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Das lange Leiden der Patienten

Fehlerhafte Zahnbehandlung Das lange Leiden der Patienten

Körperverletzung, Abrechnungsbetrug und überhöhte Honorarforderungen - diese Vergehen werfen Betroffene einem hannoverschen Zahnarzt vor. 60 Geschädigte haben sich zu einer Initiative zusammengeschlossen.

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Die Initiative informierte im September Besucher des Arztes vor dessen Praxis.

Quelle: Behrens

Hannover. Kraftvoll zubeißen kann Dirk Faikosch schon lange nicht mehr. Seit sieben Jahren muss der 42-Jährige Nahrungsmittel wie Brötchen oder Äpfel klein schneiden und mit den Backenzähnen zerkauen. Denn ebenso lange schon trägt er ein Provisorium, das bei starker Belastung leicht mal aus dem Mund fällt. Grund für diese Situation ist eine missglückte Zahnarztbehandlung im November 2004, bei der ihm vier Schneidezähne im Oberkiefer gezogen und durch Implantate ersetzt wurden. Sein behandelnder Arzt, der bekannte Implantologe Dr. L., hatte Faikosch während der Behandlung einer Zyste am Oberkiefer geraten, die Zähne sofort ziehen zu lassen und durch Implantate zu ersetzen. Als Faikosch wenige Tage danach die Rechnung erhielt, wurde er das erste Mal stutzig.

Einige der darin aufgelisteten Positionen waren deutlich teurer als vereinbart, außerdem wurden Leistungen in Rechnung gestellt, die gar nicht erbracht worden waren, stellte ein Sachverständiger im Auftrag des Landgerichts später fest. Dennoch zahlte der Garbsener in guter Absicht zunächst 5000 Euro der Rechnungssumme von insgesamt fast 12.500 Euro. „Da wusste ich aber noch nicht, dass ich nur Schrott im Mund habe“, erzählt der Techniker. Mehrere Gutachter haben ihm attestiert, dass ein Implantat weniger tief versenkt wurde als die übrigen drei – trotz computerassistierter Navigation, für die Dr. L. 2000 Euro in Rechnung gestellt hatte. Außerdem neigen sich alle gesetzten Implantate nach vorn zur Lippe. „Würden Kronen darauf aufgesetzt, sähe das aus wie ein Rattengebiss“, sagt Faikosch. Seitdem befindet sich der Garbsener in einer Art Dauerrechtsstreit mit Dr. L.

Weil der Implantologe sein komplettes Rechnungswesen durch Dienstleister erledigen lässt, die für ihn Honorare eintreiben, Mahnungen verschicken und notfalls gerichtlich durchsetzen, klagt eine dieser Abrechnungsgesellschaften seit 2005 gegen den 42-Jährigen auf Zahlung des Arzthonorars. Faikosch ist Widerkläger und hat Dr. L. wegen fehlerhafter Abrechnung angezeigt. Außerdem klagt er auf Schadensersatz und Mängelbeseitigung. Noch immer ist die gerichtliche Beweisaufnahme in diesem Fall nicht abgeschlossen. „Es ist ein Albtraum.“ Zahnarzt L. bestreitet alle Vorwürfe.

Faikosch ist nicht der einzige klagende Patient des hannoverschen Arztes. Neben Patienten, die ihm Behandlungsfehler vorwerfen, gibt es eine zweite, stetig wachsende Gruppe, die von Abrechnungsgesellschaften mit Mahn- und Klageverfahren überzogen werden, weil sie überhöhten und nicht nachvollziehbaren Honorarforderungen nicht nachkommen wollen. In einer vor zwei Jahren gegründeten Patienteninitiative haben sich inzwischen 60 Geschädigte zusammengeschlossen. Bisher sind bei der hannoverschen Staatsanwaltschaft mehr als 20 Strafanzeigen eingegangen, die Kriminalpolizei hat eine eigene Ermittlungsgruppe eingerichtet. Die häufigsten Vorwürfe der Geschädigten lauten auf Abrechnungsbetrug und Körperverletzung.

Mit der immer gleichen Methode versuche L., den Patienten das Geld aus der Tasche zu ziehen, sagt der hannoversche Fachanwalt für Medizinrecht, Marc Chérestal, der zahlreiche Patienten von Dr. L. vertritt, inzwischen aus dem gesamten Bundesgebiet. Und ständig werden es mehr. Alle müssten vor Beginn einer Behandlung, sozusagen als Grundlage, zunächst umfangreiche Voruntersuchungen über sich ergehen lassen – Röntgenaufnahmen aller Zähne, Kiefer vermessen, 3-D-Aufnahmen. „Damit sind sie schon 2800 Euro los, bevor eine Behandlung überhaupt begonnen hat“, beschreibt es Chérestal. Beiläufig würden sie dann zur Unterschrift unter Honorarvereinbarungen gedrängt, manchmal sogar mit dem Klemmbrett noch im Behandlungsstuhl.

„Bevor ich nachdenken konnte, wurde mir ein Heil- und Kostenplan vorgelegt und gezeigt, was ich alles zu unterschreiben hätte“, sagt etwa Roland Spanning, der die Praxis von Dr. L. im Juni wegen eines fehlenden Eckzahns aufgesucht hatte. „Und dummerweise habe ich auch unterschrieben.“ Für Röntgenaufnahmen und den Knochenaufbau, um überhaupt ein Implantat setzen zu können, sollte der 39-Jährige 5396 Euro zahlen. Nachdem Spanning entschieden hatte, sich nicht in dieser Praxis behandeln zu lassen, erhielt er eine Rechnung für die bereits angefallenen Untersuchungen über 2648 Euro. Er ist jetzt bei einem anderen Zahnarzt in Behandlung: 1600 Euro soll der Aufbau des Kieferknochens inklusive aller Untersuchungen kosten. Einer Klage des Inkassounternehmens, das für Dr. L., der auch die Angaben des Roland Spanning bestreitet, tätig ist, sieht er gelassen entgegen. „Aber ich fühle mich von Dr. L. total über den Tisch gezogen.“

Bei der Unabhängigen Patientenberatung in Hannover reißen die Anfragen Geschädigter nicht ab, bestätigt Leiterin Elke Gravert. Seit etwa vier bis fünf Jahren sei diese Praxis „eine kontinuierliche Problemzone“, vor allem, weil die Patienten nicht aufgeklärt würden. Das streitet L.s Anwalt, Manfred Parigger, vehement ab. Die Patienten bekämen Kostenvoranschläge oder Heil- und Kostenpläne mit nach Hause, um sie in Ruhe zu studieren. Die Aktivitäten der Patienteninitiative bezeichnet der Strafverteidiger als „systematische Rufmordkampagne“. „Ich schließe nicht aus, dass Dr. L. hin und wieder ein Fehler passiert ist, aber das ist kein Grund, den Mann fertigzumachen.“ Bei der Zahnärztekammer Niedersachsen heißt es nur, man nehme die Vorfälle „sehr ernst“.

Schon im Januar dieses Jahres war Dr. L. vom Amtsgericht wegen Führens eines falschen Doktortitels zu 50.000 Euro Geldstrafe verurteilt worden. Er hat dagegen Berufung eingelegt, nächster Verhandlungstermin ist der 14. Februar 2012. Einer geschädigten Patientin musste die Haftpflichtversicherung des Arztes 87. 000 Euro Schmerzensgeld zahlen, nachdem der Implantologe ihr mehrere gesunde Zähne so weit abgeschliffen hatte, dass die Wurzeln zerstört wurden.

Dirk Faikosch hofft, dass das Gericht in seiner Angelegenheit irgendwann zu einem Urteil gelangt. Um wieder richtig zubeißen zu können, muss er sich einer etwa zweijährigen Behandlung unterziehen. Die fehlerhaft gesetzten Implantate müssen entfernt, der Kieferknochen aufgebaut und neue Implantate gesetzt werden, ehe mit dem Zahnersatz begonnen werden kann. „Als Erstes werde ich mir eine Riesenportion Rippchen bestellen.“

Die Patienteninitiative ist per E-Mail unter der Adresse patienteninitiative@freenet.de erreichbar.

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