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Aus der Stadt Das waren Depeche Mode in der HDI-Arena
Hannover Aus der Stadt Das waren Depeche Mode in der HDI-Arena
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22:57 11.06.2017
Von Uwe Janssen
Quelle: Wilde
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Hannover

Stadionkonzerte, da sind sie wieder. Fast hatte man sie abgehakt, diese Massenbespaßung ohne Ball, Abseits und schnelles Umkehrspiel. Doch jetzt tönen sie wieder. Hannover startet in eine kaum noch für möglich gehaltene Open-Air-Saison. In der HDI-Arena treten binnen vier Wochen drei der größten Rampensäue der Popwelt an, alle Briten, alle 40plus, und der Älteste macht den Anfang: Dave Gahan, 55, setzt den Maßstab, an dem sich Chris Martin am Freitag und Robbie Williams am 11. Juli messen lassen dürfen.

Aber was heißt eigentlich Größe? Es zeugt wohl von Selbstbewusstsein, dass Depeche Mode den mit Abstand kleinsten Aufwand betreibt. Jedenfalls technisch. Die Bühne vor der Nordkurve ist, naja, nicht gerade üppig, sie hat auch keine verborgenen Raffinessen oder Besonderheiten. Eher Typ Lister-Meilen-Fest XL, eine schwarze Kastenbühne, mit einem kleinen Steg. Es gibt Vorbands, die legen auf mehr Ausstattung wert. Die Vorband von Depeche Mode heißt Algiers und ist mehr Soundexperiment als Pop.

Aber sobald es gegen 21 Uhr losgeht, ist das alles egal. Da geht es um das Wesentliche, auf das sich hier alle konzentriert einlassen wollen. Das Wesentliche steht in einer dunklen Jacke erst oben vor der Leinwand, dann vorn an der Bühnenkante, schlingert etwas linkisch mit dem Körper hin und her und singt von Seelenverlust und der Rückkehr der Menschheit in die Steinzeit und wiederholt schließlich wie ein Mantra „We feel nothing inside“, immer wieder „We feel nothing inside“. Fängt so ein freudvolles Sommerkonzert an? Wenn es nach den 40.000 in der Arena geht – unbedingt. Und Regen? Was ist Regen?

„Going Backwards“, der Auftaktsong vom aktuellen Album „Spirit“ scheint perfekt in die politische Großwetterlage zu passen, eine Warnung, ein Aufruf zur Besinnung in unruhigen Zeiten. Und es ist auch eine Warnung vor einem Technisierungs- und Digitalisierungsgau. Das ist einen Moment lang eigentümlich für eine Popband, die einst mit elektronischer Musik groß wurde und bei Stromausfall einpacken musste.

Doch der Song passt zum stetigen Wandel der Band, live noch mehr als im Studio. Ja, es sind immer noch zwei Keyboarder auf der Bühne, neben Bandmitglied Andrew Fletcher der Tourneestammgast Peter Gordeno, aber mit dem Österreicher Christian Eigner ist seit langem ein Schlagzeuger mit dabei, und Depeche-Mode-Songschreiber Martin Gore ist fast nur noch an der Gitarre zu finden. Es ist also ein amtliches Rockkonzert – bei dem man sich ganz einfach auf den Standpunkt stellen kann, dass es sich selbst genug ist und kein Brimborium braucht. Lister Meile XL, das passt schon.

Zumal sich die Band auf ihren Frontmann verlassen kann. Zampano Gahan macht das schon. Er rudert, kreiselt, flattert, hämmert, ist Jesus, Dandy, Schamane. Schon nach dem ersten Song fliegt die Jacke wie eine lästige Verpackung vom Leib, ärmellos geht es durch das zweistündige Programm. Nach „So much Love“, einem weiteren frischen Song, reist Gahan mit den Fans Song für Song durch die zweite Hälfte der Bandgeschichte. „Barrel of a Gun“, das Rockbrett „A Pain That I'm Used To“, „Corrupt“, das musikalisch so fließende und per Video zu einem Erotiktanz hochgejazzte „In Your Room“ aus dem Jahr 1993. So richtig fröhlich wird es in der ersten Dreiviertelstunde nicht – was der Stimmung im Rund keinen Abbruch tut. Alles Experten hier in Hannover, der Depeche-Mode-Stadt. Seit 35 Jahren kommt die Band regelmäßig, viele singen alles mit, was die Band aus ihren 14 Studioalben für die musikalische Menüfolge gewählt hat.  

Erst als Gahan abgeht und seinem Kollegen Martin Gore die Bühne für zwei Songs überlässt, wird die Arena musikalisch wattiert: „A Question of Lust“ als nacktes, umjubeltes Klavierstück und „Home“ (mit großem Schlusschor) sind lupenreine Popballaden, die der Blondschopf mit sehnsüchtigem Schmelz vorträgt. Es ist fast dunkel mittlerweile, links über der Bühne entschuldigt sich die untergehende Sonne für die halbnassen Unannehmlichkeiten zuvor, und allen Minimalismen zum Trotz gibt es so etwas wie eine Lichtshow. Schließlich gibt es auch das, worauf die vor allem hiterprobten Zuschauer warten: alte Hits. Die Teeniepopphase rund um „Just Can't Get Enough“ spielt dabei glücklicherweise keine Rolle, aber „Everything Counts“, „Stripped“,  „Enjoy The Silence“ und "Never Let Me Down Again" führen das Konzert in ein euphorisches Finale.

Und jetzt zeigt sich auch die Größe dieser Band, die ihre Fans mit ihren Liedern und ihrer Präsenz so unnachahmlich zu durchdringen vermag. Dazu braucht es keine Monsterbühne, dazu muss niemand aus dem Boden geschossen kommen. Dazu reicht auch Lister Meile XL. Nur Strom für Licht und Ton, den braucht Depeche Mode auch heute noch. Dafür reicht Gahans Energie doch nicht ganz aus. Noch nicht.    

Für das Zusatzkonzert am Montag gibt es noch Karten an der Abendkasse.

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