Hannover. Jeden Mittag ist es das gleiche Spiel. An der Podbielskistraße kommt gegen 13 Uhr ein älterer Herr mit prall gefüllter Plastiktüte. Sobald er sich der Noltemeyer-Brücke über dem Mittellandkanal nähert, werden die Tauben unruhig vor Vorfreude. Zu Dutzenden, manchmal sind es sogar bis zu 200 Tiere, flattern sie von der Metallbogenkonstruktion der Brücke herab. Der Mann verteilt seine Brotreste und geht seiner Wege. Wenn ihn jemand anspricht, dann sagt er nur: „Rauchen darf ich auch nicht“ – und kommt am nächsten Tag wieder.
Eigentlich gilt in Hannover ein Fütterungsverbot für wilde Stadttauben. Seit 2005 ist es im Paragraf 8 der Verordnung über öffentliche Sicherheit und Ordnung verankert und soll die Stadtbewohner vor Krankheitskeimen, Hauseigentümer vor dem ätzenden Kot und die Tauben vor unnatürlichem Vermehrungsdrang schützen. „Das Fütterungsverbot wird nach unserer Beobachtung weitgehend eingehalten“, sagt Stadtsprecher Udo Möller. Vereinzelt gebe es immer wieder „Menschen, die aus falsch verstandener Tierliebe Tauben füttern“. Meist ahndet das die Stadt nicht unmittelbar mit einem Bußgeld, sondern spricht zunächst einmal eine Ermahnung aus.
Ob die Taubenpopulation zunimmt, kann die Stadt derzeit nicht sagen. Stichprobeweise habe es immer mal wieder Zählungen gegeben; insbesondere an den einschlägigen Plätzen wie dem Steintor, dem Kröpcke, dem Ernst-August-Platz am Bahnhof, dem Lindener Küchengarten oder dem zentralen Klagesmarkt. Denn die Tauben treten gehäuft auf an Plätzen, an denen Fast-Food-Imbisse oder Wochenmärkte sind – oder an denen sie gefüttert werden.
Im Bezirksrat Mitte hatte im Dezember Gisela Preckel vom Seniorenbeirat moniert, dass sich am Lavesplatz die Taubenzahl auffällig erhöht – weil eine Anwohnerin fast täglich füttert. Passiert ist dort seitdem nichts. Der Geschäftsführer der City-Gemeinschaft, Martin Prenzler, berichtet von Seniorinnen, die jahrelang in der Innenstadt Tauben fütterten – und auf Verlangen eine Sondergenehmigung der Stadt vorzeigten. Inzwischen hat sich geklärt: Die Erlaubnisse waren nur erteilt worden, um kranke Tiere auszusondern oder Zählungen durchzuführen. Nach Angaben der Stadt sind sie eigentlich auch längst abgelaufen und werden nicht mehr verlängert. „Mindestens eine Dame füttert weiterhin“, sagt Prenzler. Mit voll bepacktem Einkaufs-trolley komme sie in die Innenstadt und verteile Brotreste an die Tiere.
So wie der Mann in Groß-Buchholz an der Kanalbrücke der Podbi. Gut 80 Jahre sei er alt und offenbar unbelehbar, sagt ein Anlieger. „Die Metallkonstruktion der Brücke ist an einigen Stellen völlig zugekotet – aber offenbar kümmert das keinen Verantwortlichen.“
Tierschützer: „Nur Schläge helfen“
Viele Tierschützer halten die Vorbehalte gegen Stadttauben für überzogen. „Fütterungsverbote sind verordneter Hungertod und verstoßen gegen das Tierschutzgesetz“, heißt es etwa auf einem Flugblatt der „AG Stadttauben, Menschen für Tierrechte“, das auch in Hannover verbreitet wird. Sinnvoll sei einzig das Einrichten von Taubenbehausungen, sogenannten Schlägen, in denen die Tiere und ihre Vermehrung kontrolliert werden könnten. Das passiert in der Regel, indem Taubeneier vor dem Brüten durch Gipseier ausgetauscht werden. So wird der Vermehrungstrieb gebremst.
Tierschützer fordern, den Reisetaubensport zu verbieten. Ihren Angaben zufolge lassen rund 65.000 Taubenzüchter jährlich an die sieben Millionen Brieftauben frei. Mindestens 30 Prozent fänden den Weg nicht zurück, sie blieben in den Städten quasi hängen. Weil sie sich nicht von Insekten oder Würmern ernährten, seien sie auf die Fütterung durch Menschen angewiesen. Stattdessen würden „Menschen kriminalisiert, die sich für Tiere engagieren“.
Tatsächlich sind bislang nur gut eine Handvoll Erreger nachgewiesen, die von Tauben auf den menschlichen Organismus überspringen können, etwa spezielle Salmonellen, Pilze, Bakterien, Parasiten, Zecken und Milben. Allerdings kam es in mehreren Fällen zu einem tödlichen Verlauf bei den infizierten Menschen. Mediziner warnen vor allem vor dem Umgang mit Kotstaub, mit dem Chlamydien (interzelluläre Bakterien) aufgenommen werden können. Insgesamt sei das Risiko, von Tauben mit Erregern angesteckt zu werden, beim Durchqueren einer Stadt nicht sonderlich hoch – größere Gefährdungen bestehen vor allem für Taubenzüchter, die sich häufig in Ställen aufhalten.
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