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Das leise Sterben der Videotheken

Video Buster schließt Das leise Sterben der Videotheken

Die letzte Filiale von Video Buster hat für immer geschlossen: Dass immer weniger Kunden kommen, macht auch den verbleibenden Videotheken in Hannover zu schaffen. Eine Reportage von Karsten Röhrbein.

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Leere in den Gängen: Voll ist es in den Videotheken nur selten.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Mit ruhigen Schritten durchmisst Michael Jacobs seine Videothek in Linden. Die halb leeren Regale, bis vor Kurzem noch prall gefüllt mit Blockbustern wie dem letzten Bond-Film, schaut er nur flüchtig an. Mit Sentimentalitäten hält sich der 62-Jährige nicht lange auf. Er steuert zielstrebig auf den Tresen zu, den Mitarbeitern Guten Tag sagen. Ist ja schließlich das letzte Mal. Der Video Buster, seine letzte verbliebene Videothek, schließt - für immer. Mit Abschieden kennt sich Jacobs inzwischen aus: Von seinen Filialen in Alfeld und Burgdorf hat er sich getrennt, auch die Video Buster an der Podbi und in Döhren, die er nach dem Ausstieg des Videothekenketten-Gründers übernahm, hätten sich nicht mehr gerechnet. Doch die Videothek an der Davenstedter, das war sein Baby. „Ein Scheiß-Gefühl ist das“, sagt Jacobs, ehe er sich neben der mannshohen Lara-Croft-Figur eine Zigarette ansteckt. Am Ende, nachdem viele kleine Konkurrenten aufgegeben haben, hat das langsame Videothekensterben auch ihn erwischt.

Gut 9000 Videotheken gab es 1991 in Deutschland, nach der Wiedervereinigung herrschte Goldgräberstimmung. 2015 waren es laut Branchenverband IVD nur noch 1212 - und es werden monatlich weniger, auch in Hannover: Dutzende Videotheken gab es hier Anfang der Nullerjahre, jetzt ist es nur noch eine Handvoll. „Die Leute schauen ja nur noch online“, sagt Jacobs.

Das Internet, da ist sich die Branche einig, ist der ärgste Konkurrent. Streaming-Portale wie Amazon Prime und Netflix, die TV-Mediatheken und Online-Videotheken von iTunes, Maxdome, Telekom oder Sky haben schließlich 24 Stunden geöffnet - auch wenn die Auswahl meist nicht aktuell und so groß ist wie in der Videothek um die Ecke. Aber man muss eben nicht vor die Tür, um sich die Filme zu besorgen. „Doch Streamingdienste wie Netflix“, sagt IVD-Vorstand Jörg Weinrich, „sind nur neue Mitbewerber.“ Das eigentliche Problem seien die illegalen Portale. Die Seiten seien juristisch nur schwer zu belangen, vor allem, weil es so lange dauere, Internetsperren gegen Provider wie der Telekom durchzusetzen. Wenn eine illegale Seite gesperrt sei, suchten sich viele einfach eine andere. „EU-Studien wie das Jugendbarometer 2016 zeigen, dass die meisten Besucher solcher Seiten ziemlich genau wissen, was sie machen“, sagt Weinrich. „Deren Motto ist: Hauptsache, der Film ist gratis - der Rest ist ihnen egal.“

Auch Florian Stammen, der an der Hildesheimer Straße seit elf Jahren eine Automaten-Videothek betreibt, sieht die Folgen in seinen Statistiken. „Die Kundenzahlen sinken kontinuierlich.“ Die Mediennutzung habe sich durch Facebook und Whatsapp geändert. „Wer einen Film guckt, muss zwei Stunden übrig haben.“ Trotzdem ist der 36-Jährige, der die Cinebank Hannover 24 2005 gemeinsam mit einem Freund gründete, zuversichtlich: „Ich habe auch 18-Jährige unter meinen Kunden“, sagt der Unternehmer, der hauptberuflich im Juweliergeschäft seiner Familie aktiv ist. Leih-Videos könnten mit Surround-Sound, verschiedenen Sprachen, Dutzenden Untertiteln und Zusatzmaterial punkten - all das gibt es online nur gegen Aufpreis, wenn es das denn überhaupt gibt.

Doch das beste Angebot hilft nicht, wenn die Kunden ausbleiben: Das merkt gerade Evgenia Ladwig. Die quirlige Chefin des Vahrenwalder Video-Eck, die Kunden gerne direkt ihre Meinung zu einem Film sagt („Der ist überlangweilig“), kämpft seit dem Fußball-WM-Sommer 2014 mit sinkenden Umsätzen. Auch der Paket-Shop, den sie in ihrem Laden eingerichtet hat, macht die Einbußen nicht wett. Die 36-Jährige, die nach dem Philosophie- und Soziologie-Studium in verschiedenen Videotheken gejobbt und schließlich selbst eine übernommen hat, ist deshalb kurz davor, hinzuschmeißen.

„Stallone und Schwarzenegger, das geht immer noch“

Auch im Videoland am Raschplatz merkt Inhaber Dieter Kiedrowski, dass weniger Kunden kommen. Und die, die kommen, werden immer älter. „Stallone und Schwarzenegger, das geht immer noch“, sagt der 58-Jährige. „Aber dass viele den letzten Bond schlecht fanden, merke ich hier sofort.“

Mit den Kunden über Filme zu sprechen, das wird auch Video-Buster-Filialleiterin Kathrin Welzel fehlen, die in Linden gerade Filme einpackt. Sie hat noch keinen neuen Job - und hofft, schnell etwas zu finden. Auch, wenn es wohl nichts mehr in einer Videothek sein wird.

Ihr scheidender Chef wird unterdessen doch sentimental: 1985 hatte er seine erste Videothek an der Deisterstraße gegründet, nachdem er im Kulturmagazin „ttt“ einen Beitrag über eine Videothek in New York gesehen hat. „Geil, jeden Tag Filme gucken, habe ich gedacht“, erinnert sich Jacobs, und seine Augen blitzen verschmitzt. „Bevor ihr hier alles einpackt: Ich hätte gerne ,Rock ’n’ Rolla’, von Guy Ritchie!“, ruft er den Mitarbeitern zu. Doch die schütteln den Kopf. Ausgerechnet den hat ein Kunde gekauft. „Schade“, sagt Jacobs, der jetzt auf seinem Gutshof in Mecklenburg-Vorpommern Edelkrebse züchten wird. Ob das eine Zukunft habe? „Das weiß ich in vier Jahren“, sagt er im Hinausgehen. „In der Ruhe liegt die Kraft!“

Videotheken in Hannover

Video-Eck

Klein, aber gut sortiert ist das Vahrenwalder Video-Eck nahe dem Vahrenwalder Platz. Die meisten Kunden kennt die 36-jährige Inhaberin inzwischen sehr gut: 2013, als der alte Chef schließen wollte, hat Evgenia Ladwig die mit Teppich ausgelegte Eck-Videothek übernommen, in der sie vorher schon gejobbt hatte. Mehr als 1000 Filme und Blu-Rays stehen in den Regalen, neben neuen und alten Blockbustern, Serien und einigen 3-D-Versionen auch anspruchsvolle Dramen wie „Am Sonntag bist du tot“. 1,50 Euro pro Tag kostet es, einen Film auszuleihen.
Das Video-Eck war für Ladwig ideal, weil sie dort ihren Hund Flatcher immer um sich haben konnte. Auch deshalb entschloss sie sich, die Videothek mit Wohnzimmerflair zu kaufen. Vor zwei Monaten ist der Riesenschnauzer nach langer Krankheit gestorben – für Ladwig ein harter Schlag. Und nicht der einzige: „Früher habe ich am Sonnabend 150 Filme verliehen, heute sind es 70 – wenn es hoch kommt“, sagt sie. Deshalb hat die Chefin ein Schild im Laden aufgehängt, dass sie einen Nebenjob sucht. „Bis Juni muss ich entscheiden, ob ich das Video-Eck zum Jahresende schließe“, sagt Ladwig. „Noch ein schlechtes Jahr, das kann ich nicht.“

Vahrenwalder Video-Eck, Kriegerstraße 28, Öffnungszeiten: Mo.–Fr.: 13–20 Uhr, Sbd./So.: 14–21 Uhr,  videoeck-hannover.de

Cinebank Hannover 24

Mit Automatenvideotheken versuchten viele ihr Glück in Hannover. Durchgehalten hat am Ende nur Florian Stammen: Seit 2005 betreibt der gelernte Bankkaufmann an der Hildesheimer Straße 88 die Cinebank Hannover 24. Rund um die Uhr können dort Filme ausgeliehen werden, nachdem man sich am Bildschirm mit Kundenkarte und Fingerscan ausgewiesen hat.
Ganz ohne Menschen geht es dort freilich nicht: Wer sich Filme ausleihen will, muss sich zuerst eine Kundenkarte ausstellen lassen. An fünf Abenden pro Woche ist der Unternehmer deshalb vor Ort, dann pflegt er auch neue Filme und Spiele in die Datenbank ein – und Titel, die Kunden auf der Home-page aus dem Archiv angefordert haben. 2500 DVDs und Blu-Rays passen in seinen Automaten, 5500 weitere Scheiben stehen im Lager. Das Angebot ist breit: Neben Kino-Erfolgen hat Stammen auch Arthouse-Filme im Programm. In den Top Ten ist neben „Star Wars“ auch Woody Allens „Irrational Man“. An einem durchschnittlichen Sonntag verleiht Stammen rund 100 Filme. Für Schnellgucker kostet eine Vier-Stunden-Leihe 1,30 Euro (DVD), für Blu-Rays 1,50 Euro. Auch Acht- und 16-Stunden-Leihen sind möglich – und preiswerter, als den Film erst am nächsten Tag zurückzubringen: Das kostet bei der Cinebank 3 (DVD) oder 3,30 Euro (Blu-Ray).

Cinebank Hannover 24, Hildesheimer Straße 88 (Südstadt), Öffnungszeiten: rund um die Uhr, cbh24.de

Videoland

Viele Pendler hat Dieter Kiedrowski als Kunden: „Sie kommen aus Springe, Celle, Wunstorf, Neustadt“, berichtet der Chef von Video­land am Raschplatz. Seit 1993 verleiht und verkauft der gebürtige Hannoveraner bei Video­land am Hauptbahnhof Filme. Allerdings sind ihm die 600 Quadratmeter Ladenfläche längst zu groß: „200 würden eigentlich reichen“, sagt Kiedrowski.
Die zentrale Lage ist momentan sein größter Nachteil: Die Trinker, die sich seit Ende der Großbaustelle am Raschplatz treffen, hätten vor allem die weiblichen Kunden vergrault, berichtet der 58-Jährige. Bis vor zwei Jahren seien 70 Prozent der Spielfilme von Frauen ausgeliehen worden, jetzt seien es nur noch 10 Prozent. 3 Euro kostet eine 24-Stunden-Ausleihe bei Videoland, wer sonnabends kommt, kann den Film für das gleiche Geld auch noch am Montag wiederbringen. 250 DVDs und Blu-Rays verleiht er zurzeit an Spitzentagen, vor fünf Jahren waren es bis zu 400.
Deshalb hat er nicht mehr sechs fest angestellte Mitarbeiter, sondern nur noch einen. Und Kiedrowski setzt nicht nur auf den Verleih – 2000 Filme hat er dafür im Sortiment –, sondern auch auf den Verkauf: 20 bis 30 DVDs gehen pro Tag über die Theke, Spielfilme, aber auch Videos aus der Hardcore-Abteilung hinter dem Vorhang.

Videoland, Raschplatz 2, Öffnungszeiten: Mo-Sbd.: 10–22 Uhr, So.: 13–21 Uhr

Empire

Rund 10 000 Leih-DVDs, Blu-Rays und Videospiele gibt es bei Empire in Döhren. Früher, als der Verleih noch zu Video Buster gehörte, betrug die Fläche 1500 Quadratmeter. Empire-Chef Andreas Schwarz hat sie auf 500 Quadratmeter reduziert. Seine Hannover-Filiale ist als Familien­videothek konzipiert, deshalb hat er neben Spielfilmen und Serien auch viele Kindertitel im Programm. „Wir sind über den Südschnellweg gut zu erreichen, die Kunden kommen aus ganz Hannover“, sagt Schwarz, bei dem es 1,75 Euro pro Kalendertag kostet, eine DVD oder Blu-Ray auszuleihen. Wenn ein Film nicht mehr so oft nachgefragt wird, gehen einige der Leih-Exemplare in den Verkauf. Für die Erwachsenen-Abteilung gibt es einen separaten Hintereingang.
„Die Lage für Videotheken ist schwierig geworden“, räumt Schwarz ein, der auch die Video-Buster-Filiale in Linden gut kannte – schließlich gehörte sie seinem Schwiegervater. Um auch unter der Woche Kunden zu locken, gibt es deshalb dienstags bis donnerstags drei Filme zum Preis von zweien, während der Fußball-EM sogar zwei zum Preis von einem. Kunden des geschlossenen Video Buster in Linden können bei Empire ihre Kundenkarte umschreiben lassen – und einen Film gratis leihen.

Empire, Zeißstraße 14 (Döhren), Öffnungszeiten: Mo.–Fr.: 11–22 Uhr, Sbd.: 10–22 Uhr, So.: 13–21 Uhr,  empire-video.de

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