Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
„Da gibt es nicht viel Toleranz“

Hannovers Türken „Da gibt es nicht viel Toleranz“

Hannovers Türken sind es leid, als Stellvertreter für den Konflikt in ihrem Heimatland herhalten zu müssen. Öffentlich gegen Staatspräsident Erdogan aussprechen möchten sich nicht viele – aus Angst vor dem Zorn ihrer Landsleute.

Voriger Artikel
Klinik Auf der Bult behandelt 10.249 Kinder
Nächster Artikel
Immer mehr Fälle von Fahrerflucht in Hannover

Ceren Yalcin und Teynep Dogrusöz äußern sich zum Konflikt in der Türkei.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Mehmet Mehdi Eker kommt nun nicht, jedenfalls nicht in den Lister Turm. Die Stadt hat den türkischen AKP-Funktionär ausgeladen. Aber ändert das irgendetwas für die vielen Türken, die von ihren deutschen Bekannten seit Wochen auf nichts anderes angesprochen werden als auf Präsident Erdogan und seine Verfassungsänderung? Nein, sagt Zeynep Dogrusöz. Sie befürchtet sogar, dass solche Verbote die Situation verschärfen: „Die Ja-Sager werden ihre Propaganda andernorts abhalten und über das undemokratische Deutschland schimpfen.“

Neulich trug die 36-Jährige zum Sport ein T-Shirt mit der Aufschrift „Istanbul“. Vermutlich lag es daran, dass sie in der Umkleide von einer älteren Dame angesprochen wurde. Ob sie wisse, was Erdogan in der Türkei mache, fragte sie. Er wolle eine Diktatur, Deutschland sei eine Demokratie. Und weiter: „So jemanden wollen wir hier nicht.“

Es ist nur eine kurze Episode – aber eine, die Dogrusöz typisch erscheint. Typisch für die Situation ihrer Landsleute in Hannover in Zeiten, in denen Staatspräsident Erdogan lautstark um Stimmen für das Referendum über seine Parlamentsreform wirbt. „Enorm belastend“ für die vielen türkischstämmigen Jugendlichen sei das, mit denen die Juristin in dem Projekt „Take part“ des Türkischen Jugend- und Studentenverbandes mit Sitz in Hannover zu tun hat. „Sie werden in ihrem normalen deutschen Alltag ständig mit der Politik in der Türkei konfrontiert, müssen ständig als Stellvertreter herhalten“, sagt sie.

Die meisten schweigen

Dogrusöz setzt sich für „ihre“ Jugendlichen ein, etwa bei einer Veranstaltung am 26. März zum Thema Demokratieverständnis an der Leibniz-Universität. Weil das für sie ein Herzensanliegen ist, spricht sie öffentlich über ihre Sicht auf die Türkei. Das tun in diesen Tagen nicht viele Türken und türkischstämmige Deutsche in Hannover. Wer Fragen stellt, bekommt immer wieder die Antwort „Nein“.

In den Dönerbuden, türkischen Bäckereien und Gemüseläden am Steintor beispielsweise wird nur hinter vorgehaltener Hand über den türkischen Wahlkampf und die Verfassungsreform gesprochen. Zu groß ist die Sorge, dass die Kundschaft wegbleibt. Auf dem Platz ist die Spannung zwischen Erdogan-Anhängern und Kritikern deutlich zu spüren. Eigentlich weiß man auch, wer die Ja- und wer die Nein-Sager sind. „Aber wenn ich öffentlich sage, dass Erdogan ein Diktator ist, verbreitet sich das auf Facebook und dann zeigen alle mit dem Finger auf mich“, sagt der Besitzer eines Cafés. Im Gespräch findet er aber eindeutige Worte, amüsiert sich über Youtube-Clips, die den türkischen Präsidenten auf einem Esel oder vor einer blökenden Schafsherde zeigen. Seiner Meinung nach müsse Deutschland stärker auf den Tisch hauen: „Wer Nazi-Vergleiche anstellt, mit dem darf man nicht verhandeln.“

Ähnlich sieht das auch der Besitzer einer Bäckerei. Deutschland sei ein demokratisches Land, dass sich die Provokationen aus der Türkei nicht gefallen lassen dürfe. Seit Anfang der Neunzigerjahre lebt er in Deutschland, er schätzt die Meinungsfreiheit, doch gegen Erdogans Politik zu protestieren traut er sich nicht. „Man weiß nie, wer meine Meinung weiterträgt.“

Scham über Nazi-Vergleiche

Auch eine türkische Geschäftsfrau möchte öffentlich nicht zitiert werden. Was fürchtet sie für Konsequenzen? „Ich habe viel mit türkischen Kunden zu tun“, sagt sie. „Wenn ich öffentlich sage, dass ich beim Referendum mit ,Nein’ stimme, habe ich die Fraktion der Ja-Sager verloren. Da gibt es nicht viel Toleranz.“ Es seien oft Menschen aus bildungsfernen Schichten, die in Deutschland nie wirklich Fuß gefasst hätten, die sich für Erdogan begeisterten, sagt die Frau, die selbst seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt. Sie habe in Hannover ihren Platz gefunden, könne problemlos Ja zu Deutschland sagen. Dass Erdogan das heutige Deutschland mit dem der Nazis vergleiche, dafür schäme sie sich. Andere Türken dagegen hätten hier Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung, erlebt – und vergötterten in Erdogan einen Mann, der ihnen Identifikationsangebote mache.

Ausgrenzung, Rassismus hat auch die 21-jährige Ceren Yalcin immer wieder erlebt. Erst vor ein paar Tagen habe ein Radfahrer ihr „Scheißtürkin“ entgegengerufen: „Dabei bin ich hier aufgewachsen.“ AKP-Wahlveranstaltungen in Deutschland lehnt sie ab: „Man sollte nicht in einem anderen Land für sein eigenes Politik machen“. Dass die Veranstaltung in Hannover abgesagt wurde, findet sie gut. Die Situation sei schon so aufgeladen: „Das wird dafür sorgen, dass sich der Ton nicht verschärft.“

Von Jutta Rinas und Linda Tonn

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Anfang Juli heiratete Ernst August Erbprinz von Hannover Ekaterina Malysheva. Auf unserer Themenseite finden Sie Bilder, Videos und Berichte zur Promi-Hochzeit des Jahres in Hannover.

Fest der Kulturen vor dem Rathaus

Musik, die Grenzen sprengt, ein Markt als Weltreise und junge Zukunftsvisionen: Das Fest der Kulturen beginnt mit einer Vielzahl von Eindrücken.