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Der Glaubenskampf ums Stillen

Der Glaubenskampf ums Stillen

Brust oder Flasche? Der Streit um die richtige Ernährung von Säuglingen wird immer heftiger geführt. Stillberaterin Frauke Bratz rät zu einer entspannten Haltung. Und jetzt soll es sogar eine Muttermilchbank geben. Ein Besuch bei Müttern, die gestillt haben – und bei Müttern, die zugefüttert haben.

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„Wenn eine Frau nicht stillen will, macht es keinen Sinn“: Nicht jeder Säugling nimmt auch die Brust. Für die Frauen im Offenen Babytreff in der List ist die Diskussion um Für und Wider von Brust und Flasche vor und nach der Geburt
allgegenwärtig. 

Quelle: (Foto: Katrin Kutter)

Hannover. Bei ihrer ersten Geburt verläuft fast nichts so, wie junge Mütter es sich erträumen. Zehn Tage über dem errechneten Termin ist Jessica, als plötzlich die Wehen einsetzen. Im Krankenhaus heißt es wegen heftiger Komplikationen sogar: Notkaiserschnitt. „Es war alles ein bisschen dramatisch“, erzählt die junge Frau, die mit ihrer kleinen Tochter an diesem Tag in die Babygruppe am Lister De-Haën-Platz gekommen ist. Bis auf das Stillen.

Das verläuft bei ihr völlig unkompliziert: „Ich wollte auf jeden Fall stillen“, sagt sie - und ihre Augen leuchten: „Schon deshalb, weil es die natürlichste Form der Ernährung ist.“ Die 31-jährige schwärmt davon, dass sie „so richtig zur Ruhe kommt“, wenn sie ihrem Kind die Brust gibt. Obwohl sie anfangs „dauerstillt“, ihr Kind also alle ein bis zwei Stunden anlegt, „weil es das wollte“. 35 Kilogramm an Gewicht verliert sie dabei. Dennoch: „Stillen sei so intim“, sagt die junge Mutter. Vermutlich auch deshalb will sie die innige Beziehung nicht selbst beenden. „Ich vertraue darauf, dass sich mein Kind selbst abstillen wird“, sagt sie. „Auch wenn ich dann vielleicht länger gestillt habe, als es die Gesellschaft toleriert.“

Wenn Jessica an diesem Tag im hannoverschen „Kinderhaus“ über ihre Art der Säuglingsernährung spricht, kann man aus jedem Blick, jeder Geste herauslesen, was ihr diese Erfahrung bedeutet. Wollte man die These „Stillen gehört zum Mutterglück“ illustrieren, Jessica wäre eine Vorzeigefrau. Das Besondere an diesem Vormittag aber ist, dass nicht nur stillende Mütter über ihre Erfahrungen berichten. Die Gruppe am De-Haën-Platz ist ein Offener Babytreff, einer der sich ganz bewusst - anders als die verbreiteteren Stilltreffs - zugleich an nicht-stillende und stillende Mütter wendet. Muttermilch oder Fläschchen: Beide Alternativen können hier nebeneinander bestehen.

Schwunghafter privater Handel mit Muttermilch im Internet

Das mag für Menschen, die keine Kinder haben, selbstverständlich klingen. Ist es aber nicht. Wie Frauen ihre Kinder in den ersten Lebensmonaten ernähren, ist in Deutschland ein hart umkämpftes Feld, gilt in England oder den USA gar als einer der schlimmsten „Mommy Wars“ auf öffentlichen Spielplätzen. Diskussionen darüber ähneln ideologischen Grabenkämpfen, in ihrer Heftigkeit vergleichbar denen, die um die „Herdprämie“ geführt wurden: die Frage also, ob Mütter ihre Kinder besser länger zu Hause behalten und dafür bezahlt werden oder früh in den Kindergarten geben. Wie sehr das Thema Stillen zum Aufreger taugt, zeigte unlängst der Fall einer Berlinerin, die in einem Café das Stillen verboten bekam. Sie startete aus Protest eine Onlinepetition, auf die sogar die Antidiskriminierungsstelle des Bundes reagierte: Mehr als 20.000 Menschen unterzeichneten sie bis heute.

So verzweifelt sind manche Frauen, wenn es mit dem Stillen nicht klappt, dass sich im Internet ein schwunghafter privater Handel mit Muttermilch entwickelt hat. Die niedersächsische SPD-Landtagsabgeordnete Immacolata Glosemeyer hat daher jetzt den Antrag zur Einführung einer sogenannten Muttermilchbank eingebracht. In zwei anderen westdeutschen Bundesländern gibt es so etwa schon. Die Sammelstelle, der Frauen überschüssige Milch spenden können, soll zunächst als Modellprojekt einer Kinderklinik angeschlossen werden.

Davon, wie Frauen ihre Kinder ernähren, leitet mancher schon die Bewertung darüber ab, ob sie gute oder schlechte Mütter sind. Stillen gilt als Ausdruck dafür, dass Mütter früh eine innige Bindung zu ihren Kindern aufbauen - und liegt im Trend. Das zeigen die sogenannten Brelfies, in den sozialen Medien gepostete Selfies von Müttern, die ihren Kindern die Brust (engl: breast) geben. Bis 2014 galten solche Fotos auf Facebook als pornografisch und wurden gelöscht. Heuten posten Frauen überall auf der Welt solche Bilder, um zu demonstrieren, dass Stillen etwas Natürliches ist. Ein ungewollter Nebeneffekt: Die oft sehr intimen Bilder können auch Voyeuren eine Spielwiese für ganz andere Vergnügungen bieten.

Promi-Mütter üben sozialen Druck aus

Dennoch: Selbst Stars wie Pink, Gwen Stefani oder Alanis Morissette haben die Macht der Brelfies entdeckt: Gisele Bündchen postete eines, wo sie ihr Kind anlegt, während sie für einen Job gestylt wird: Superfrauen wollen per Stillen beweisen, dass sie Supermütter sind. Kein Wunder, dass dadurch Druck auf nicht-stillende Frauen entsteht. Unter dem Hashtag #Bressure (abgeleitet vom Englischen pressure - Druck) kann man ihre Sicht der Dinge in den sozialen Medien finden. Oft fühlen sie sich als Rabenmütter, haben Versagensängste, Schuldgefühle. Dabei betonen erfahrene Stillberaterinnen, wie unsinnig die Behauptung ist, eine so enge Mutter-Kind-Bindung könne anders nicht aufgebaut werden.

Die heute 58-jährige Frauke Bratz berät seit mehr als 30 Jahren Frauen beim Stillen, bietet seit vielen Jahren eine Stillgruppe in Laatzen an - und kommt auch in der Offenen Babygruppe am De-Haën-Platz regelmäßig vorbei. Wichtig sei, dass werdende Mütter unbeeinflusst vom Mann, von der Familie, von der Gesellschaft, für sich herausfänden, was für sie das Richtige ist. Werdende Mütter sollten sich gut informieren, beim Gynäkologen oder bei der Hebamme, möglichst schon während der Schwangerschaft, rät sie. Wie die Entscheidung der Frauen dann ausfalle, müsse deren Sache sein. „Wenn eine Frau nicht stillen will, macht es keinen Sinn, es zu versuchen“, sagt Bratz: „Und es ist völlig in Ordnung, wenn sie ihr Kind mit der Flasche aufzieht.“

Dennoch: Die Mär von der engen Stillbeziehung zwischen Mutter und Kind belastet viele Mütter. Zumal die Frauen vom De-Haën-Platz bestätigen, wie präsent das Thema vor der Geburt ist: In jedem Säuglingsratgeber gehe es ums Stillen, sagt eine. Eine andere: In jedem Geburtsvorbereitungskurs werde einem eingebläut, wie natürlich das Stillen sei.

"Es war die Hölle"

Das merkt man auch Diana an, einer Mutter aus der Babygruppe, die ihrem Kind die Flasche gibt. „Ich hätte gerne gestillt“, sagt sie. Und: „Wir haben am Anfang nicht so die Nähe miteinander gehabt.“ Dabei bleibt wenig übrig vom verklärenden Blick auf ein vermeintliches Mutterglück beim Stillen, wenn die 34-Jährige ihre Geschichte erzählt. 13 anstrengende Stunden verbringt sie im Kreißsaal, ehe ihre Tochter zur Welt kommt. Weitere 25 Stunden dauert es, bis sie, müde, erschöpft, gestresst, ihre Tochter zum ersten Mal an die Brust legt. „Viel zu spät“, weiß sie heute. Es war voll im Krankenhaus, zehn Frauen, so erinnert sie sich, bekamen gleichzeitig Kinder. Wegen Überlastung hätten die Hebammen sie wohl nicht darauf hingewiesen, wie wichtig es für das Stillen sei, ein Neugeborenes sofort anzulegen, vermutet sie heute.

In ihren ersten Lebenstagen verliert Dianas Tochter auch noch mehr als zehn Prozent an Gewicht: Man rät ihr zuzufüttern. Die 34-Jährige tut das auch - stillt aber zusätzlich weiter: Vier Wochen lang, dann gibt sie auf. Nie habe ihr Baby danach gesättigt, zufrieden gewirkt. Im Gegenteil, es habe immer weiter geschrien: „Ich war eigentlich den ganzen Tag mit Stillen und Zufüttern beschäftigt“, sagt Diana heute: „Ich wollte unbedingt, dass es klappt, aber es ging nicht. Es war die Hölle.“

Es ist wohl noch eher selten, dass Frauen zum Nichtstillen ein unverkrampftes Verhältnis haben wie Alexandra. Die 35-Jährige findet an diesem Tag erfrischend deutliche Worte dafür, dass sie Stillen nicht mag. „Es war nie toll, hat immer geschmerzt“, sagt sie trocken. Bereits in den ersten Tagen nach der Geburt habe sie einen Riss in der Brustwarze gehabt und Antibiotika nehmen müssen. Weil sie immer wieder gehört habe, wie gut die Nährstoffe in der Muttermilch für Babys seien, habe sie weitergemacht. „Total nervig“ sei es gewesen, sich ständig zu fragen: Will das Kind jetzt trinken, und passt es gerade für mich?

Nachdem sie für deutsche Verhältnisse relativ früh - nach vier Monaten - begonnen hatte zuzufüttern, habe sie noch ein paar Wochen ein schlechtes Gewissen gehabt, sagt Alexandra. „Danach war ich froh: Ich war das Gedöns los!“

Nachgefragt: Bindung ohne Stillen?

Interview mit Frauke Bratz, 58, seit mehr als 30 Jahren Stillberaterin.

Frau Bratz, warum stillen Frauen?

Viele entscheiden sich dafür, weil es die natürliche Nahrung ist. Zudem besitzt die Muttermilch sehr viele Inhaltsstoffe, die sich zum Beispiel auf das Wachstum oder die Abwehr positiv auswirken. Deshalb nennt man die Muttermilch auch weißes Blut. In der Fertignahrung dagegen sind erheblich viel weniger Inhaltsstoffe.

Sollten Frauen in jedem Fall versuchen zu stillen, weil die Muttermilch so gesund ist?

Nein. Wenn eine Frau das nicht möchte, ist es ihre Entscheidung. Dann ist es gut, dass es Fertignahrung gibt und sie und das Kind das auch anders regeln können. Die Mutter-Kind-Bindung, die durch das Stillen entsteht, kann sie auch anders aufbauen. Dass sie ohne das Stillen nicht entstehen kann, ist Quatsch.

Wo finden Frauen bei Anlaufschwierigkeiten Hilfe?

Man kann im Krankenhaus oder bei einer Hebamme Rat suchen. Es gibt dazu die sogenannte Laktationsberatung – Laktation ist der Fachbegriff für die Produktion von Muttermilch – und ehrenamtlich geleitete Stillgruppen.

Wie lange soll man stillen?

Empfohlen werden ungefähr sechs Monate. Es gibt aber immer Kinder, die etwas früher Beikost wünschen, andere wünschen es etwas später.

Frauen, die ihren Kindern die Brust geben, beklagen oft, dass Stillen gesellschaftlich nicht wirklich akzeptiert ist. Wie sehen Sie das?

Frauen, die stillen, können jedenfalls eigentlich nichts richtig machen. Ein Vorwurf, der ihnen oft von älteren Frauen, manchmal sogar von den Müttern, Großmüttern, Tanten, gemacht wird, ist: Die Milch reicht doch nicht, willst du dem Kind nicht was Richtiges geben? Wenn ein Kind nachts häufig aufwacht, wird stillenden Frauen oft empfohlen: ,Gib deinem Kind was Richtiges zu essen, dann hört das auf’. Dabei ist es völlig normal, dass Babys nachts häufiger aufwachen: Sie haben einen leichteren Schlaf und wachen deshalb auch leichter auf. Zwischen Flaschenkindern und gestillten Kindern gibt es zudem beim Durchschlafen keine Unterschiede.

Wie stehen Sie zum Thema Stillen in der Öffentlichkeit?

Auch darum wird oft heftig gestritten. Ich finde es wichtig, dass in der Öffentlichkeit gestillt werden darf. Denn nur so wird deutlich, dass Stillen etwas ganz Normales ist. Aus meiner Erfahrung sind es die allerwenigsten Frauen, die sich in der Öffentlichkeit die Bluse aufknöpfen, das Kind anlegen und sagen: ‚Ich still’ jetzt mal‘. Frauen, die dezent stillen wollen, haben zudem heute viele Möglichkeiten. Es gibt mittlerweile Stillkleidung: Stillkleider, Still-T-Shirts, die sich an den betreffenden Stellen auf- und zuklappen lassen und die die Brust beim Stillen fast völlig verdecken.

Interview: Jutta Rinas

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