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Offener Brief

„Haben wir in Niedersachsen jeden Respekt verloren?“

Im Folgenden dokumentieren wir in Auszügen einen Brief des ehemaligen Niedersächsischen Kultusministers und Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Ernst Gottfried Mahrenholz, der als SPD-Abgeordneter von 1974 bis 1981 Landtag saß.

"Haben die Verantwortlichen für den projektierten Bau des Plenarsaals eigentlich einmal in Ruhe Oesterlens Baukörper auf sich wirken lassen, bevor sie meinten, ihn beiseiteschieben zu können? Haben sie je wahrgenommen, wie kunstvoll die der Karmarschstraße zugewandte Seite als die dem Stadtbild und damit dem Bürger zugewandte verwirklicht worden ist? In der monumentalen senkrechten Gliederung durch nahezu vollkommene Proportionen von Glas- zu Steinflächen; zeitlos, weil sich diese Fläche der Fixierung auf eine Bautradition entzieht.

Hannover ist seit 1866 nur Provinzhauptstadt gewesen. Es gab nichts, was das Selbstbewusstsein Niedersachsens entwickeln konnte bis zur Errichtung des Landtages im ehemaligen Schloss mit dem Bau des Plenarsaals. Dieser ist der Schauplatz der großen politischen Landesereignisse: der Neuformierung der politischen Repräsentanz nach den Wahlen, der Vereidigung der Regierung, der Gesetzgebung und Regierungskontrolle, der Staatsbesuche in- und ausländischer Oberhäupter usw. Nichts kann den Gedanken unzerstörbarer Volkssouveränität anschaulicher zum Ausdruck bringen als die Größe und Einfachheit dieser Glas- und Steingliederung.

Auch dessen andere Seiten verraten architektonische Feinfühligkeit: Die Leine-Front lässt der schönen Schlossfassade den Vortritt, und die Front zum Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz bleibt zurückhaltend und voller Respekt gegenüber dem großartigen Portikus von Laves (...).

Haben wir in Niedersachsen jeden Respekt verloren vor einem Gebäude, das vor allen anderen in diesem Land die demokratischen Traditionen und Gesinnungen dieses zweitgrößten Bundeslandes Deutschlands symbolisiert? Stünde der Kubus 100 Jahre, so würde niemand auf die Idee kommen, diesen nicht unter Wahrung des äußeren Erscheinungsbildes zu modernisieren. Dies tat der Entwurf Koch/Panse, der 2003 den Ersten Preis erhielt. Glaubt irgendjemand, das Maximilianeum in München könne man ersetzen, weil es „den Anforderungen nicht mehr genügt“? Oder den Reichstag in Berlin? (...)

Was von den Anforderungen verlangt zwingend, den Denkmalschutz und die Symbolkraft des Plenarsaals untergehen zu lassen? Diese Worte stehen im Denkmalschutzgesetz! Zwingende Anforderungen sind diejenigen, ohne die der Landtag seine Arbeit nicht oder nur unter unzumutbaren Erschwernissen fortsetzen kann. Von solchen Zuständen hätten wir, lägen sie vor, etwas gehört angesichts der aufmerksamen Begleitung der Landtagsgeschehnisse in dieser Zeitung.

Und lassen wir das „Transparenz“-Argument aus dem Spiel. Der Leitartikel von Meyer-Arlt hat das Notwendige dazu gesagt, und die Leserin Frau Marianne Richter hat auf den Duden verwiesen: Transparenz ist „Deutlichkeit, Verstehbarkeit, Erkennbarkeit“. Das soll mit einem Landtagsneubau besser werden? Beseitigt er den Umstand, dass alle Entscheidungen hinter verschlossenen Türen fallen und das Plenum nur die – allerdings unverzichtbare – Aufgabe hat, der Öffentlichkeit den Streit der Parteien um den richtigen Weg zum Gemeinwohl deutlich zu machen? (...)

Eine kleine Anregung an die Stadt Hannover: zeitlich in Abständen für Abgeordnete eine zweistündige Führung durch Hannovers Innenstadt zu veranstalten. Vielleicht ist mein Eindruck nicht unberechtigt, dass die Abgeordneten dieses Landes Hannover als ihren Arbeitsort, den Landtag als ihre Arbeitsstätte betrachten, aber Hannover nicht als ihre Landeshauptstadt ansehen und den Landtag nicht als Ausdruck jahrzehntelanger demokratischer Gestaltung der Politik dieses Landes."

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