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Aus der Stadt Das alte IBM-Haus wird zum Drogentreffpunkt
Hannover Aus der Stadt Das alte IBM-Haus wird zum Drogentreffpunkt
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20:44 26.08.2010
Von Andreas Schinkel
Mitten in der Stadt und verwahrlost: Das ehemalige IBM-Gelände in der Hamburger Allee. Quelle: Rainer Surrey

Nach Einbruch der Dunkelheit schlägt er immer einen großen Bogen um das ehemalige IBM-Gebäude an der Hamburger Allee. „Ich wohne zwar in der Nähe, meide aber den Bereich“, sagt Kai Lehmberg. Vier bis fünf Trinker machten es sich abends regelmäßig im Wartehäuschen der Bushaltestelle Welfenstraße gleich vor dem Eingang zum IBM-Bau gemütlich. „Belästigt haben die mich noch nicht, aber die Atmosphäre ist schon unangenehm“, sagt Lehmberg. Was ihn ebenfalls stört, ist der verwahrloste Zustand des von Dieter Oesterlen entworfenen Hauses. Zwischen den Bodenfliesen vor dem Eingang wuchert das Unkraut, die Glasscheibe in der Tür ist gesplittert und nur notdürftig geflickt worden, an der steinernen Fassade mit ihren vorspringenden Geschossen rinnt der Rost herunter.

Kein Zweifel, das ehemalige IBM-Haus gehört zu jenen Ecken der Stadt, die getrost als Schandfleck bezeichnet werden können, ebenso wie der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) oder der Passarellentunnel unterm Raschplatz, über die diese Zeitung bereits berichtet hatte.

Fünf Jahre ist es her, dass sich der Computerkonzern aus Hannover zurückzog. 250 Beschäftigte mussten das Haus an der Hamburger Allee verlassen. Zwar hatten 200 Mitarbeiter protestiert und ihrem Ärger in einer Demonstration vor dem Gebäude Luft gemacht, doch genützt hat es nichts. Seitdem steht das Haus leer, und die mehr als 50 Firmenparkplätze rund um das Gebäude bleiben abgesperrt. „Auch das ist ein Frevel in einem Stadtteil, in dem ständig Parkplatznot herrscht“, meint Anwohner Lehmberg.

Eigentümer des Oesterlen-Baus ist die Immobilienfirma Turtle Portfolio GmbH & Co KG mit Sitz in Frankfurt am Main. Das Unternehmen ist weder telefonisch noch per E-Mail zu erreichen und offenbar wenig an einer Vermietung interessiert. „Vor eineinhalb Jahren hatte sich ein Bio-Supermarkt für den Standort interessiert, aber daraus ist nichts geworden“, erinnert sich Michael Dette, Bauexperte der Grünen-Ratsfraktion. Nach Angaben der Stadtverwaltung gebe es derzeit keinen Interessenten, der in den Bau einziehen will. Im Stadtbezirksmanagement streitet man sich, wer überhaupt für das Areal zuständig sein soll, die Bezirksmanagerin aus Vahrenwald-List oder ihre Kollegin, die den Bezirk Mitte betreut.

Damit ist das Gebiet rund um das IBM-Haus Niemandsland, es fällt gleichsam aus der öffentlichen Wahrnehmung heraus, ähnlich wie der ZOB. Und ebenso wie der Busbahnhof zieht das verwahrloste Gelände eine bestimmte Klientel an. „Häufig drücken sich Drogensüchtige in den dunklen Ecken vor dem Eingang des Gebäudes herum“, sagt Erika Wolf, die jeden Tag an der Haltestelle Welfenstraße auf den Bus wartet. Die Süchtigen konsumierten dort ungeniert ihr Rauschgift, sagt Wolf. „Das Wartehäuschen hier sieht oft aus wie eine Trinkhalle“, erzählt sie und kegelt mit dem Fuß einen Flachmann zur Seite. Am späten Abend streckten sich die Zecher dann auf der Sitzbank aus, um ihren Rausch auszuschlafen. Aber dann seien die Üstra-Fahrgäste ohnehin schon aus dem Wartehäuschen geflüchtet. „Angepöbelt hat mich aber noch keiner von den Trinkern“, betont Wolf.

Das bestätigt auch Irina Kerber. Die junge Frau wohnt nur wenige Schritte vom IBM-Haus entfernt in einer Seitenstraße. „Dennoch habe ich Angst, wenn ich hier im Dunkeln entlanggehe“, sagt sie. Ihre Mutter habe damals bei IBM in dem Oesterlen-Bau gearbeitet, nach der Aufgabe des Standorts sei sie dann in einer anderen Firma untergekommen. „Unglaublich, wie das Gebäude jetzt aussieht“, sagt Kerber und lässt ihren Blick über die beschlagenen Fenster und die schmutzige Fassade gleiten.

Stillstand auf dem Güterbahnhof

Nur wenige Schritte vom IBM-Haus entfernt sieht es nicht besser aus. Entlang dem Weidendamm erstreckt sich eine riesige Industriebrache, allein die Halle des ehemaligen Hauptgüterbahnhofs misst 38.000 Quadratmeter. Zwar wirkt die Nordseite des Areals aufgeräumt und sauber, weil sich dort die Post niedergelassen hat und für entsprechenden Publikumsverkehr sorgt, doch der große Parkplatz im Westen des Bahnhofs gleicht an vielen Stellen einer Müllhalde.

Wie eine Müllhalde: Alle Pläne für den Hauptgüterbahnhof haben sich zerschlagen. Quelle: Rainer Surrey

Autoteile, Plastiktüten, Flaschen und Dinge, von denen man gar nicht so genau wissen will, was sie einmal waren, liegen zwischen parkenden Lastwagen. Als Rückzugsraum für Prostituierte und ihre Freier dient der Platz in den späten Abendstunden, das ist in der Nordstadt ein offenes Geheimnis. „Irgendwo müssen die ja hingehen, und solange keine Kinder dort herumlaufen, finde ich das in Ordnung“, meint Bezirksbürgermeisterin Edeltraut-Inge Geschke. Viel mehr regt sie die Achtlosigkeit einiger Bürger auf. „Auf dem Parkplatz einfach seinen Müll zu verklappen, finde ich schlimm“, sagt sie.

Ideen für eine Umgestaltung gibt es genug. Aus der Parkfläche sollte ein einladender Stadtplatz werden, ein Fuß- und Radweg über die Brache bis nach Vahrenwald führen, und in der Bahnhofshalle sollten sich Geschäfte und kulturelle Einrichtungen niederlassen. „Ein kleines Theater oder Übungsräume für Bands könnte ich mir dort vorstellen“, sagt Geschke. Allein es fehlt am Geld, mehr denn je. Im Juni wurde dem Antrag auf fast acht Millionen Euro Fördergeld aus Bundes- und Landeskassen eine Absage erteilt. „Es muss alles zurück auf Start“, sagte damals Ralf Packeiser, Sprecher des Güterbahnhof-Eigentümers Aurelis. Seitdem stagnieren die Vorhaben.

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