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Das sind Hannovers Helden des Jahres

Rückblick Das sind Hannovers Helden des Jahres

Sie haben anderen Hannoveranern das Leben gerettet, Flüchtlinge früh am Morgen freundlich am Bahnhof begrüßt und ein Pferd aus dem Moor befreit: 
Acht Geschichten von Menschen, ohne die das Leben in Hannover in diesem Jahr anders ausgesehen hätte. Exemplarisch für alle stillen Helden 
dieser Stadt.

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Quelle: dpa/Archiv

40 Minuten Reanimation
 nach dem Herzinfarkt

Retter und Geretteter: Felix Nadrowitz (rechts) mit Hermann Heldermann.

Quelle: Eberstein

Herzmassage. 40 Minuten lang. Auf und ab. Und wieder: auf und ab. Und immer der Zweifel: Hat das denn überhaupt noch Sinn? Der Notarzt kommt nicht. Die Arme schmerzen. Wieder und wieder das Knacken, wenn dem Opfer Rippen brechen. Und dann eben doch: Als Sanitäter und Notarzt eintreffen und die Reanimation übernehmen, gibt es plötzlich wieder Lebenszeichen. „So etwas vergisst man nie“, sagt Retter Felix Nadrowitz.

Im Juli brach der ehemalige Bürgermeister von Gehrden, Hermann Heldermann, während einer Radtour in der südlichen Leinemasch zusammen. Einfach so. Was die Konstitution betrifft, erfüllt der langjährige Lokalpolitiker so gar nicht die Klischees eines Infarktpatienten. Durchtrainiert ist er, weder Übergewicht noch Bewegungsmangel begünstigen das Infarktrisiko. Und trotzdem hörte die Pumpe einfach auf. Heldermann, 57 Jahre alt, lag am Wegesrand. Und keiner war da, der helfen konnte.

Felix Nadrowitz war mit dem Rad unterwegs, in T-Shirt und Shorts. Er sah einen Pulk Menschen, der um jemanden herumstand, hilflos. Nadrowitz wusste, was zu tun ist. Zum Glück für Heldermann: Nadrowitz ist Arzt. Nephrologe (Nierenarzt) zwar und damit kein Infarktspezialist. „Aber die Handgriffe sind mir natürlich vertraut“, sagt der 28-Jährige.

Nadrowitz hat das einzig Richtige gemacht: Einen Umstehenden aufgefordert, die Nummer 112 anzurufen, einen anderen, sich an die nächste Kreuzung zu stellen, um die Wagen zu dirigieren. Es habe „eine schier endlose Zeit“ gedauert, erinnert sich Heldermanns Ehefrau Stefanie später. Sie beatmete, während Nadrowitz den Brustkorb bearbeitete. Das Blut muss so rhythmisch aus dem Herz gepumpt werden, dass es ins Hirn zirkuliert und dieses mit Sauerstoff versorgt. Ärzte empfehlen, man solle dabei „Staying Alive“ von den Bee Gees summen. „Ah – ah – ah – ah – Staying Alive“ geht der bekannte Rhythmus – so findet man das richtige Tempo für die Herzmassage.

Heldermann hat den schweren Notfall ohne Langzeitschäden überstanden. „Medizinisch ist es eigentlich ein Wunder, dass er am Leben ist“, sagt Mathias Gnielinski, der Heldermann als ärztlicher Direktor im Lister Clementinenhaus betreut hat. Woran es liegt? Die Analysen gehen auseinander. „Herr Nadrowitz hat mir das Leben gerettet“, ist Heldermann sicher. „Die gute Kondition von Herrn Heldermann hat ihm das Leben gerettet“, sagt Nadrowitz bescheiden.

Der 28-jährige Assistenzarzt hat Patient Heldermann im Krankenhaus besucht, als dieser sich wieder bewegen konnte. Alles schmerzte noch, die gebrochenen Rippen, die Einstiche der Infusionen und Spritzen. „Aber ich bin am Leben“, sagte Heldermann damals erleichtert. Inzwischen hat es ein gemeinsames Essen gegeben, die Heldermanns haben Retter Nadrowitz und seine Lebensgefährtin Andrea Behme eingeladen. „Es war ein schöner Abend mit guten Gesprächen, weit weg von der Aufregung der Notsituation in der Masch“, sagt Nadrowitz.

Er ist oft darauf angesprochen worden. Im Freundeskreis, von Kollegen, aber auch von den Patienten der Station Chronische Dialyse, auf der der MHH-Arzt damals gearbeitet hat. „Die Sache hat sich schnell herumgesprochen, nachdem das Foto in der Zeitung war“, sagt Nadrowitz. Die Kollegen seien stolz gewesen. Und er selbst? „Ich kann es immer noch nicht wirklich fassen. Die Wahrscheinlichkeit, nach 40 Minuten Reanimation ohne bleibende Schäden zu überleben, ist extrem gering. Es ist ein schönes Gefühl, dazu beigetragen zu haben, dass ein Leben gerettet wurde.“

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Integration auf dem Fußballplatz

Es geht um Fußball und um viel mehr: Flüchtlinge aus knapp 20 Nationen kicken beim Lehrter Mandela-Team von Organisator Dirk Ewert

Quelle: Eggert

Irgendeiner hat mal geschrieben, sie würden aufsteigen wollen mit ihrer dritten Mannschaft. „Ach“, sagt Dirk Ewert, „aufsteigen wird wohl schwierig. Aber das ist ja auch gar nicht der Sinn der Sache.“ Das Ziel der Mannschaft, die sich Mandela-Team nennt, ist es, Menschen aus ganz fremden Welten eine Zuflucht zu bieten. Eine Zuflucht, aus der sich vieles andere ergeben kann.
Seit 2013 existiert die Mannschaft, die offiziell als SV Yurdumspor Lehrte III im Spielplan der 4. Kreisklasse steht. Hier spielen unter der Regie von Ewert und Trainer Patrick Fuller Flüchtlinge aus knapp 20 Nationen zusammen Fußball. „Viele kennen so etwas wie organisierten Fußball aus ihren Heimatländern gar nicht, etwa die Spieler aus Afghanistan“, sagt Ewert. Andere sind im Ligabetrieb sofort konkurrenzfähig, zum Beispiel einige der Syrer, die in diesem Jahr gekommen sind. „Aber am Ende geht es darum, ihnen hier eine Gruppe zu bieten, an die sie sich wenden können“, sagt Ewert.

Längst ist aus dem Lehrter Mandela-Team mehr geworden als eine Fußballmannschaft. Der SV Yurdumspor bietet eine Fahrradwerkstatt an, eine Trommelgruppe und Schwimmkurse. Und unter der Leitung von Anke Gabcke gibt der Club seinen Spielern Jobcoachings. Viel wichtiger als die Punktausbeute der dritten Mannschaft ist Ewert daher eine ganz andere Statistik: „Seit 2013 haben wir 20 Leute in Arbeit gebracht, 20 weitere in Praktika und drei in eine Ausbildung.“ Bei den Jobs, die der Verein den Flüchtlingen besorgt hat, handelt es sich meist um Hilfsarbeiten – Regale befüllen, Tassen spülen, so etwas. „Für die Jungs ist das aber toll, weil sie sich mit eigenem Geld eine eigene Wohnung besorgen können und nicht mehr abhängig vom Sozialamt sind.“ Längst helfen sich die Flüchtlinge gegenseitig, wenn es Umzüge zu machen und Wohnungen einzurichten gilt.

Für ihr Engagement haben die Freiwilligen vom Mandela-Team schon Preise bekommen, etwa den Integrationspreis der Niedersächsischen Lotto-Sport-Stiftung und den zweiten Platz beim Landesentscheid der „Sterne des Sports“. Außerdem hat der NDR eine lange Reportage über das Team gedreht. Trotzdem müssen auch Ewert und seine Mitstreiter nach wie vor um jeden Helfer kämpfen. „Das geht schon damit los, dass wir Leute bräuchten, die die Mannschaft zu den Auswärtsspielen bringen, da die Jungs ja keine Autos haben“, sagt Ewert. Spieler hat das Mandela-Team nämlich mehr als genug – so viele, dass einige Woche für Woche in der zweiten Mannschaft von Yurdumspor aushelfen. Nur selbst Auto fahren können sie eben nicht.
Auch das Problem werden sie lösen, im Namen Mandelas.

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Gut, dass die Feuerwehr kommt, bevor es brennt

Sich einmal wie ein Feuerwehrmann fühlen: Bei der Brandschutzerziehung – wie hier in der Baldeniusstraße – dürfen auch Kita-Kinder in echte Schutzanzüge schlüpfen.

Quelle: Feuerwehr Stöcken

Im Normalfall rennen die Menschen, denen Caroline Schoppe, Thomas Kinscher und Andreas Kühl bei ihren Einsätzen begegnen, an den drei Feuerwehrleuten so schnell es geht vorbei. Wenn die drei ihrer zweiten Aufgabe bei der Ortsfeuerwehr Stöcken nachgehen, sieht das ganz anders aus. „Dann stürmen uns die Kinder entgegen, klammern sich gerne an unsere Beine und lassen manchmal gar nicht mehr los“, sagt Kühl. Seit etwa acht Jahren besucht der 47-Jährige mit seinen beiden Kollegen regelmäßig Kindergärten und Schulen, um den Kindern dort zu erklären, wie sie sich im Notfall verhalten sollen.

Meist geschieht das während einer ganzen Projektwoche. „Dabei sprechen wir mit den Kindern darüber, wie man einen Notruf absetzt, wie sie reagieren sollen, wenn es brennt, und wie ein Rauchmelder funktioniert“, erklärt Kühl. „Seit dem ersten Jahr ist das ein voller Erfolg“, sagt Thomas Voss, Leiter der Kindertagesstätte Baldeniusstraße. „Die Kinder lernen nicht nur viel, sie gewinnen auch an Selbstbewusstsein.“ Ziel der Erklärungen und Übungen sei es nämlich auch, den Kindern zu vermitteln, dass sie, ganz gleich wie alt sie sind, nicht nur helfen können, sondern auch sollen. Offensichtlich geht das beim Nachwuchs in Fleisch und Blut über. „Neulich erzählte uns eine Erzieherin, dass ein Kind von zu Hause den Notruf gewählt hatte, weil es der Mutter gesundheitlich nicht gut ging“, erzählt Kinscher nicht ohne ein bisschen stolz zu sein. Denn genau solche Anrufe üben die Feuerwehrleute bei ihren Besuchen im Kindergarten.

Bevor aber mit dem mitgebrachten Telefon ausprobiert wird, wie es ist, die 112 zu wählen, müssen die Brandschützer zunächst das Vertrauen der Kinder gewinnen. „Solange wir in unserer normalen Uniform in einem Stuhlkreis sitzen, sind die Kinder total entspannt“, sagt Kinscher. „Wenn wir dann aber unsere Einsatzkleidung, den Helm und dann sogar noch ein Atemschutzgerät samt Vollgesichtsmaske anlegen, bekommen die Kinder erst einmal Angst.“ Aber auch dieses Eis brechen die drei Brandschutzerzieher schnell. „Wir knien uns vor die Kinder, reden mit ihnen und zeigen, dass unter den dicken Klamotten immer noch die gleichen Feuerwehrleute stecken, mit denen sie vorher im Stuhlkreis saßen“, sagt Schoppe.

Spätestens wenn der Nachwuchs an einem späteren Tag in der Projektwoche in ein Feuerwehrauto klettern darf und die Ausrüstung der Brandschützer erklärt bekommt, ist die Zurückhaltung komplett verflogen. „Während die Kinder am Anfang noch Angst vor den Atemschutzträgern haben, wollen sie am Ende der Woche alle mal eine Fluchthaube ausprobieren“, sagt Kühl.

jki

 

Wenn zuhören helfen heißt

Abgründe und gut gefüllte Teller: Allmuth 
Kuring kümmert sich ehrenamtlich um 
bedürftige, alte und einsame Menschen.

Quelle: von Ditfurth

Es sind nur drei Stunden am Tag, an denen Allmuth Kuring Bedürftigen Nudeln mit Gulasch oder eine wärmende Erbsensuppe in den Teller schöpft, doch „während dieser drei Stunden blicke ich manchmal wirklich in Abgründe“, erzählt sie. Wenn Kuring nicht bei der Essensausgabe der Diakonie den Kochlöffel schwingt, besucht sie ältere Menschen zu Hause, die allein und bedürftig sind. Sie trinkt einen Kaffee mit ihnen und lauscht ihren Geschichten. „Manche haben schon so viel Schlimmes im Leben erlebt, dass man es gar nicht aushält.“

Wenn die ökumenische Essensausgabe während der kalten Wintermonate in den Räumen der Diakonie am Leibnizufer ihre Tore öffnet, steht die 55-Jährige an vier Tagen in der Woche bereit. Sie hilft in der Küche, reicht die Mahlzeiten an die Obdachlosen weiter oder setzt sich einfach auf ein kurzes Gespräch zu ihnen – seit 17 Jahren schon.

„Damals suchten die Malteser Ehrenamtliche für die Essensausgabe, und ich dachte mir: Du hast Zeit, du kannst helfen“, sagt die fröhliche Frau im roten Pullover.

Ihr Tag beginnt früh: „Um 4 Uhr räume ich Regale in der Drogerie ein.“ Ein 400-Euro-Job, mit dem sie ihr Geld verdient. Nach der Arbeit geht es von Dezember bis März direkt weiter zur Essensausgabe. Zeit für Menschen zu haben, denen es wirklich schlecht geht, ist ihr wichtig.

Um 12 Uhr mittags herrscht Hochbetrieb in der Essensausgabe. In all dem Trubel und Drängeln um die besten Plätze am Tisch hat Kuring immer ein Lachen im Gesicht. Dass die Arbeit mit den Bedürftigen sie erfüllt, ist ihr anzusehen: „Wir geben viel, bekommen aber auch viel zurück.“

Es ist für Kuring das größte Geschenk, wenn sich die Menschen ihr öffnen und der ehrenamtlichen Helferin ihre Geschichten anvertrauen. „Das zeugt von so viel Dankbarkeit“, sagt sie, auch wenn sie in solchen Momenten auch schmerzlich vor Augen geführt bekommt, „dass es wirklich arme Menschen gibt“.

Ob sie die Situation der vielen Bedürftigen ändern kann? „Manche kenne ich schon seit 17 Jahren. Jedes Jahr stehen sie wieder hier und brauchen eine warme Mahlzeit.“ Das mache sie traurig, bestärke sie aber immer wieder darin weiterzumachen.

Denn Allmuth Kuring weiß: „Man glaubt gar nicht, wie sehr ein gefüllter Teller mit Nudeln und Tomatensoße helfen kann.“

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Wenn Kelle kocht: 9000 Portionen im Jahr für Obdachlose

Cord Kelle (3. v. l.) bei der Essensausgabe für Bedürftige im März 2015 vor dem Caritas-Haus am Leibnizufer.

Quelle: Schaarschmidt

An diesem grauen Dezembertag gibt es Frikadellen mit Gemüse und Kartoffelbrei. Und zwar gleich 300-mal. Dafür steht der Chef vom Hotel Jägerhof in Langenhagen, Cord Kelle, mit seinem Küchenchef Dick van Beuzekom seit 7 Uhr in der Küche. Zweimal pro Woche schieben die beiden diese Sonderschicht. Denn zwischen November und März wird hier für Bedürftige und Obdachlose gekocht. Über eine Facebook-Initiative ist Cord Kelle vor fünf Jahren auf die Idee gekommen, sich für Bedürftige zu engagieren und ihnen während der Wintermonate eine warme Mahlzeit zu spendieren, „die mit Messer und Gabel gegessen werden kann“. Suppenküchen gebe es andernorts bereits, Kelle und van Beuzekom servieren Schnitzel, Gulasch, Wildragout und Leberkäse.

Vor zwei Jahren hat der Langenhagener Gastronom in dritter Generation extra den Verein KfO – Kochen für Obdachlose – gegründet. Der Initiator bereitet die Gerichte mit Unterstützung eines großen Spendennetzwerkes zu, „unsere Arbeit ist natürlich gratis, aber die rund 1,50 Euro pro Mahlzeit müssen durch Spenden reinkommen“. Mittwochs und donnerstags kochen die beiden Männer im Jägerhof die vielen Portionen vor, frühstücken dann gemeinsam, bevor sie gegen halb 11 Uhr aufbrechen Richtung Hannover-City, wo dann die Mahlzeiten zwischen 11 und 13 Uhr in der ökumenischen Essensausgabe der Diakonie am Leineufer verteilt werden. „Wir haben viele Stammkunden, die Menschen freuen sich über unsere Gerichte – und wir freuen uns über volle Mägen und glückliche Gesichter“, sagen Kelle und van Beuzekom.

Pro Saison bringen die Köche rund 9000 Portionen unter die Bedürftigen, „allerdings haben wir in diesem Jahr schon so viele Essen ausgeteilt wie sonst zum Saisonende“, betont van Beuzekom. Die Nachfrage sei definitiv gestiegen. An diesem Vormittag gehen 270 Frikadellen, 30 Kilo Gemüse und 400 Portionen Püree über die Ausgabetheke, die von Ehrenamtlichen betreut wird. Die beiden Köche betonten, dass nicht nur Obdachlose zur Essensausgabe kommen. „Bei vielen reicht die Rente nicht, die freuen sich sehr über eine Gratismahlzeit“, meint Kelle. Und was immer an einem Tag übrig bleibt, darf natürlich mitgenommen werden. Schließlich wird am nächsten Morgen schon wieder frisch gekocht.

sub

 

Der Mann, der 200 Jobs absichert

„Ein regionales Unternehmen aufbauen“: Dieter Lorenz hat bei Laserworking Garbsen 200 Jobs gerettet.

Quelle: Holz

Alles in Garbsen deutete auf eine Erfolgsgeschichte. Die Gründung 1990 als b+d-Laserworking, die Etablierung im Markt, später folgten Umzug und Neubau im Ortsteil Osterwald, und noch 2012 entschloss sich die Geschäftsführung des Metallverarbeiters, eine weitere Halle zu bauen. Zwei Jahre später blieb nichts mehr, außer der Insolvenz. b+d-Laserworking war zahlungsunfähig. Mehr als 150 Mitarbeiter fürchteten plötzlich um ihre wirtschaftliche Existenz. „Über 8 Millionen Euro Schulden, zu hohe Kosten für Miete und Leasingverträge, Verträge mit niedrigen Verkaufspreisen, um bei Banken Umsätze vorweisen zu können, die Abwärtsspirale drehte sich.“

So nüchtern stellte sich damals, im schlimmsten Jahr der noch jungen Unternehmensgeschichte, die Situation für Dieter Lorenz dar. Lorenz ist als Seniorchef des Gebäudedienstleisters Habekost+Fichtner eigentlich in einer anderen Branche tätig, aber was in diesem Fall zählte, war sein Kontakt zum kriselnden Betrieb. „Ich habe mitbekommen, dass es schwieriger wird.“ Lorenz erzählt, dass zwei Dinge wichtig waren beim Versuch, das Unternehmen zu retten: Herzblut und Geld. Er fühlte bei denen nach, die womöglich helfen konnten, und es traf sich gut, dass etliche im Wirtschaftsbeirat des örtlichen Clubs TSV Havelse saßen. In diesem Forum regionaler Unternehmer fand Lorenz fünf weitere Unterstützer. Sie baten ihn, „die Lage zu sondieren“.
Lorenz sondierte also, und als der Insolvenzverwalter per Ausschreibung nach dem besten Rettungskonzept suchte, bot das Konsortium, dessen Sprecher Lorenz nun war, mit. 1,6 Millionen Euro lagen auf dem Tisch und dazu Pläne, wie der Metallverarbeiter aus der Krise geführt werden sollte. Die Idee war, den Betrieb komplett zu erhalten und beide Fertigungshallen auch in Zukunft zu betreiben. Niemand sollte seinen Arbeitsplatz verlieren. Tatsächlich vertraute der Gläubigerausschuss den Sanierern vor Ort, das Konsortium um Lorenz erhielt den Zuschlag.

Dann begann die Arbeit – und am Ende stand ein rares Beispiel dafür, wie Unternehmer vor Ort einen schwer angeschlagenen Betrieb in der Nachbarschaft vor dem Untergang bewahrten. Aus b+d-Laserworking wurde Laserworking Garbsen. Der Vertrieb wurde neu geordnet, beim Einkauf achtet der neue Geschäftsführer Richard Harrop darauf, nichts zu bestellen, wofür es keine Aufträge gibt. Hierarchien wurden geglättet. „Das ist keine Ein-Mann-Show mehr, wir haben jetzt Teamleiter, weil Verantwortung motiviert.“ Bald will Laserworking Garbsen in drei Schichten produzieren. Lorenz lobt die Bereitschaft der Banken, die schwierige Zeit durchzustehen, und das Land Niedersachsen, das den Rettungsprozess mit einer Bürgschaft über 1,5 Millionen Euro absicherte. Auch die Kunden hielten dem Garbsener Unternehmen die Treue, kein Umsatz brach plötzlich weg, neue Partner kamen hinzu.

Dieter Lorenz hatte vom Unglück des Nachbarn gehört, und er entschloss sich, etwas zu unternehmen. Andere zogen mit. So begann in Garbsen Rettung und Zukunft eines Unternehmens mit bald 200 Arbeitsplätzen. Er ist überzeugt, dass die Metallverarbeitung vor Ort keine Zukunft gehabt hätte, wenn ein Konkurrent von Laserworking den Zuschlag bekommen hätte. Der hätte, sagt Lorenz, der inzwischen geschäftsführender Gesellschafter ist, es nur auf den Kundenstamm abgesehen. Das regionale Konsortium, sagt er, „will keine hohe Verzinsung, sondern ein regionales Unternehmen aufbauen“.

gum

 

Das erste nette Gesicht
am Bahnhof in Laatzen

„Da geht mir das Herz auf“: Inas 
Ibrahim (re) leistet seit Oktober 
 Dolmetschereinsätze am Messebahnhof Laatzen – in der Regel morgens ab 5 Uhr.

Quelle: Lippelt

Meist steht Inas Ibrahim um 5 Uhr im Laatzener Messebahnhof. Es kann auch sein, dass der erste Zug ausnahmsweise erst um 6 Uhr eintrifft, aber dann kommt er beim nächsten Einsatz garantiert schon um 4 Uhr. Der 30-jährigen Inhaberin einer Agentur für Foto- und Grafikdesign kann die Müdigkeit aber nichts anhaben. „Ich gehe jetzt eben meist um 21 Uhr ins Bett und nicht erst um Mitternacht“, sagt sie fröhlich. So ist sie morgens fit, um „Willkommen in Deutschland“ zu sagen. Nicht einmal, nicht zehn- oder 50-mal, sondern „wohl so zwischen 200- und 250-mal am Tag“.

Inas Ibrahim ist eine von Tausenden Helferinnen in Stadt und Umland, die bei der Bewältigung des Flüchtlingsstroms helfen. Anfangs noch ehrenamtlich, inzwischen bekommt sie eine Aufwandsentschädigung von der Region, denn der nahezu tägliche Einsatz am Messebahnhof schien für Ehrenamtliche auf Dauer kaum zu bewältigen. Doch ihr Antrieb sind nicht die bis zu 400 Euro, die sie monatlich als Dolmetscherin dazuverdient. „Es ist das Leuchten in den Augen der Menschen, wenn sie nach ihrer oft zermürbenden Flucht über den Landweg oder das Meer ankommen und in ihrer arabischen Sprache begrüßt werden“, sagt Ibrahim. „Die Menschen sind total erschöpft von ihrer Flucht, das sieht man an ihrer Haltung, aber die Willkommensworte bauen sie für einen Moment auf – da geht mir das Herz auf.“

Auch ihre Familie hat eine Flüchtlingsvergangenheit. Der Vater stammt aus dem Irak, er wanderte in den Achtzigerjahren aus, als das Regime oppositionelle Meinungen immer weniger duldete. In Syrien lernte er seine Frau kennen, 1985 bekamen die Syrerin und der Iraker die gemeinsame Tochter, die zwölf Jahre alt war, als Vater und Mutter mit ihr nach Deutschland zogen. Inas Ibrahim kann als Beispiel dafür gelten, wie gut Integration gelingen kann. Realschulabschluss, Abitur, Ausbildung als Fachfrau für Systemgastronomie. Seit 2011 ist sie selbstständig, seit April verheiratet mit Torsten Schulz und so zusätzlich Mitinhaberin der Werbeagentur Schulz in Laatzen.

Im Spätsommer, als die Flüchtlingszahlen merklich stiegen, fand Inas Ibrahim, dass man doch helfen müsse. Im Laatzener Rathaus hieß es zunächst, Helfer in den kommunalen Unterkünften gebe es schon genug. Doch dann kam der Anruf: Der Messebahnhof Laatzen war zum zentralen Drehkreuz für Flüchtlinge in ganz Norddeutschland geworden. Etwa 25 Dolmetscher (Neudeutsch: „Sprachmittler“) sind dort seitdem täglich im Einsatz, wenn zwei Züge mit jeweils gut 500 Flüchtlingen kommen.

„Herzlich willkommen. Schön, dass Sie es hierher geschafft haben“, sagt sie zu den Ankommenden. Und erklärt immer wieder, dass es jetzt zunächst Getränke und etwas zu essen gibt und dass es in Bussen weitergeht in die Unterkünfte. „Die Menschen haben viele Fragen – wohin es geht, ob sie registriert werden, ob sie nach Schweden weiterreisen dürfen, wie sie ihre Familienangehörigen wiederfinden. Aber darauf kann ich nichts antworten – ich bin ja nicht das Bundesamt“, sagt Inas Ibrahim. Den Menschen aber wenigstens das Gefühl von Willkommensein zu geben – das mache glücklich. „Es bringt nichts, immer nur zu quatschen – man muss helfen“, sagt Inas Ibrahim.

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Rettung ist Routine – selbst wenn ein Pferd im Schlam(m)assel steckt

Seit 40 Jahren ist Otto Krull bei der Freiwilligen Feuerwehr Isernhagen. Im Februar retteten er und seine Kameraden ein Pferd, das am Wietzesee im Morast eingesunken war.
Otto Krull ist kein Mann vieler Worte. Seine Erfahrungen, die er in 40 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr gesammelt hat, kann er in drei knappe Regeln fassen. „Rechnen muss man bei unseren Einsätzen immer mit allem“, sagt der 50-Jährige. „Deshalb müssen wir bei den meisten Einsätzen ab einem bestimmten Punkt improvisieren.“ Dabei komme dem gelernten Tischler und seinen Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr Isernhagen HB immer wieder zugute, dass die ehrenamtlichen Retter aus ihren Berufen Erfahrungen und Fachwissen in den unterschiedlichsten Bereichen mitbringen.

Krull zum Beispiel wuchs auf dem Bauernhof seiner Eltern auf. Der Umgang mit großen Tieren war für ihn daher schon von Kindesbeinen an etwas ganz Selbstverständliches. „Deshalb rief mich der Ortsbrandmeister auch Anfang Februar an und bat mich, zum Wietzesee zu fahren“, erinnert sich Krull. Dort war um die Mittagszeit eine junge Reiterin mit ihrer Stute am Landwehrdamm unterwegs gewesen. Offenbar lenkte das Mädchen das Pferd während des Ausritts etwas zu nah an die Wasserfläche. Das Tier sank daraufhin mit den Beinen im Morast ein und fiel auf die Seite. Anschließend schaffte es die 17 Jahre alte Stute nicht, sich selbst aus der misslichen Lage zu befreien. Die Reiterin und ihre Eltern alarmierten daraufhin die Feuerwehr.

„Ein Kamerad, der als Landwirt arbeitet, hatte den Alarm auch gehört und kam direkt mit seinem Trecker“, sagt Krull. Was für die sichtlich geschockte junge Reiterin zunächst wie eine ausweglose Situation gewirkt haben muss, wurde dank der erfahrenen Feuerwehrleute fast zu einem Routineeinsatz. „Wir teilen uns bei solchen Einsätzen die Arbeit auf“, erzählt Krull. „Während ein paar Kollegen die Familie beruhigten, kümmerten wir uns gemeinsam mit den Tierärzten um das Pferd.“ Lediglich das Anlegen des Hebegurtes, den die Veterinäre mitgebracht hatten, gestaltete sich zunächst schwieriger als gedacht. „Als wir aber rausgefunden hatten, wie er angelegt wird, ging es relativ schnell“, sagt Krull und ist direkt wieder bei einer seiner Regeln. „Das Wichtigste ist, dass man aus solchen Einsätzen lernt und das dann auch an die jüngeren Kameraden weitergibt“, sagt er. So könnten diese bei dem nächsten Einsatz auf den Erfahrungsschatz zurückgreifen und wüssten direkt, was zu tun sei.

Die Feuerwehrleute, die Anfang Februar am Wietzesee im Einsatz waren, verfügten offenbar schon damals über das nötige Know-how. 90 Minuten nach dem Alarm hatte das Pferd wieder festen Boden unter den Hufen. „Um 14.30 Uhr war das Pferd nicht nur befreit, sondern konnte auch selbstständig wieder auf seinen vier Beinen stehen“, sagte Einsatzleiter Thomas Extra damals. Und auch die junge Reiterin und ihre Eltern waren sichtlich erleichtert. „Das Mädchen ist danach noch einmal bei uns in der Wache vorbeigekommen und hat sich bedankt“, sagt Krull und wirkt fast etwas überrascht. Schließlich sei es die Aufgabe der Freiwilligen Feuerwehr, Menschen und Tiere aus solchen Notsituationen zu befreien.

jki

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