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Das gefällt Stararchitekt Peter Girgis an Hannover

Stadtrundgang Das gefällt Stararchitekt Peter Girgis an Hannover

„Dieser Stadt würde ich gern bei der Entwicklung zusehen“: Der unvoreingenommene Starachitekt Peter Girgis von der Osloer Architekturschmiede Snøhetta wagt einen Rundgang durch die Innenstadt Hannovers. HAZ-Redakteur Conrad von Meding hat ihn begleitet.

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Peter Girgis erzählt, was er von hannoverscher Architektur hält.

Quelle: Irving Villegas

Hannover. Ist Hannover eine langweilige Stadt? Bauen wir unverantwortlich alle Plätze zu? Ist das neue Sprengel-Museum ein großer Wurf? Am Wochenende war der Architekt Peter Girgis auf Einladung der Hochschule zu einem Vortrag in Hannover – er arbeitet beim norwegischen Büro Snøhetta, einer der weltweiten Star-Architekturschmieden, die etwa mit der spektakulären Oper im Hafen von Oslo Schlagzeilen gemacht hat oder mit der neuen Bibliothek von Alexandria. Girgis selbst hat mit seinem Team das Portal für Ground Zero in New York entworfen, den Nachfolgebau des World Trade Centers. Was hält so jemand, der Hannover noch nie gesehen hat, von der Stadt, die vielen in Deutschland als graue Maus gilt? Wir haben eine Runde mit ihm gedreht, zu Fuß und im Auto.

Peter Girgis, Senior-Innenarchitekt bei der Osloer Architekturschmiede Snøhetta, zeigt bei einem Innenstadt-Rundgang seine Sicht auf Hannover.

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Extreme: Sparkasse und Holland-Pavillon

Am meisten überrascht ihn beim Innenstadtrundgang, wie gut das Sparkassengebäude neben der Markthalle verwandelt wurde: Von der typischen Siebzigerjahre-Architektur des Betonbrutalismus in ein gläsernes, offenes Gebäude (Architekt: Schulze Partner spa). Und erschüttert ist er über den Holländischen Pavillon im Expo-Park. Der Bau war Unterrichtsthema in seiner Architektenausbildung. „Ich kenne das Gebäude nur aus Bildern. Dass es in Hannover steht, hatte ich vergessen – und dass es so heruntergekommen aussieht, ist trostlos“, sagt Girgis und schießt Handyfotos in der Abenddämmerung.

„Vernünftig gelöst“: Das Kröpcke-Center

Erste Station ist das Kröpcke-Center. Girgis weiß nichts über die Vorgeschichte. Er lobt höflich, dass ihm die Sandsteinoptik gut gefällt und sagt dann, dass der Eingang auf der spitzen Ecke gut geplant ist. „Ach so, da ist gar kein Eingang – man geht an den Seiten hinein? Das ist schade.“ Und dann sagt er noch etwas, was man am besten mit Allerweltsarchitektur übersetzt, nur dass das bei Architekten immer etwas ausführlicher ist: Die Proportionen stimmen, das Gebäude steht ordentlich auf dem Platz, aber ein besonderer Wurf ist es nicht. Urteil: „Vernünftig gelöst.“

„Großartig“: Die Oper

Vorbei geht es an der „großartigen“ klassizistischen Oper durch die Georg- und Windmühlenstraße zur Osterstraße. Angesprochen auf das Gebäude der Deutschen Hypo stutzt Girgis, schaut noch einmal genauer hin. „Ist das der gleiche Architekt?“ Treffer. Vom Berliner Büro Kleihues + Kleihues hat er noch nicht gehört. „Zum Kröpcke passt der Entwurf besser als hier in der engen Straße“, sagt Girgis.

Gelungener Umbau: Altes Rathaus

Das nächste Ziel ist das Alte Rathaus. Im 19. Jahrhundert hat die Hannoversche Architekturschule von Conrad Wilhelm Hase die Backsteinarchitektur nicht nur in Norddeutschland und den Niederlanden geprägt, sondern besonders auch in Norwegen. Allerdings kommt Girgis ursprünglich aus den USA – bis dahin haben es Hases Schüler nicht geschafft. Den Umbau aber lobt der Architekt: Gut die modernen Fenster, toll die Nutzung des Innenhofes. Nein, die Glasdächer über den Eingängen, das hätte er nicht gemacht, „aber sie sind wohl nötig zu Regenschutz?“ Sehr pragmatisch.

Schön: Der viele Backstein

Ein kurzer Blick in die Altstadt, dann geht es im Auto weiter. Dass Hannover einen echten Frank-O.-Gehry-Bau hat, den gedrehten Stahltum am Steintor, fasziniert ihn. Am Klagesmarkt, wo der Neubau von BKSP entsteht, versteht er sofort, was mit dem in Hannover allgegenwärtigen Begriff der Schießscharten gemeint ist: Die eher schmalen, bodentiefen Fenster seien „ein Werkzeug aus dem Standardbaukasten der Architekten heutzutage“: zweckmäßig, man darf es nicht übertreiben. Dennoch: „Das ist Architektur, wie sie derzeit in vielen großen Städten gebaut wird.“ Und dass Hannover so viel mit Backstein gestalte, gefällt ihm – hat doch die Norddeutsche Backsteingothik in Hannover ihre Wurzeln, wie er jetzt weiß. „Es ist wichtig, sich auf regionale Besonderheiten zu besinnen“, sagt Girgis. Nicht immer aber gelingt das. Neben der Christuskirche ist ein Backsteingebäude (Entwurf: Bruno Fioretti Marquez) gewachsen, das dank seines großen Steildachs und der Steinfassade mit der Kirche korrespondieren soll, die als Hauptwerk Hases gilt. Diplomatisch sagt Girgis, dass die Fensterproportionen vielleicht nicht so gelungen und die Loggienbalkone völlig untypisch seien: „Aber es erfüllt seinen Zweck, Wohnungen und eine Gastronomie zu bieten.“ Ein fast vernichtendes Urteil. Übrigens fragt er mit einem Seitenblick auf den gegenüberliegenden, mit Autos vollgestellten Parkplatz Klagesmarkt, ob das einer von den Plätzen sei, die Hannover mit Häusern bebauen wolle. Nein, dieser teil bleibt Platz, ist die Antwort. Schade, sagt er. Eine Stadt brauche Plätze, aber solch eine Blechlawine in der Stadt sei ästhetisch und funktional schwer zu ertragen.

Durchaus zu retten: Das Maritim Hotel

Quer durch die Stadt geht es zum Neuen Rathaus. Urteil: „Wirklich beeindruckend, der Stolz, mit dem die Bürger es gebaut haben.“ Gegenüber ist das Flüchtlingsheim im alten Maritim. Girgis ist beeindruckt: „500 Flüchtlinge? Wow“, sagt er. „Dem Gebäude kann man mit ein paar Ideen wieder zu einer zeitgemäßen Architektur verhelfen.“ Weiter geht es zum Aegi. Das Architekturbüro Behnisch, von dem die Nord/LB stammt, kennt Girgis gut, er staunt über die schräge Architektur im Inneren („Da stecken tolle Ideen drin“). Das neue Deloitte-Gebäude von BKSP am Aegi passt für Girgis „doch in der Dimension hier sehr gut an den Platz“.

„Ausdrucksstark“: Sprengel-Museum

Rückwärtig nähern wir uns dem Anbau des Sprengel-Museums, trotzdem erkennt er sofort: „Das muss ein Museum sein.“ Die Architektur von Meili+Peter aus der Schweiz, einen schwebenden Betonklotz auf ein Fensterband zu stellen, findet er ausdrucksstark, aber „mein Herz berührt er nicht“. Dafür lockt ein ganz anderes Gebäude seine Aufmerksamkeit: Auf dem Weg zum Expo-Park passieren wir die Geibelstraße, und dort steht der große Bau des Restaurants „Zauberlehrling“ (Architekt Andreas Römeth). Altdeutsches Klinkerformat, ein golden schimmerndes Dach, gute Proportionen bei den Fenstern – Girgis' Augen leuchten.

Beim Abschied sagt er, dass Hannover ihn mit der Vielfalt beeindruckt hat. Nicht alles sei schön, aber Schönheit sei subjektiv. Und dann sagt er noch das: „Ich würde dieser Stadt gerne bei der Entwicklung zusehen.“ Wenn das kein Kompliment ist.

Von Conrad von Meding und Anna Beckmann

Der 38-jährige Peter Girgis lebt mit Frau und zwei Kindern seit elf Jahren in Oslo. Die Stadt ist mit Hannover vergleichbar: 600 000 Einwohner, mit Umland gut eine Million, und in der Gesamtheit auch keine Architekturperle. „Aber die Schönheit einer Stadt hat nicht nur mit Architektur zu tun“, sagt Girgis, der in New York aufgewachsen ist. „Oslo verändert sich in letzter Zeit, weil die Menschen offener werden. Es sitzen mehr Menschen bei gutem Wetter draußen, es gibt neue Restaurants, wir spüren eine neue Offenheit. Das ist es, was eine gute Stadt ausmacht – qualitätsvolle Architektur kann das Lebensgefühl ergänzen, aber nicht ersetzen.“

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