Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Das ist der jüngste Priester Hannovers

Katholische Kirche Das ist der jüngste Priester Hannovers

Liegt der Nachwuchsmangel bei katholischen Pfarrern nur am Zölibat? Unser Reporter Simon Benne hat Hannovers jüngsten Priester, Stefan Mispagel, besucht und mit ihm über die Aufgaben seines Berufs, den Nachwuchsmangel und das Zölibat gesprochen.

Voriger Artikel
So schwer ist die Suche nach einer Dezernentin
Nächster Artikel
Schuhe im Wert von 35.000 Euro gestohlen

"Ich wusste immer, dass ich kein religiöser Spinner werden wollte": Stefan Mispagel.

Quelle: Kutter

Hannover. Da war kein Blitz, der aus einer Wolke kam. Kein helles Licht. Kein Erweckungserlebnis. Und doch nahm sein Leben irgendwann eine entscheidende Wende: „Eigentlich wollte ich Karriere machen, Geld verdienen, eine Familie gründen“, sagt Stefan Mispagel, der nach einer Banklehre erst mal Wirtschaftswissenschaften studierte. Mit seinem akkurat gestutztem Bart und dem karierten Hemd unterm blauen Pullover sieht er immer noch ziemlich smart aus. Man könnte ihn sich problemlos im Anzug vorstellen, als Investmentbanker, oder am Wochenende auf dem Golfplatz. Ein Mann, der mit beiden Beinen im Leben steht. „Priester zu werden – das passte so gar nicht zu dem, was ich eigentlich vorhatte“, sagt er.
Doch jetzt ist er genau das. Seit 2012 ist Mispagel Kaplan am Ökumenischen Kirchenzentrum Mühlenberg. Ein Kaplan ist eine Art Nachwuchspfarrer, und es ist ein aussterbender Beruf: In der Region Hannover liegt das Durchschnittsalter katholischer Priester bei 64 Jahren, wenn man jene Geistlichen mitzählt, die auch jenseits des Ruhestands aktiv sind – und das sind sehr viele: Priester gehen zwar mit 68 in Rente, doch viele feiern weiterhin Messen, trauen Paare, beerdigen Verstorbene.

Das ist auch nötig, denn Nachwuchs gibt es kaum. Im gesamten Bistum Hildesheim, das etwa den Osten Niedersachsens umfasst, wurde im vergangenen Jahr ein einziger neuer Priester geweiht. 2014: null. 2013: null. Vor 50 Jahren, 1965, waren es immerhin 14 gewesen. Mispagel ist ein Exot. Jemand, der gegen einen Trend lebt. Mit 39 Jahren ist er Hannovers jüngster Priester.

Stefan Mispagel als Kaplan im Ökumenischen Kirchencentrum Mühleberg am Altar.

Stefan Mispagel als Kaplan im Ökumenischen Kirchencentrum Mühleberg am Altar.

Quelle: Kutter

                                                                          

„Gerade hat ein Paar angerufen, das ich vor anderthalb Jahren getraut habe – jetzt wollen sie ihr Kind taufen lassen“, erzählt er, während er im Mühlenberger Kirchencentrum sitzt, die Tasse Kaffee in der Hand. Gleich muss er raus, Nistkästen basteln mit Kindern. Er erzählt von der Vielfalt seines Jobs: „Man schreibt Predigten, feiert Gottesdienste im Hospiz, ist mit Jugendgruppen unterwegs – es ist ein wirklich schöner Beruf.“

Der Weg zu dieser Entscheidung war lang: Da war das Wirtschaftsstudium, das ihn enttäuschte. Da war diese Anhalterin, die er im Auto mitnahm, und die von ihrem Theologiestudium schwärmte. Und da war das Praktikum, das er nicht bei einer Unternehmensberatung, sondern auf einer Missionsstation in Indien absolvierte. „Vorher sagte ich zu Gott: ,Jetzt hast du ein halbes Jahr Zeit für ein Berufungserlebnis’“, erzählt er lächelnd. Doch ein solches blieb aus. Stattdessen lernte er in Indien einen Priester kennen, der ihn beeindruckte: „Er lebte die Bibel, ohne viele Worte zu machen“, sagt er. „In Indien spürte ich, dass man zu Gott eine sehr persönliche Beziehung haben kann.“

Aufgewachsen war Mispagel in Giesen bei Hildesheim, mit Kirchgang, Tischgebet und Ministrantendienst. „Eine ganz normale katholische Kindheit“, wie er sagt. Der 39-Jährige ist ein bodenständiger Mann: „Ich wusste immer, dass ich kein religiöser Spinner werden wollte, der mit der Botschaft ,Jesus liebt Dich!’ durch die Welt tingelt“, sagt er. Vor sechs Jahren wurde er zum Priester geweiht. Ohne Schlüsselerlebnis. „Gott hat mir wohl die Freiheit gegeben, selbst Ja oder Nein zu sagen“, sagt er dazu.

Der Nachwuchsmangel verändert das Berufsbild allerdings dramatisch. Katholische Geistliche müssen heute städtische Großgemeinden mit mehr als 10 000 Seelen betreuen. Auf dem Land ist ein Pfarrer oft für Dutzende Dörfer zuständig. In den Gemeinden der Kirchenregion Hannover tun derzeit noch 31 Priester Dienst. Bis 2025 gehen voraussichtlich elf davon in Ruhestand. Bleiben noch 20 Geistliche – für 23 Pfarreien. Die meisten Gemeinden sind längst zu Großpfarreien mit mehreren Kirchen fusioniert. Engagierte Laien übernehmen dort Beerdigungen oder die Taufvorbereitung.

Ein neuer Plan sieht nun vor, dass im Raum Hannover mittelfristig nicht mehr jede Gemeinde einen eigenen Pfarrer hat, sondern „pastorale Teams“ im „pfarrübergreifenden Personaleinsatz“ für mehrere Pfarreien zuständig sein sollen. Für Priester bedeutet das, dass ihre Wege länger werden und die Kopfzahl ihrer Gläubigen weiter wächst.

Mancher fürchtet schon, dass Gemeinden einen Geistlichen bald nur noch als durchhuschenden Gast erleben, der permanent von Gottesdienst zu Gottesdienst eilt, der seine Gläubigen kaum noch kennt – und dessen Radius sich mit jedem ausscheidenden Amtsbruder nochmals vergrößert. Bereits jetzt sind in Hannover Sonntagsmessen oft überlaufen: Da die Zahl der Priester schneller schrumpft als die der Gottesdienstbesucher, zeigt sich der Abbruch kirchlicher Traditionen manchmal paradoxerweise in überfüllten Kirchen. Hält die Entwicklung an, könnte Mispagel irgendwann der letzte Priester weit und breit sein. Der Pfarrer von Hannover und Umgebung.

„Ein wenig graut mir davor schon, denn zum Leben als Priester gehört für mich die Verbundenheit mit anderen Priestern“, sagt er. Und wie soll so ein Durchreisegeistlicher noch für seine Gemeindemitglieder da sein? „Glaubwürdig ist Kirche, wenn es ansprechbare Seelsorger gibt, die im Alltag mit der Gemeinde leben“, sagt er.

Der Nachwuchsmangel hat viele Ursachen: Seit Jahren zerbröselt die Volkskirche alten Schlages, die immer neue Pfarrer hervorgebracht hat. Der Glaube verdunstet, und Missbrauchsskandale haben dem Image der Pfarrer überdies geschadet. Vor allem aber sehen auch gläubige Katholiken die Hauptursache der Misere im Zölibat. Für Priester ist der Verzicht auf Ehe, Sex und eigene Kinder Pflicht – also auf alles, was ein Leben nach landläufigen Maßstäben zu einem erfüllten Leben macht.

Dass nur der Zölibat schuld ist, würde Mispagel nicht unterschreiben – schließlich hätten auch die Protestanten Nachwuchssorgen: „Ohne Zölibat hätten wir vielleicht einige Priester mehr – doch generell nimmt in der Gesellschaft die Bereitschaft ab, sich lebenslang an etwas zu binden“, sagt er. Im Zölibat sieht er durchaus einen Sinn: „Dieser zeigt, dass man in einer engen Beziehung zu Gott stehen kann – so eng,  dass man mit dieser scheinbaren Leerstelle glücklich sein kann.“ Ein soziales Netz, Freundschaften, der Urlaub mit den Familien seiner Geschwister – einsam fühle er sich als Priester jedenfalls nicht, sagt er. Seine vorsichtige Bilanz: „Momentan würde ich sagen, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.“

Von Simon Benne

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Sonnenuntergang über Hannover

Am 08. Dezember gab es einen tollen glutroten Sonnenuntergang über Hannover. Hier sind die Fotos der HAZ-Leser.