutachten potenziell lebensbedrohlich.

Gestern begann vor dem Amtsgericht Hannover der Prozess. Nicht, dass der Fall besonders spektakulär wäre. Er wurde damals gar nicht erst öffentlich. Die Polizei hatte ihn in ihren Pressemitteilungen nicht erwähnt, die Zeitungen und Rundfunksender hatten nicht darüber berichtet. Ein Streit unter Männern im Trinkermilieu – so etwas passiert ja öfter. Und doch wirft der Prozess ein Schlaglicht auf die Situation in Männerwohnheimen wie eben das in Vinnhorst.

Der Angeklagte Markus H. ist wortkarg. Er trägt eine Lederjacke und längere Haare. Was soll er sagen? „Können Sie sich an nichts mehr erinnern?, fragt die Richterin. Markus H. schüttelt den Kopf: „An nichts.“ Filmriss. Drei Promille Alkohol soll er laut Gutachten an jenem Nachmittag im Blut gehabt haben. Der jungen Frau geht es ähnlich. „Meine Mandantin will sich einer Drogenentwöhnungstherapie anschließen“, erklärt Verteidiger Timo Rahn. Der Angeklagte mit dem adligen Namen, der von seinen Kumpels nur „Lucky“ genannt wird, weiß dagegen noch verhältnismäßig viel. Wie immer sei er an dem Tag an einem der Treffpunkte für Trinker gewesen und habe mit den anderen „so einiges getrunken“. Zwei Liter Sangria, drei Flaschen Wodka, rechnet er zusammen. Oder mehr. Seine Hände zittern unentwegt.

Zu dritt fahren sie später mit der Stadtbahn weiter zu dem Wohnheim an der Schulenburger Landstraße, wo sie einen Kumpel besuchen wollten. Irgendwie muss es da zum Streit mit dem Bewohner von Zimmer 100 gekommen sein. Nur er selbst habe zugeschlagen, versichert Lucky. Wie heftig und wie oft, will er nicht wahrgenommen haben. „Ich habe mich selbst erschrocken, als ich die Bilder von den Verletzungen gesehen habe“, sagt er. Womöglich hatte Detlev B. also noch Glück.

In dem städtischen Wohnheim sind in den vergangenen fünf Jahren drei Männer gewaltsam ums Leben gekommen, sie wurden zu Tode geprügelt oder erstochen. Den Taten ging ein Streit unter alkoholisierten Bewohnern voraus. Erst im September 2011 wurde ein 45-Jähriger von seinem Mitbewohner erstochen. Die Hintergründe der Tat sind unklar. Der Tatverdächtige soll auch bei seiner Festnahme einen Tag später noch zu betrunken gewesen sein, um sich erinnern zu können.

In dem Männerwohnheim leben 140 obdachlose Männer. Die Miete kostet 159 Euro im Monat, die Kosten übernimmt das Arbeitsamt. Die meisten Bewohner sind schwer alkoholabhängig und leiden unter psychischen Problemen. Die Polizei sieht dort kein ungewöhnliches Ausmaß von Gewalt. Die Situation in Vinnhorst sei nicht anders als in anderen Wohnheimen. „Die Klientel in solchen Unterkünften ist schwierig“, stellte ein Polizeisprecher fest.

Aber auch die Bedingungen in den Unterkünften scheinen schwierig. Nach einer Undercover-Recherche hatte der Journalist Günter Wallraff die Situation in der Obdachlosenunterkunft Bunker am Welfenplatz als „Horroszenario“ beschrieben. Auch die Dauerunterkunft in der Schulenburger Landstraße suchte er auf. Fazit: Die Betreuer hätten offenkundig keinerlei Erfahrung mit Alkoholikern und die Alkoholiker keine Perspektive, dort ohne fremde Hilfe herauszukommen. Es soll Obdachlose geben, die lieber auf der Straße erfrieren, als sich der aggressiven Stimmung in den Unterkünften auszusetzen.

Im Flur des Amtsgerichts warten 25 Zeugen. Das Opfer Detlev B., Mitte fünfzig, klein und gebrechlich, kommt in den Saal. Detlev B. erzählt, dass er in Großburgwedel geboren und als Kaufmann in der elterlichen Spedition gearbeitet habe. Irgendwann muss es dann bergab gegangen sein. Er sagt zynisch: „Ich wäre nicht in der 1. Adresse Hannovers zu Hause, wenn ich noch so viel Geld wie früher hätte.“ Man würde gern mehr über ihn erfahren, aber darum geht es in dem Prozess nicht.

Das Opfer erinnert sich selbst gut an den Tattag. Der Bewohner aus Zimmer 109 hatte ihn zu sich gerufen, weil er Freunde zu Besuch habe. Man habe ein Bier zusammen getrunken und palavert. „Plötzlich haben die mich ohne Grund angegriffen.“ Die Besucher hätten ihm 60 Euro, eine Uhr und eine Kette abgenommen. Als er die Sachen zurückforderte, sollen sie ihn geschlagen und getreten haben – allen voran der Mann namens „Lucky“, aber auch die Frau habe zugelangt: „Man hat mit mir Fußball gespielt.“

Die Folgen sieht man heute noch. Sein rechtes Auge ist fast hinter dem Augenlid verschwunden, die Körperhaltung gekrümmt. Die Täter hatten Gesicht und Rippen zertrümmert. Zwischendurch wurde der Bewohner gezwungen, sein T-Shirt auszuziehen und das Blut vom Boden zu wischen. Irgendwann gelang es ihm, sich in sein Zimmer zu schleppen, wo ihn die Polizei fand. Zwei Bewohner, die Zeugen der Tat waren, bezeichnen das Opfer als guten Freund. Wieso sie ihrem Freund nicht geholfen hätten, werden sie gefragt. „Ich hatte selber Angst“, sagt einer. Der andere weiß es nicht. Als er den Saal verlässt, klimpern Flaschen in seinem Rucksack. Der Prozess wird am 25. Januar fortgesetzt.

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